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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 61

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Wir Deutschjuden
Date
1916-04-01
Page
61 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 61 um als Vorstufe der palästinensischen betrachtet werden zu können. Sie wird ein unabhängiges Leben führen, neben der palästinensischen, die in neu zu schaffenden, von vornherein gesünderen äußeren Bedingungen und in innigerem Anschluß an die jüdische Antike erstehen soll. Wohl werden — trotz den chauvinistischen Entgleisungen vieler Neupalästinenser — innige Beziehungen die beiden jüdischen Kulturen verflechten, aber ohne ihre gesonderten Richtungen zu verrükken. Für den Westjuden handelt es sich um die Entscheidung, in welchen der beiden nationalen Kulturkreise er sich oder seine Kinder einstellen will; selbstverständlich soll damit nicht gesagt sein, daß er einen der beiden ignorieren müsse. Er wird beide liebevoll zu begreifen suchen, um einen als seine Angelegenheit zu wählen. Dem Zionisten bliebe danach der erste Vorschlag Lemms, Erziehungsheime in Palästina zu errichten. Das Opfer der Eltern an Glück, von dem Lemm spricht, sollte nicht abschrecken. Aber auch die Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern, die Pflicht, ihnen eine freie und geistige Entwicklung zu sichern, erschwert die Durchführung des Vorschlags. Gelänge es, Anstalten zu gründen, deren Lehrpersonal ein völliges Vertrauen in dieser Beziehung einflößt, so würde für einen kleinen, aber wichtigen Kreis westlicher Juden in der Tat ein befreiender Ausweg gefunden sein. Ludwig Strauß Antisemitismus In einer Reihe von Artikeln, die in der in Petersburg erscheinenden russisch-jüdischen Zeitschrift „Jewrejskaja Schisnj" (Das jüdische Leben) veröffentlicht worden sind, hat der bekannte russisch-jüdische Publizist D. Pasmanik die so vielbesprochene und heißumstrittene Frage des Antisemitismus wieder einmal zum Gegenstand einer eingehenden Behandlung gemacht. Und zwar handelt es sich diesmal um die russische Abart des Antisemitismus, über deren Charakter und Wesen der Verfasser der besagten Artikel auf Grund unmittelbarer Beobachtungen uns einige belehrende Aufschlüsse gewährt, und manche anregenden Gedanken entwickelt, die auch für die Frage des westeuropäischen Antisemitismus eine gewisse Bedeutung haben dürften. Die innere Zusammensetzung des russischen Antisemitismus scheint unserem Verfasser viel komplizierter, als die des westeuropäischen zu sein, denn der russische Antisemitismus schließt noch viele Bestandteile in sich ein, die der westeuropäische unter dem Einfluß vorwiegend wirtschaftlicher Faktoren bereits ausgeschieden hat. Der Verfasser teilt uns eine Reihe persönlicher Beobachtungen mit, die er aus einem jahrelangen Umgang mit Russen aus den verschiedensten Gesellschaftskategorien schöpfte. Diese Beobachtungen sind an sich gewiß sehr wichtig und interessant. Wichtiger jedoch erscheint uns hier die prinzipielle Unterscheidung, die der Verfasser zwischen dem russischen und dem westeuropäischen Antisemitismus machen zu können glaubt. Bei all der Vielgestaltigkeit des russischen Antisemitismus trage dieser einen ausgesprochen subjektiven Charakter, während der westeuropäische eine vorwiegend objektive Orientierung aufweise. Während der russische Antisemitismus vorwiegend von Affekten und Stimmungen durchtränkt sei, stelle der westeuropäische die Erkenntnis der objektiven Lage der Dinge in den Mittelpunkt seines judenfeindlichen Programms, und mache diese Erkenntnis zur Richtschnur seines Verhaltens gegenüber den Juden, die eben kraft der objektiven wirtschaftlichen Verhältnisse ihm als die natürlichen Konkurrenten und Widersacher der einheimischen nicht-jüdischen Bevölkerung erscheinen. Während also der russische Antisemitismus aus der Quelle des Unbewußten seine Nahrung ziehe, beruhe der westeuropäische auf einem vollständig bewußten, klar erkannten Kalkül. Wir müssen gestehen, daß diese Unterscheidung insofern zutrifft, als der russische Antisemitismus ganz gewiß manches Überbleibsel in sich birgt, von dem der westeuropäische längst gesäubert worden ist. Aber ob dieser westeuropäische Antisemitismus so ganz objektiv ist, wie der Verfasser es hinstellt, ist zumindest sehr fraglich. Wenn auch der Antisemitismus nicht die konstante Begleiterscheinung der Geschichte der Diasporajudenheit bildet, wie manche es haben wollen, wenn er auch nicht der unentrinnbare Schatten ist, den der ewige Jude auf seinen Wanderungen mitschleppt, wie gar mancher unter den Juden sich ihn vorstellen mag, so geht es doch trotzdem nicht an, ihn bloß als Produkt einer rein wirtschaftlichen Konkurrenz aufzufassen. Wir brauchen durchaus nicht den Antisemitismus etwa metaphysisch zuzuspitzen, ihn in den Geschicken der Judenheit als solchen zu verankern und nach Art gewisser zionistischer Theoretiker zwischen ihm und der Diasporajudenheit so etwas wie eine prästabilierte Harmonie zu statuieren, um zu der Schlußfolgerung zu gelangen, daß er keine einfache Konkurrenz-

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