Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Palästinensische Literatur im Kriege
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 58 (sequence 2)
- Language
- German
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58 Bemerkungen druckt/* So stellt ein bekannter jüdischer Bibliograph fest. Ein solches Zeichen unsäglicher Leiden haben auch die letzten zwei Kriegsjahre in der Literaturgeschichte des europäischen Judentums hinterlassen. Für das „Volk des Buches" welch eine charakteristische und vielsagende Stummheit! Ein Teil der Heimat des jüdischen Buches ist zum Kriegsschauplatz geworden. Für den anderen Teil — im weiten Rußland — ist eine Verfolgung erfunden worden, die die Neuzeit niemals und nirgends gekannt hat, eine Verfolgung des „mit hebräischen Lettern geschriebenen" Wortes. Als hätte der Feind erfahren, daß wir während der letzten Generationen im Kampfe für unsere nationale Existenz eine neue Waffe geschmiedet haben, das moderne jüdische Wort, und beschlossen, auch diese uns aus der Hand zu schlagen. Da erscheint uns als besonderer Trost und Zuspruch die Tatsache, die wir mit Dank und Andacht bewahren und der Nachwelt übergeben: der einzige Ort, an dem diese drückende Stille unterbrochen wurde, war das Land unserer großen Hoffnung, und der arbeitende Jude war es, der es tat. Auch dieses Land blieb nicht von den Schrecknissen der Zeit verschont; Schwert, Heuschrecken, Haß und Verleumdung wetteiferten miteinander. Auch an Verfolgungen politischer Natur mangelte es nicht. Unter anderem traf der Pfeil auch die Literatur. Die pädagogische Zeitschrift wie auch die Monatsschrift für die Jugend fielen zuerst. Später kam die Reihe an die Arbeiterpresse, die mehr auf das palästinensische Leserpublikum selbst angewiesen ist und auch trotz der Isolierung von der Diaspora am Leben hätte bleiben können. Bald aber wurde das Organ der „Poale Zion", die Wochenschrift „Achdut". behördlich eingestellt, und ihre Redakteure wurden aus der Türkei ausgewiesen. Später teilten dasselbe Schicksal auch die Redakteure der älteren Zeitschrift „Hapoel Hazair". Trotzdem wurde das moderne hebräische Wort nicht erstickt. Im Mai 1915 wurde von einer Gruppe Mitarbeiter der eingestellten „Achdut" ein Sammelbuch „Ben Hamzarim" *) (In der Klemme) herausgegeben, zwei Monate darauf ein zweites Sammelbuch desselben Namens**), und vor kurzem, im Februar 1916 erschien eine neue Sammlung, diesmal von den Mitarbeitern des „Hapoel Hazair" mit dem Titel *) „Ben Hamzarim", Sammelbuch für die Interessen der Arbeiter und Volksmassen in Palästina. Herausgegeben von Serubabel, I. Ijar 5675» Verlag Achdut, Jerusalem. **) id. II. Tammus, Verlag Scheresli. „Beschaa su ..*) (In dieser Stunde), die auf dem Titelblatt das versprechende Aleph trägt, zum Zeichen, daß noch ein Beth folgt. Von heroischer Hartnäckigkeit und tatvoller Entschlossenheit zeugen diese bescheidenen Blätter. Die Annoncen auf dem Umschlag verkünden, daß der Zoologe I. Ahroni den ersten Band seiner Zoologie, ein Lehrbuch für hebräische Mittelschulen veröffentlicht hat. Ein Gymnasiallehrer (Dr. Gurwitsch) verfaßte „Grundlagen der Integral- und Differenzialrechnung" und ein Kollege von ihm, Dr. Rosenstein, gibt eine hebräische Sammlung mathematischer Aufgaben heraus; in Jaffa wird eine neue „Einleitung und Kommentar zum Buch Hiob" im Druck vorbereitet und Jakob Rabinowitsch schreibt im Sammelbuch „Beschaa su" den Anfang einer Reihe von Studien zur Geschichte der neuen hebräischen Literatur. Eine Besprechung erzählt sogar von einer neuen Sammlung lyrischer Gedichte, die ein junger hebräischer Lyriker — Ascher Barasch — Ende 1915 in Jaffa in einer geschmackvollen Ausgabe veröffentlicht hat... Eine friedliche schöpferische Kulturarbeit mitten im Völkerringen! Was diese Kulturarbeit kostet, werden wir vielleicht nach Wiederkehr des Friedens erfahren können. Vorläufig wissen wir nur, daß nach der Herausgabe des ersten Heftes von „Ben Hamzarim*' der Redakteur eingesperrt und zu schwerer Strafe verurteilt wurde. Über die Mitarbeiter des zweiten Heftes schwebte monatelang ein drohender Prozeß. „Beschaa su" erschien unter militärischer Zensur und trägt vielsagende weiße Flecken. Nicht weniger beschwerlich waren die inneren Umstände, unter denen diese Veröffentlichungen entstanden. Gründer, Herausgeber, Schreiber und Leser dieser Sammlungen gehören ausschließlich den Kreisen der Arbeiterschaft und des Lehrerpersonals an, die auch die Gefahren des Weltkrieges und die völlige Isoliertheit Palästinas nicht bewegen konnten, die Scholle zu verlassen. Ohne voraussehen zu können, welche Folgen der Krieg für Palästina haben kann, ohne zu ahnen, welche Bedeutung Qualität und Quantität der gegenwärtigen jüdischen Siedlung in Palästina für den Gang der Dinge haben kann, fühlten sie intensiv die Pflicht und das innere Bedürfnis, in dieser schicksalsschweren Stunde von ihrer schwergeprüft *) „Beschaa su ...", Sammelbuch für Literatur- und Jischuwfragen. I. Jaffa, Schwat 5676, Verlag „Aboda". Herausgegeben von Jakob Efter.