Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 7 (4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nö. 7 April 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 3 fln die Mitglieder unserer Gemeinde! In wenigen Wochen wird sich der Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland wie alljährlich an die Mitglieder der Frankfurter Gemeinde wenden. Vorstand und Gemeindevertretung erwarten, daß die Angehörigen der hiesigen Gemeinde mit ihren Leistungen zu dem zentralen, das gesamte jüdische Sozialwerk tragenden Fonds nicht hinter den Juden der anderen Gemeinden in Deutschland zurückstehen und mit Opfern, die die äußerste - ~ Grenze der Leistungsfähigkeit erreichen, dazu beitragen werden, das Werk von 5 Jatjren ßilfe und Aufbau *« festigen. ßelft weiter! Vorstand und Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. JUSTIZRAT DR. BLAU DR. RICHARD MERZBACH Zum Pessachfest Aus einer Predigt, die Dr. Michael Sachs s. A., Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Berlin, um die Mitte des 19. Jahrhunderts gehalten hat, .bringen wir einige Stellen zum Abdruck. „Du aber Jisrael, mein Knecht, Jaakob, den ich erwählt, Same Abrahams, meines Freundes! Du, den ich ergriffen, von den Enden der Erde und von ihren Säumen rief ich Dich her und sprach zu dir: Mein Knecht bist du; erwählt hab' ich dich, nicht verschmäht". - In diesem kurzen Spruch ist alles enthalten, was wir als die Summe der Geschichte - Israels aus dem bunten Gewebe seiner Geschicke, aus dem -wechselvollen Schwanken und Wogen seines Schicksals festhalten müssen. In diesem Worte ist sein Beruf ihm vorgezeichnet, seine Aufgabe festgestellt, seine Stellung in den Reihen der Geschichte mit scharfen Linien umgrenzt. Das Jisi, was wir von. uns wissen sollen, was wir. uns als Antwort geben sollen auf die Frage nach unserer Bedeutung. Das ist das unveräußerliche Erbe, das wir ansprechen müssen. „Als Jisrael aus Mizrajim zog — das Haus Jaakob aus dem Volke fremder Zunge -, da ward Jehuda sein Heiligtum, Jisrael seine Herrschaft" {Ps. 114, 1. 2.). Denn nicht um zu politischer Größe heranzureifen, nicht um durch Taten der Waffen und Entfaltung menschlicher Stärke und irdischer Kraft seinen Rang unter den Erdenvölkern zu behaupten, war Jisrael dem Joche der Knechtschaft entrissen worden; nicht um auf dem großen Schauplatz zu glänzen, auf dem nacheinander die Völker des Älterrums erscheinen, das Schwert in die Wagschale der Weltgeschichte werfend und ihren Sieg entscheidend — Jisrael trat in die Reihe der Menschen ein als lebendiger Zeuge Gottes für die Welt, als Bewahrer und Hüter eines heiligen Feuers! Während sie miteinander stritten und kämpften oder in üppigem .Schwelgen ein tatenloses Dasein versiechlen, sollte Jsrael das in ihm gegründete Heiligtum pflegen und bewahren! Ein Volk ward frei, nicht durch Kampf und Sieg, nicht durch die Macht seiner Waffen, sondern durch den Ratschluß Gottes, der wundersam die Geschicke lenkt und durch das Unscheinbare wirkt — der an den Stellen in der Geschichte sich offenbart, wo dem Blick des Genügsamen, seiner eigenen Einsicht Vertrauenden Alles dunkel und düster erscheint. — „Ja, du bist ein Gott, der im Verbor- ■ genen wirkt, Gott.Jisraels, o Helfer!" (Jes. 45, 15). Bin Volk ward frei, nicht um eine Heimat zu gründen, nicht um an die Stelle der Bezwungenen zu treten und auf den Nacken der Unterjochten den Fuß des stolzen Ueber- - winders zu setzen; es ward frei und verläßt die Stätte seiner Knechtschaft; es ward frei und ziehet in die Wüste hinaus und bauet ein Heiligtum, darin es den Einigungspunki, das Bindende und Vermittelnde seines Daseins als ein geschichtliches Ganzes erkennt. Ein Volk ward frei, auf daß es, nach dem Worte der Schrift, ein Priesterreich werde und ein heiliges Volk! (2. Mos. 19, 6). Wir haben oft von dem Wunderbaren der Geschichte Jisraels gesprochen. Das Wunderbare liegt nicht in den außerordentlichen Mitteln und Veranstaltungen und Fügungen, die das göttliche Walten in seiner Allmacht uns offenbaren; nicht in dem, woran der Glaube in seiner rohesten Form zunächst sich wendet und was dann wieder der Unglaube mit überweiser Zweifelsucht in Abrede stellt, sondern in dem, was jener übersieht und diese zugestehen, bei allem Sträuben und Leugnen und Zweifeln gelten lassen muß,- das Wunderbare der Geschichte Jisraels ist das, was wir als eigentümlichen Zug, als den Grund und Boden, als die Bedingung des Daseins Jisraels in der Geschichte bezeichnen müssen. Ein Volk, dessen Mittelpunkt ein Gedanke, eine große heilige, ewige Ueberzeugung, dessen Einigung und Einheit in der Verbrüderung in diesem Glauben wurzelt! Ein Volk, dessen Höhe- und Glanzpunkt die Herrschaft dieser Idee, dessen Erniedrigung und Entartung der Abfall von ihr, dessen Schmuck und Zier Innigkeit und Treue, mit der es den ihm von Gott gegebenen Beruf erfüllt, dessen Schmach und Schande der Abfall von der Wahrheit, die Abtrünnigkeit gegen Gott, gegen sich selber ist! Ein Volk, dessen Führer gottbegeisterte Männer, in denen die Kraft des Glaubens und der Hingebung für seine Wahrheiten den Anspruch auf den Lorbeerkranz der Unsterblichkeit begründet, das, wenn es seiner Geschichte nachdachte und den herrlichen Taten seiner Väter, das Bekenntnis ablegt: „Nicht mit ihrem Schwerte gewannen sie das Land und nicht ihr Arm brachte ihnen Sieg, sondern Deine Rechte und Dein Arm und das Licht Deines Antlitzes, denn Du warst ihnen gnädig". (Ps. 44, 4). Es bedarf nur eines Blickes für uns selbst, eines freien unbefangenen Blickes in die Vergangenheit, eines, ernsten, nachdenkenden Verweilens an den Tiefen unseres Lebens, - und es muß ein heiliges ernstes Gefühl, ein begeistertes Bewußtsein in der Brust sich uns entzünden. - Und womit wollten wir heute vor Gott schöner geschmückt, reicher gerüstet erscheinen als mit diesem erhebenden Gedanken? - Darum nehmen wir auch noch heute das Wort des Propheten als einen Zuruf an uns •. „Du aber, Jisrael, mein Knecht, Jaakob, den ich erkoren, Sprößlif% Abrahams, meines Freundes, den ich ergriffen, von den Enden der Erde und von ihren Säumen rief ich dich her und sprach zu dir: Mein Knecht bist du, ich erwählte dich und verwerfe dich nicht I"