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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-09-01 · 12 (9.1938) · p. Seite 3

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
12 (9.1938)
Date
1938-09-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 September 1938 „Jüdisches Gemeindeblali für Frankfurt" Seite 3 Gründung des Reichsverbandes der Juden in Deutschland Der Reichsverband der Juden in Deutschland ist in der Sitzung des Rats bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland am 27. Juli-1938 in Berlin geschaffen worden. Aeußerer Anlaß zu dieser Umformung der Reichsvertretung war die Notwendigkeit, die Reichsvertretung den durch das Gesetz vom 28. März 1938 geschaffenen neuen Rechtsgrundlagen für die jüdische Gemeinschaftsarbeit anzupassen. Es bedeutet die seit langem erstrebte einheitliche Zusammenfassung aller organisierten jüdischen Arbeit in Deutschland. Der neue Reichsverband baut sich noch stärker als bisher die Reichsverlretung auf den jüdischen Gemeinden (Kultusvereinigungen) auf. Die jüdischen Gemeinden werden Glieder des Reichsverbandes dadurch daß sie eine entsprechende Bestimmung in ihre Satzung aufnehmen. Die im Deutschen Reich wohnhaften jüdischen Personen jüdischen Glaubens werden Mitglieder des Reichsverbandes durch die Gemeinde, der sie angehören. Die Gemeinde nimmt die Rechte der Einzelmitglieder gegenüber dem Reichsverband wahr, ebenso übt der Reichsverband die Rechte, die ihm gegenüber den Mitgliedern zustehen, durch die Gemeinde aus. Die bisherigen Landesverbände der jüdischen Gemeinden fallen als solche fort. Die Aufgaben des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden werden auf den Reichsverband übergehen. Von den süddeutschen Landesverbänden werden der Bayerische, der Württembergische und der Badische Landesverband die Aufgaben einer Bezirksorganisation als ausführender Stelle des R. V: übernehmen und diese Stellung auch in ihrem Namen zum Ausdruck bringen. Soweit erforderlich können auch andere Bezirksorganisationen bestehen bleiben oder geschaffen werden. Der Reichsverband wird alle Kräfte konzentrieren und die einheitliche Planung und Leitung der Arbeit auf allen Gebieten, auch auf solchen, bei denen die Reichsvertretung bisher nicht in erster Linie zuständig war, Gewähr leisten. Die bisherigen Organe der Reichsvertretung: Präsident, Präsidialausschuß und Rat bleiben als Organe des Reichsverbandes bestehen; der Präsidialausschuß wird Vorstand des Reichsverbandes. Die Zusammensetzung des Rats trägt dem Aufbau des Reichsverbandes auf den Gemeinden dadurch Rechnung, daß die Großgemeinden unmittelbar ihre Vertreter entsenden, die übrigen Gemeinden zusammengefaßt nach Ländern und Pro-flWlJ vinzen. Die freien jüdischen Organisationen bleiben wie bisher im Rat vertreten. Die Gemeinden der Unabhängigen Orthodoxie gliedern sich über den Bund gesetzestreuer Gemeinden dem Reichsverband ein. Wie bisher wird eine Anzahl von Persönlichkeiten durch Rat und Vorstand unmittelbar gewählt werden [Virilstimmen), darunter eine Frau auf Grund einer Vorschlagsliste des Jüdischen Frauenbundes. Die bisherigen Mitglieder des Rats bleiben bis zum 31. Dezember 1940 im Amt. Soweit die Satzung des Reichsverbandes eine Vermehrung der Vertreter der Großgemeinden vorsieht, werden Neubenennungen erfolgen. Hierbei soll darauf Bedacht genommen werden, Mängel in der gleichmäßigen Berücksichtigung der verschiedenen jüdischen Richtungen nach Möglichkeit auszugleichen. Um zu gewährleisten, daß die Führung des-Reichsverbandes und der größten jüdischen Gemeinde einheitlich erfolgt, ist bestimmt, daß 6 Mitglieder des aus höchstens 15 Köpfen bestehenden Vorstandes in Berlin ihren Wohnsitz haben und daß 4 davon dusch Hauptbeschluß der Jüdischen Gemeinde Berlin vorgeschlagen werden müssen. Als Vorstand amtiert - gleichfalls bis 31. 12. 