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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 3

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Die Losung
Date
1916-04-01
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Die Losung 3 Das Judentum nimmt an dem Kampfe nicht teil, aber es sieht ihm auch nicht zu. Es ist nicht „neutral". Der Neutrale steht, auch wenn er nicht heimlich Partei ergreift, in der Welt dieses Kriegs; das Judentum steht außerhalb ihrer, es hat seinem Wesen nach keinen Platz in ihr. Es wird in seinen Gliedern durch den Krieg heimgesucht und erleidet das Kriegsschicksal in ihnen; aber in seiner Substanz kann es von ihm nicht berührt werden. Wenn wir von dieser Substanz, die den Judenschaften der Erdenländer, der Vielfältigkeit ihrer Artungen und Geschicke und der Zerrissenheit dieses Augenblicks in ihrer mächtigen Einheit gegenübersteht, als von einem lebendigen Volkstum sprechen, wenn wir sie in der Diaspora zu sichern und zu festigen streben, wenn wir ihr eine zentrale Stätte, einen organischen Mittelpunkt in Palästina bereiten wollen, so gehen wir nicht darauf aus, eine Nationalität mehr zu den Nationalitäten zu fügen, die einander in diesem Augenblick bekämpfen oder belauern. Es ist nicht die Sache des Judentums, zur Völkertrennung beizutragen, sondern seine Sache ist, der Völkerverbindung zu dienen. Die völkerverbindende Funktion des Judentums hat heute eine niedere und eine hohe Form. Die niedere betätigt sich unter den Wurzeln der Völker; sie wird geübt von den Abgesplitterten und Abgearteten, den Herren und Knechten des Kapitals. Der gegenwärtige Nationalismus ist eine legitime Auflehnung gegen diese Form der Völkerverbindung. Die hohe rauscht über die Wipfel der Völker hinweg; das ist der Aufschwung der weltbegeisterten Juden, die eine neue Humanität bereiten helfen. Die dritte, die wir meinen, die irdische, die das Sein der Völker nicht unterhöhlen und nicht überflügeln, sondern verbinden und verbünden will, ist keine Wirklichkeit, sondern eine Aufgabe. Zu ihr sollen die richtungslosen Juden des Westens als zu ihrem neuen Selbstbewußtsein sich ermannen; zu ihr sollen die gefesselten Juden des Ostens als zu ihrem lösenden Beruf sich erziehen; ihr soll das palästinensische Gemeinwesen, ein Bindeglied zwischen Europa und dem Orient, seine beste Kraft weihen und von ihr sein innerstes Lebensrecht empfangen. * Als Gabriel Rießer im Jahre 1832 eine Zeitschrift „für Religion und Gewissensfreiheit" herauszugeben begann, nannte er sie: „Der Jude". Er meinte den einzelnen Juden, für den er die bürgerliche Gleichberechtigung forderte. Wir geben unserem Blatt den gleichen Namen, aber wir meinen nicht den Einzelnen, sondern den Juden als Träger des Volkstums und seiner Aufgabe. Wir fordern nicht Gewissensfreiheit für die Angehörigen eines Glaubens, sondern Lebens- und Arbeitsfreiheit für eine niedergehaltene Volksgemeinschaft, und daß sie, die heute in ihrem größten Teil als ohnmächtiges Objekt der Ereignisse behandelt wird, freies Subjekt ihres Schicksals und ihres Werkes werde, damit sie zur Erfüllung ihres Amtes an der Menschheit heranwachse. Diese Freiheit zu erkämpfen, ist die eine Losung unseres Kriegs; die andere aber, die hemmenden Kräfte der Eigensucht und Zersetzung zu bezwingen, die im Judentum selbst der Aufgabe entgegenstehen. Wenn wir erkannt haben, daß es gilt, mit unserem Verhältnis zu unserer Gemeinschaft Ernst zu machen, wenn wir dazu erwacht sind, uns für sie verantwortlich zu fühlen, dann müssen wir alles einsetzen, um sie zu reinigen. Der Jude, der ist, ist für uns nicht Ziel, sondern Ausgangspunkt; wir wollen den Juden, dessen hohes Bild wir im Gedächtnis und in der Hoffnung tragen, verwirklichen. Martin Buber 1*

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