Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 5 (2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 1 (sequence 3)
- Language
- German
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No. 5 Februar 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 1 Präsidialausschuß und Rat der Reichsvertretung der Juden in Deutschland haben folgende Erklärung beschlossen: Die Reichsvertretung der Juden in Deutschland hat in zu verlegen. Sie richtet ihren Appell an die überseeischen Zusammenarbeit mit den jüdischen Landesverbänden, Ge- Länder, insbesondere an die mit dünn besiedelten Gebieten, meinden und Organisationen sich bemüht, den Raum, der durch Gestaltung und Handhabung der Einwanderungsbeden Juden in Deutschland geblieben ist, mit Sinn und In- Stimmungen eine größere Zahl nützlicher Einwanderer aufhalt zu erfüllen. In ihren Maßnahmen durfte sie sich auf die zunehmen. Zustimmung und Mitwirkung des weitaus größten Teils der Ein erheblicher Teil der in ihrer Zusammensetzung stark Judenheit in Deutschland stützen. So hat sie den geschiehtüberalterten Judenheit in Deutschland ist auswanderungs- liehen, oft so schwierigen Umwandlurrgsprozeß auf fast allen unfähig und wird seine Tage in Deutschland beschließen Gebieten des jüdischen Lebens maßgebend beeinflußt. müssen. Soll er nicht der öffentlichen Wohlfahrt anheim- Seit Jahren steht die Auswanderung, die _ Schaffung von fallen, so dürfen ihm die Erwerbswege nicht völlig verschlos- Einrichtungen, die ihr und ihrer Vorbereitung mittelbar oder sen werden. Auch die Fortsetzung geordneter Auswanderung unmittelbar dienen, im Vordergund des Sorgens und Han- — und nur diese hält die Einwanderungstore auf die Dauer, delns der Reichsvertretung. An die Stelle der unruhigen und offen - ist nur möglich, wenn die wirtschaftliche Existenzziellosen Auswanderung wurde mehr und mehr das Prinzip fähigkeit der Juden in Deutschland nicht noch weiter geder Ordnung und Planung gesetzt. schmälert wird. Nachdem die Juden aus dem staatlichen, kul- Die Reichsvertretung sieht es als ihre Pflicht an, auch turellen und gesellschaftlichen Leben und aus allen führen-, dem Verlangen nach Beschleunigung der Auswanderung den wirtschaftlichen Stellungen ausgeschaltet sind, bitten Rechnung zu tragen. Sie sieht sich aber genötigt, vor überwir deshalb die Reichsregierung, daß der Verringerung der iriebenen Erwartungen zu warnen. Die Möglichkeiten der Erwerbsmöglichkeit für die Judenheit in Deutschland Einhalt Auswanderung hängen nicht nur von ihrem Willen und der getan werde. Wir hoffen ferner, daß die Möglichkeit des Arbeit der Wanderungsorganisationen ab, sondern vor allem persönlichen Verkehrs zwischen den Ausgewanderten und von der Bereitwilligkeit der anderen Länder, ihre Tore für ihren Angehörigen, die in Deutschland zurückbleiben müsdie Juden aus Deutschland, ebenso wie auch für die aus Ostsen, nicht unterbunden wird. europa, offen zu halten. Darauf hat aber die Reichsvertretung An die Juden in Deutschland wendet sich die Reichskeinen bestimmenden Einfluß, Sie kann nicht Wunder tun Vertretung mit der Bitte, Geduld zu bewahren und angesichts und sie vermag nicht, die Bedingungen, die ihrer Absicht in der gesteigerten Anforderungen, die an sie gestellt werden, der Welt entgegenstehen, zu ändern. Bei einer planlos sich nicht müde zu werden. vollziehenden Auswanderung kann sie eine Verantwortung Ohne Lebensmut und Selbstachtung sind unsere Aufgafür ihren geordneten " Vollzug nicht übernehmen. ben nicht zu lösen. Die Reichsvertretüng richtet in dieser Stunde einen Ap- In der Erwartung, daß diese Erklärung mit Verständnis, pell an