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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 59

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Palästinensische Literatur im Kriege
Date
1916-04-01
Page
59 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 59 ten Heimat nicht entfernt zu sein. Und soweit sie die äußere Macht nicht gezwungen hat, Palästina zu verlassen, blieben sie auf dem Posten trotz aller Gefahr, füllten die Lücken, die durch die Ausweisung und Flucht der Schwächeren entstanden waren, nach Kräften aus und spinnen den Faden der Geschichte des neuen Jischub mit Entschlossenheit und Selbstaufopferung fort. Gleichzeitig erhielten wir beides: die Nachricht, daß unter den Arbeitern Palästinas mittaglose, nicht selten sogar auch brotlose Tage zur regelmäßigen Lebenserscheinung wurden, und diese denselben Arbeiterklassen entstammenden publizistischen und literarischen Sammelbücher, die der Selbstvertiefung und inneren Orientierung dienen sollen. Von all den materiellen Leiden sprechen diese Blätter so gut wie gar nicht. Als ob es um die knappen Seiten, auf denen ein freier Gedanke, eine treffende Beobachtung, ein schöner Reim und ein ernster Rat Platz finden können, schade wäre, wenn man sie mit solchen „Kleinigkeiten" ausfüllen wollte. Selbstwürde und bescheidenen Stolz atmen die Zeilen dieser Schriftsteller, die zu gleicher Zeit am Pflug oder am Schultisch tätig sind. Von den beflügelten Hoffnungen, die manche Zionisten in Amerika und Rußland gerade auf diesen Krieg setzen, ist hier nichts zu merken. Aber auch keine Verzweiflung. Kein Schimmer jener machtlosen Erbitterung und Nervosität, die vor Ausbruch des Krieges die Arbeiterpresse Palästinas so oft beherrscht hat, ist mehr vorhanden. Wir vermissen auch den üblichen Pessimismus gegenüber der Diaspora-Judenheit und die Geringschätzung ihrer nationalen Leistungsmöglichkeiten. Der Ernst der Zeit hat die Grundsteinleger Palästinas reifer und mannhafter gemacht. Isoliert, über die Zukunft unklar, sind sie entschlossen, ihren kraftvollen Willen durchzusetzen. Daher sind diese dünnen, bescheidenen Sammelhefte keine Lektüre, die man nur durchliest und, sie in den Schrank stellend, zur Tagesordnung übergeht. Tröstend verpflichten sie, mahnen zur Tat. S. „Wir Deutschjuden"*) In den letzten Jahren haben große deutsche Blätter mehr als einmal Auseinandersetzungen deutscher Juden mit ihrer inneren und äußeren Situation veröffentlicht. Durchweg von Männern einer hohen Bewußtseinsstufe verfaßt, hatten sie einen bedeutenden Wert für die *) Alfred Lemm, Wir Deutschjuden (Februarheft der „Tat"). Klärung der öffentlichen Meinung über eine höchst komplizierte und von Außenstehenden leicht ungerecht und flüchtig beantwortete Frage. Der Charakter des persönlichen Bekenntnisses ist ihnen gemein und damit zusammenhängend eine Art, Sachliches vorauszusetzen oder beweislos anzudeuten. Das schränkt den theoretischen Wert dieser Versuche oft erheblich ein und erschwert immer die Diskussion über ihre Resultate. — Eine Arbeit dieser Art ist der Artikel Lemms. Er enthält ein gut und intensiv gesehenes Bild der Lage des deutschen Juden, der seine Nationalität nur in der besonderen Nuancierung seiner fremdnationalen Lebensformen zu äußern vermag, der weder in der deutschen noch in der jüdischen Kultur ganz zu Hause ist und für seine Person auch die glatte Entscheidung für einen der beiden Kulturkreise kaum durchführen kann. Von den Grundanschauungen Lemms sei nur einiges erwähnt und andeutend, wie es gesagt ist, besprochen. „Die Nationalität — die räumliche Differenzierung des Menschen — gibt den Raum ab, um Mittel zu sein für das Tätigwerden des Geistes, und wird dessen Träger, an den er gefesselt ist. So ist Nationalität eine jener vielen Erdenschweren, eine Behinderung, hervorgehend durch unser Bestehen aus Materie." „Nationalität ist eine Not des Geistes." „Die. Menschheit muß versuchen, die herabziehenden Forderungen von Raum und Zeit zu überhören. Von selbst fällt ihnen, den notwendigen, noch genug zu." In einem Bereich des geistigen Lebens, dem der reinen Erkenntnis, ist freilich das Hinausstreben aus jeder Spezialisierung zum abstrakt wirkenden Verstände und Bewußtsein von selbstverständlicher Notwendigkeit. Nicht in dem großen Bereich der persönlichen wie allgemeinen Lebensgestaltung. Hier ist Lemm aus dem Wissen um die Zweiheit von Geist und Materie — ich übernehme der Kürze halber seine Terminologie — zu einer fast mechanischen Trennung der beiden verführt worden. Wohl wird der Geist durch seine Gebundenheit an die materielle Welt auch in Bedingungen eingestellt, die ihm wesenswidrig sind, und vor allem in solche, die sein Wesen nicht verlangt. Aber die ersten sind zu bekämpfen und die letzten zur Masse des formenden geistigen Willens zu machen. Die Aufgabe der Menschheit ist die sinnvolle Einung der oft sinnlos verketteten Mächte. Die „Materie", die in unserem Aktionsbereich liegt, nach den Forderungen des Geistes zu gestalten, den Geist in ihr konkret zu bilden, dies ist unsere sittliche Aufgabe. Denn in uns hat der Geist seine Sehnsucht nach der

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