Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 12 (9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt" Nr. 12 September 1938 Zur jüdischen Auswanderung Richtung halten! Von Dr. W i 11 y C o h n. In diesem Jahre, da die Frage der Auswanderung an viele' Juden, die bisher noch nicht glaubten, sich damit vertraut machen zu müssen, herantritt, kann man so recht feststellen, wer weiß, was er will oder wer sich von jeder neuen Möglichkeit, von jedem Menschen, den er trifft, beeinflussen läßt. Man müßte doch eigentlich, wenn man sich um eine Zukunft für sich und seine Familie bemüht, ein Ideal in seiner Seele tragen, nach dem sich das alles zu gestalten hat, ein Ideal, das auch dann bleibt, wenn die äußeren Gegebenheiten seine reibungslose Erreichung unmöglich machen. Aber nun erst zeigt es sich, wieviele der Juden in Deutschland in den Tag hinein lebten, mit nichts anderem beschäftigt als dem Erwerb und der Sorge für den Alltag. Jetzt wissen sie, daß die alte Bahn nicht beschritten werden kann, jetzt suchen sie eine andere. Ich kenne Menschen, die in ihren Gedanken jeden Tag wo anders hingehen. Es braucht nur einer aus ihrem Bekanntenkreis ihnen zu erzählen, daß Chile das Richtige sei, dann ist es eben Chile, und wenn morgen einer dies von Guatemala sagt, dann ist es Guatemala. Alle jüdischen Zeitungen werden unter diesem Gesichtspunkt durchgesehen, aber im Grunde wird ein Entschluß nicht gefaßt. Infolgedessen wird auch keine Sprache studiert, man befaßt sich nicht mit der Geographie und den Verhältnissen des Landes, das in Frage kommt. Man hat jahrelang herumgefastet, und wenn der Augenblick kommt, der einmal kommen muß, dann fährt man in ein Land, dessen Sprache man nicht kennt, von dessen Verfassung, dessen Verwaltung dessen Wirtschaft man nichts ahnt und dann wird man natürlich scheitern. Anstatt daß wir uns solche Dinge mit größtmöglicher Deutlichkeit klar machen -so wie ein Arzt, der es gut mit seinen Patienten meint, ihn etwa auf eine gänzlich falsche Lebensweise hinweisen sollte, — nehmen wir es uns in der Regel übel, wenn wir uns den Star stechen. Für den Menschen, der die Endlösung jüdischen Daseins in Erez Jsrael erblickt, ist dieses Verhalten restlos unverständlich. Demgegenüber ist erfreulich zu sehen, wie ganz anders jüdische Jugend, für die Erez Jsrael die einzig innerlich mögliche Zukunft bedeutet, sich vorbereitet. Aus den hebräischen Sprachkursen sind nun alle, vielleicht kann man sagen glücklicherweise, verschwunden, die sie als eine Mode angesehen haben und denen es nicht um die Heimkehr zu wirklich jüdischen Werten ernst war. Es gibt aber jüdische Jugend und gewiß auch jüdische Erwachsene, wenn auch jetzt sehr viele, die in Intensivkursen sich monate- und jahrelang vorbereiten und schulen. Es sind Menschen, die durchaus nicht alle mit besonderen sprachlichen und philologischen Fähigkeiten begabt sind; aber es sind Juden, die aus dem Gefühl einer inneren Sauberkeit heraus handeln. Sie glauben, das dem Lande schuldig zu sein, in das sie gehen, daß sie seine Sprache sprechen, daß sie dort an dem geistigen Leben teilnehmen wollen. Darum lernen sie. Und es ist eine Freude, sie bei diesem Lernen zu beobachten. Sie wissen ganz gut, man könnte ja auch schließlich in Erez Jsrael mit Deutsch „durchkommen"; aber sie wollen nicht „durchkommen", sie wollen sich einordnen. Es sind das die gleichen Menschen, die sich auch um die Literatur über Palästina bemühen,- es sind diejenigen, die in unseren Kursen der jüdischen Lehrhäuser sitzen, wenn über Palästinakunde vorgetragen wird. Man schämt sich da manchmal, wenn man an ihre kleine Zahl denkt. Aber man weiß auch, daß sie es sind, denen es wirklich um die Sache geht. Sie kommen infolgedessen auch nicht mit irgendwelchen vagen Vorstellungen in das Land und sind dann sofort enttäuscht. Sie wissen, was sie erwartet, sei es in positivem, sei es in negativem Sinne. Sie wissen etwas von den Arabern, von dem Zusammenleben mit ihnen, kurzum, sie suchen kein Nachtasyl, sondern kommen geistig vorbereitet hinüber. — Wir stehen heute im sechsten Jahre der großen Umwälzung unseres Daseins. Man müßte eigentlich meinen, daß fünf volle Jahre in einem kurzen Menschenleben eine nicht unerhebliche Zeit sind; aber wieviele haben sie gänzlich unausgenützt vorbeigehen lassen,- packt sie dann das Schicksal, so machen sie dem Schicksal den Vorwurf, nicht sich selbst. Wieviele gibt es noch unter uns, die keinen Weg finden, weil sie ihn nicht finden wollen. Für sie besteht das JudenmtMam mumm mmmMM mmt m m Ein guter Rat für den Einkauf Ihrer neuen Herbstkleidung. Jetzt finden Sie in großer Auswahl alle Neuheiten in Herren- und Knabenkleidung Für die Feiertage empfehlen wir Ihnen zeitig Den neuen Anzug oder Mäntel nach Maß oder in bewährter Maßkonfektion zu bestellen. Unsere ständigen Informationen bieten allen Auswanderern Gewähr für richtige Beratung und guten Einkauf. Frankfurt a. Main Gegenüber dem Hauptbahnhof Ii mmm