Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 60

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Wir Deutschjuden
Date
1916-04-01
Page
60 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101112-8875855-3101356--0099-3101444
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6o Bemerkungen stofflichen Gestalt und der Stoff seine Sehnsucht nach Vergeistigung. Die ideale Verwirklichung der Nationalität, die ganz reine Ausprägung nationaler Formen aus dem nationalen Wesen, sie wäre keine Kette des Geistes mehr, sondern eine in sich geschlossene, vom Geiste beherrschte und organisierte stoffliche Welt, wie etwa das vollendete Kunstwerk, wie jede völlig wesentlich gestaltete Lebenserscheirmng überhaupt: eine Heimat des Geistes in der Realität. Ihr müssen wir zustreben. Darum dürfen wir das ,,Materielle** und seine räumlich-zeitlichen Sonderungen nicht als das an sich Mächtige zu übersehen suchen. Wir müssen es mit der Sehnsucht des Geistes in uns erfassen und sein Leben rein halten, damit es zum Körper des ewigen Geistes tauge. Von den vielen allgemeinen Fragen, die in der kleinen Schrift nebenher berührt werden und zu denen sehr viel zu sagen wäre, will ich hier noch eine wählen, die Lemm nur ganz unklar beantwortet: die nach dem Verhältnis von Nationalität und Staat. Lemm meint an einer Stelle geradezu, die staatlichen Einrichtungen sollten die Sprache der Nation sein, an einer andern: ,,Mit dem Gewichtlegen auf die jüdischen Teile (ihres Wesens) wird den Deutschjuden ihre staatsbürgerliche Stellung in Deutschland nicht unterminiert." Sollte diese zweite Äußerung, die so gar nicht zu der ersten stimmt, nicht der Ausdruck eines sachlichen Gefühls sein, daß die staatlichen Einrichtungen etwas ganz anderes als die „Sprache der Nation" seien, nämlich gerade die Sprache ihrer unpersönlichsten, am wenigsten spezifisch national gerichteten Energien? Seit Jahrhunderten ist der Staat dabei, sich immer mehr von dem Wechseleinfluß individueller Mächte (Religion, Tracht, Sitte, Meinung) zu befreien und sich Aufgaben zuzuwenden, deren Erfüllung nur durch die allgemeinen Gesetze der Zweckmäßigkeit in ihrer Spezialisierung für den jeweiligen Fall bestimmt wird. Es kann — trotz momentanen Gegenströmen — nicht ausbleiben, daß die Nationalität (im Wesen keine soziale, sondern eine individuell-kulturelle Erscheinung) auf die gleiche Art vom Staate, dem Organisator der äußeren, sozialen Beziehungen, abgestreift wird. Der Staat wird die Beziehung der Nationen als Kollektivpersonen wie die der Einzelpersonen regulieren, ihren Kampf aus den groben und unwesentlichen in die feinen und wesentlichen Gebiete der wirtschaftlichen und geistigen Kraftäußerung zurückdrängen und sich selbst mit keiner einzelnen identifizieren. Wir sehen übrigens neben der geistigen überall die praktische Notwendigkeit an der Arbeit, diesen anationalen, reinen Staat zu schaffen. Die Arbeit Lemms zeichnet sich durch einen praktischen Vorschlag aus, der erörtert zu werden verdient. Die national gesinnten Juden des Westens sollen ihre Kinder von vornherein in ein rein jüdisches Milieu einzustellen suchen, um den für unsere Generation nicht voll überwindbaren Zwiespalt für eine spätere unwirksam zu machen. Zu diesem Zweck schlägt der Verfasser zunächst die Errichtung von Erziehungsheimen (etwa nach Art der freien Schulgemeinden) in Palästina vor. Die sechsjährigen Kleinen sollen diesen Heimen überlassen werden, und nur durch Ferienaufenthalt zu Hause soll der Kontakt zu den Eltern gewahrt bleiben. Etwas Ähnliches ist übrigens praktisch schon geübt worden: viele ostjüdische Familien schicken ihre Söhne in die hebräischen Schulen Palästinas. Nachdem Lemm durch den Krieg zum jüdischen Osten geführt worden ist, scheint auch ihm wie so vielen anderen sein Bild der Judenheit sich gewandelt zu haben. Er will den Osten (Polen oder Galizien) als ,,Mittelland" anerkennen. Weniger sprunghaft, meint er, wird die Entwicklung vom schwachen Judentum des Westens zu dem freien und starken Judentum Palästinas sich vollziehen, wenn ein Schul- und Kolonisationssystem im Osten, womöglich auch eine deutschjüdische Universität die Judaisierung beginnen würde. „Jenes Land ein großes Filter, aus dem in jahrzehntelanger Klärung wieder ein reineres Judentum hervortropft." Ohne weiteres leuchtet es ein, daß diese Lösung nur der kleinen radikal-nationaljüdischen Schicht des Westens erwünscht und durchführbar wäre. Also wäre z.B. eine spezielle deutschjüdische Universität technisch unmöglich. Günstigstenfalls würden einige Schulgemeinden errichtet werden können, die ihre Zöglinge genügend judaisieren sollten, um sie zum Besuch der früher oder später notwendigen großen jüdischen Universität zu befähigen. Was die Idee des „Mittellandes" betrifft, so hat, scheint mir, dem Verfasser hier der Evolutionsgedanke das Bild der Tatsachen verschoben. Die ostjüdische Kultur ist dem Westjuden ebenso fern wie die entstehende neuhebräische. Gerade die Verwandtschaft des Jiddischen mit dem Deutschen wird es dem Deutsch juden schwer machen, es ohne Beziehung zum Deutschen, als jüdische Wesensäußerung zu erleben, was ihm beim Hebräischen selbstverständlich ist. Auch ist die ostjüdische Kultur viel zu sehr in sich geschlossen und zu eigenen Zielen gerichtet1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.