die Palästinaregierung, den Juden in Deutschland, Vertrauen und Hilfsbereitschaft beantwortet werden wird, vor allem den ausgebildeten jungen Juden, die sich für den verbindet sich die Reichsvertretung mit jedem einzelnen Ju- Aufbau Palästinas einsetzen wollen, den Weg dorthin nicht den in Deutschland. VdSy An die Juden in Deutschland! ^er Im Kalenderjahr 1938 kann der Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretüng der Juden in Deutschland auf eine Tätigkeit von fünf Jahren zurückblicken. In dieser Zeit hat er sich auf den fünf Hauptgebieten seines Wirkens: Wanderung - Berufsausbildung und -Umschichtung Schulwesen - Wirtschaftshilfe - Wohlfahrtspflege zu der zentralen Planstelle entwickelt, die als öffentliche Hand aus der wirtschaftlichen und sozialen Hilfsarbeit für die Juden in Deutschland nicht mehr wegzudenken ist. Der Auflösungsprozeß der Judenheit in Deutschland setzt sich fort. Etwa ein Drittel des früheren Bestandes der jüdischen Bevölkerung hat Deutschland bereits verlassen, viele stehen vor ihrer Auswanderung, viele weitere müssen folgen. Die Notwendigkeit, diesen Vorgang zielbewußt durch zweckmässige Berufsausbildung und durch geeignete Wanderungsplanung in geordnete Bahnen zu lenken und durch planmäßige Aufbauarbeit den Weg in die Zukunft zu ebnen, besteht weiter. In gleichem Umfange verbleibt die Verpflichtung, der Not des Tages zu begegnen und für die Zurückbleibenden zu sorgen. So ist es nötig, daß die Juden in Deutschland ihr großes konstruktives Werk ferner erhalten und festigen. Mit der gleichen Entschlossenheit und dem gleichen Selbstvertrauen, mit dem alle helfenden und aufbauenden Kräfte in den verflossenen Jahren das Werk geschaffen und getragen haben, muß die Lösung der verbliebenen Aufgaben in Angriff genommen werden. Die Arbeit hierfür soll im Jahre 1938 unter der Parole „Fünf Jahre Hilfe und Aufbau" fortgeführt werden. Diese Parole soll verpflichtend mahnen, die Energien wach zu halten, sich keiner unberechtigten Verzweiflungssiimmung hinzugeben und nicht über den persönlichen Sorgen die Sorge für das Schicksal der Gemeinschaft zu vergessen. Erneut rufen wir die Juden in allen Gemeinden und in allen Gruppen auf, sich dessen bewußt zu bleiben, was diese ihre Gemeinschaft von ihnen fordern darf und weiter fordern muß. Was uns „Hilfe und Aufbau" in fünf Jahren war, muß jüdisches Verantwortungsbewußtsein und jüdischer Opfersinn aufrecht erhalfen und ausbauen. Fünf Jahre Hilfe und Aufbau! Helfet weiter! Berlin, Ende Dezember 1937 Reichsvertretüng der Juden in Deutschland Jacob Freimann von Rabbiner Dr. Man Wiener, Berlin Im zweiundsiebzigsten Jahre seines Lebens ist Jacob ten Typus der Einzelpersönlichkeit und dem die ganze Ge- Frermann, Senior und Haupt der konservativen Rabbiner meinschafi umgreifenden Geschick klar bewußt, der Jüdischen Gemeinde Berlin, am 23. Dezember 1937 dahin- Jacob Freimanns Wirksamkeit fällt bereits in die Periode gegangen. Mit seinem Scheiden verliert das Rabbinat in jüdischer Entwicklung, da das gesetzestreue Judentum nach Deutschland einen Mann, den es unter den gegenwärtigen dem Choc, den die religiöse Grundlage durch die mehr oder Verhältnissen aus seinen eigenen Reihen schwerlich noch minder radikale Liberalisierung erfahren, sich zu Selbstsicherwird ersetzen können. Denn gerade in einem Augenblick, da heit zurückgefunden hat. Polemik lag seinem Wesen überwir an einem tiefen Einschnitt jüdisch-geschichtlichen Lebens haupt nicht; und wenn er nach seiner Grundeinstellung in ^stehen, wird uns die Wechselwirkung zwischen dem bestimmden Gemeinden, in denen er gewirkt, selbstverständlich für