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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 2

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Die Losung
Date
1916-04-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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2 Martin Buber: Das Judentum war nicht mehr wurzelhaft, und die Luftwurzeln seiner Assimilation waren ohne nährende Kraft. Jetzt aber hat der Jude in dem katastrophalen Vorgang, den er in den Völkern miterlebte, bestürzend und erleuchtend das große Leben der Gemeinschaft entdeckt. Und es hat ihn erfaßt. Er blieb nicht Atom; er wurde mitgerissen; er schloß sich glühend der Gemeinschaft an, die ihm so ihr Leben offenbarte — der Gemeinschaft, die ihn in diesem Augenblick am stärksten brauchte. Wird ihn das der Gemeinschaft, die ihn in der Ewigkeit braucht, der tiefen Gemeinschaft seines Blutes und seiner Art weiter entfremden? Ich glaube, daß es ihn ihr wiederbringen wird. Gemeinschaftsgefühl ist in ihm erglommen, er fühlte in sich etwas entbrennen, wovor aller Nutzzweck zusammenfiel, er erlebte den Zusammenhang. Er hat den ersten Schritt der inneren Befreiung getan. Wenn dem Augenblick sein Recht geschehen sein wird, wird er nicht wieder ins Leben des Atoms zurückfinden, und der Ruf der tiefen Gemeinschaft seines Blutes und seiner Art wird ein wacheres Ohr treffen als zuvor... Viele werden uns folgen, die uns noch nicht gefolgt waren — vielmehr, sie werden sich selber folgen. Denn sie haben den Weg der inneren Befreiung betreten und sie werden erkennen, daß es für den sich befreienden Juden keine Wege gibt, sondern nur einen Weg. Sie werden in die erschütterten Schollen ihrer Seele den Samen der lebendigen Wahrheit empfangen. Sie werden ihre Einheit als Juden fühlen und erkennen lernen. Sie werden ihr Gemeinschaftserlebnis vertiefen und aus ihm ihr Judentum neu aufbauen. Sie haben in Blut und Tränen die Zerrissenheit des Judentums geschaut und die Sehnsucht wird über sie kommen, sie zu heilen/4 Was ich damals sagte, hat sich mir seither bestätigt. Um nur von denen zu sprechen, die den Krieg unmittelbar erfahren haben: aus allen Briefen vom Felde, aus allen Gesprächen mit Heimgekehrten empfing ich den gleichen Eindruck — den einer Stärkung des Verhältnisses zum Judentum durch Klärung des Blicks und Festigung des Willens. Der oder jener wird vom Judentum abfallen; wer das heute vermag, hat ihm nie angehört. Wer ihm aber treu bleibt, wird ihm stärker anhangen als zuvor: ernster, tätiger, verantwortlicher. Die Illusion, man könne in einer Zeit wie diese wahrhaft leben, indem man dem Leben der Gemeinschaft von außen zuschaut, oder man könne am Leben der Gemeinschaft teilnehmen, indem man sich bloß zu ihr bekennt, ist zerstört. Wer überhaupt mit seinem Dasein auf der Erde Ernst machen will, muß mit seinem Verhältnis zur Gemeinschaft Ernst machen: indem er sich verantwortlich fühlt. In den durch das jüdische Erlebnis dieses Krieges erschütterten Juden, die sich für das Schicksal ihrer Gemeinschaft verantwortlich fühlen, stellt sich die neue Einheit des Judentums dar. * Der erste Ausdruck dieser neuen Einheit ist die gewandelte Selbsterkenntnis. Nicht daß uns nunmehr müßig erschiene, was wir vor dem Krieg erstrebten: das „Wesen des Judentums" zu erfassen; aber für unsere Verantwortlichkeit scheint es uns wichtiger, das Judentum gegen die Völker abzugrenzen, die an diesem Kampfe teilnehmen oder ihm zusehen. Die Juden sind in ihn hineingemischt, duldend und handelnd, aber das Judentum ist ihm entrückt und unzugänglich. Die Juden sind Mittel, hüben und drüben, aber das Judentum ist unverbrüchlicher Selbstzweck, dienstbar nur dem Durchbruch des Menschentums. Es ist nicht Assurs gegen Mizraim und nicht Mizraims gegen Assur, es ist sein eigen und für die Menschheit»

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