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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 43

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Arbeit
Date
1916-04-01
Page
43 (sequence 7)
Language
German
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R. Salman: Emanzipation und Entjudung 43 zu ertragen, freilich in nicht so großem Maße. Denn erstens berührte ihr Streben nicht den Geldbeutel und zweitens erforderte es nicht der Hände Mühe und den Schweiß des Antlitzes, es erforderte keine gänzliche Umstürzung des gewohnten Lebens, Trotzdem können wir sehr viel von ihnen lernen. Vor allem, daß auch der Wille einzelner sehr viel zu leisten vermag. Dann, daß wir für unseren Gedanken Fanatiker brauchen. Man mag sagen was man will, die Wiederbelebung der Sprache verdankt viel den Sprachfanatikern. Möglich, daß sie manchmal übertrieben und übertreiben; aber abgesehen davon, daß die Natur dieser Sache oft solche Fehler erfordert, kann man ihnen vieles verzeihen. Wenn wir keine Sprachfanatiker gehabt hätten, wer weiß, ob das hebräische Sprechen dann die Stufe erreicht hätte, auf der es heute steht. Und wenn wir nicht auch in Zukunft solche Fanatiker haben werden, wer weiß, ob es uns gelingen wird, die Sprache wirklich lebendig zu machen. Fanatiker der Arbeit tun uns not, natürlich Fanatiker im besten Sinne des Wortes. Dem, der sich in den Gedanken vertieft hat, brauche ich nicht zu erklären, wie schwer diese Sache ist, aber ich brauche ihm auch nicht klar zu machen, wie notwendig sie ist. A. D. Gordon EMANZIPATION UND ENTJUDUNG Die jüdische Nationalität, die im Wechsel der verschiedensten historischen Epochen es stets verstanden hat, die Erhaltung ihrer Individualität auf gesetzlichem Wege zu sichern, scheint die Prüfung der westeuropäischen Emanzipation nicht bestanden zu haben. Die jüdischen Privilegien des Mittelalters und der Neuzeit enthielt immer Garantien für ein autonomes, jüdisch-nationales Dasein in sich. Als aber Frankreich und später Deutschland eine moderne Volksverfassung erhielt, schienen sich die Juden dieser Länder mit der Aufhebung staatsbürgerlicher Beschränkungen zu begnügen und sich gar nicht mehr zu bemühen, die neuen politischen Verhältnisse mit ihrer historischen Tradition auf juridischem Wege in Einklang zu bringen. Manche späteren Beobachter, die mehr die Wirkung der Tatsachen selbst als ihren inneren Sinn ins Auge faßten, glaubten darin ein historisches Gesetz sehen und die Assimilation als unvermeidliche Folgerung jederEmanzipation überhaupt proklamieren zu müssen. Sie prophezeiten daher denselben Vorgang für die noch nicht emanzipierten Juden, sobald nur die Länder, in denen sie wohnen, den Weg der allgemeinen Demokratisierung und Judenbefreiung betreten würden. Bei geschichtlichen Analogien kommt es aber nicht bloß auf die Identität der äußeren Ereignisse an, sondern vielmehr auf die innere Struktur der dabei beteiligten sozialen Subjekte. Ein Blick in die inneren Kulturverhältnisse der französischen Judenheit zur Zeit der Revolution genügt, um sich über die Haltlosigkeit dieses Analogiesatzes eine Meinung zu bilden. Die Entrollung eines Kulturbildes dieser Ersten, die die Wohltat der Emanzipation genossen, hat übrigens heutzutage noch ein Nebeninteresse. Manche der Züge, die dieses Kulturbild an sich trägt, treten uns gerade heute angesichts der neuen Kluft, die manche westjüdischen Kreise zwischen sich und der Ostjudenheit aufreißen, besonders lebendig entgegen.

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