1940 - der bisherige Präsidialausschuß. Eine Neubesetzung findet auch hier nur insofern statt, als durch Ausscheiden von zwei bisherigen Mitgliedern und Vermehrung der Sitze Plätze frei geworden sind. Die Herren Dr. May und Dr. Landau wuden neu in den Vostand gewählt. Herausgehoben ist die Stellung des Präsidenten des Reichsverbandes. Er vertritt den Verband nach außen, er führt im Vorstand und Rat den Vorsitz ohne Stimmrecht, er entscheidet bei Stimmengleichheit. Er wird durch übereinstimmenden Beschluß von Vorstand und Rat für 3 Jahre gewählt. Die Amtszeit des derzeitigen Präsidenten, Rabbiner Dr. B a e c k, jedoch ist unbefristet, ihm ist auch das Recht eingeräumt, die Wahl der Vorstandsmitglieder zu bestätigen. Zu Beginn der Tagung wies Rabbiner Dr. Baeck die Aufgabe: Zusammenführung der jüdischen Menschen, einheitliche Planung, Erfassung aller Kräfte, nichierlahmende Pflichterfüllung, Opferbereitschaft bis zum letzten. Dr. Otto Hirsch zeigte in einem Ueberblick die wesentliche Verschlechterung der Lage der Juden in Deutschland seit der letzten Ratstagung auf. Obwohl keine jüdische Organisation in Deutschland auch die österreichischen Juden umfaßt, haben doch die Verhältnisse in Oesterreich eine tiefgehende Rückwirkung auf die Lage der Juden im Altreich gehabt. Die wirtschaftliche und seelische Not wird verstärkt durch die Erschwerung der Auswanderung. Leid und Sorge bereifet der Gedanke an Palästina, das Land, dem die jüdische Gemeinschaft und jeder einzelne aufs innigste verbunden ist. Dabei ist besonders schmerzlich, daß in letzter Zeit auch gewisse jüdische Kreise glauben, daß Terror mit Terror beantwortet werden müsse, eine im tiefsten Sinne unjüdische Antwort. Als Ermutigung gegenüber all dem Schweren empfand Dr. Hirsch die Fortführung der Konferenz von Evian durch einen Ausschuß der beteiligten Regierungen und die Schaffung eines ständigen Büros. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß hier ein Organ geschaffen wird für unmittelbare praktische Arbeit. Die Tagung klang aus in folgender, einstimmig angenommenen Entschließung: In dankbarer Würdigung der Tatsache, daß die Einigung der Kräfte des Judentums in Deutschland wie die Zusammenfassung seiner Mittel nun weiter zum Ziele hingeführt worden ist, sind Präsidialausschuß und Rat über folgende Grundlage und Richtung der gemeinsamen Arbeit einig: Die für die Juden in Deutschland und ihre Gemeinden beschlossene neue Satzung hat die Autorität der Reichsvertretung und die darin gegebene einheitliche Führung von neuem bestätigt. Die ernstesten Aufgaben liegen vor uns. In einer Lage, die seit Jahren auch in der an Prüfungen reichen Geschichte unseres Volkes kaum ihresgleichen hat, haben wir uns, nicht ohne Erfolg darum bemüht, das drohende Gespenst des Chaos zu bannen. Allem was auf uns eindrang, haben wir unser Goliverlrauen und unsere Selbstachtung entgegengesetzt. Die Aushöhlung unserer Existenz haben wir mit der planmäßigen Erziehung und Schulung, mit der Vorbereitung zur Wanderung nach einer Stätte aufbauender Arbeit beantwortet. Wir haben eine innere Ordnung aufgerichtet und neue Formen der seelischen und materiellen Selbsthilfe erschlossen. Der Reichsverband wird alles daran zu setzen haben, diesen Weg fortzuführen und weitere Möglichkeiten zu finden. Aber es kann auch kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser anhaltenden außerordentlichen Anspannung aller Kräfte ihre Grenzen gesetzt sind. Immer enger ist der Bereich unseres Daseins geworden. Die Ausschaltung auf Beruf und Wirtschaft gibt den größten Teil der Juden in Deutschland einer dauernden Arbeitslosigkeit preis. Unsere Kräfte drohen zu versagen. Wir dürfen darum nach dem Beistand ausschauen. Wir vergessen keinen Augenblick, daß eine um Frieden und Sicherheit bangende Welt nicht ihre ganze und stete Aufmerksamkeit uns zuwenden kann. Wir vergessen nicht, daß auch in anderen Ländern unsere Brüder ihre schwere Sorge um ihre Not kennen. Aber wir dürfen für uns doch das, was uns gewährt zu werden vermag, erwarten: die Oeffnung von Grenzen für Reihen von Menschen in geregelter Einwanderung, einen baldigen Plan der Erstellung von vorübergehenden Notsiedlungen für arbeitskräftige Gruppen. In uns lebt die Sehnsucht nach einem opferbereifen Leben in der freien Luft der Welt. In uns ist der Wille, unser Dasein mit Werken eines friedlichen Aufbaus zu verbinden. Mögen diese Worte in vorgerückter Stunde weithin gehört werden l

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