Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 1 (10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜblSCHES GMMNi)j3BLATT Pütt #fcANfc#üft# Ghr. In diesen Tagen weisen Rundschreiben, Anschläge, Beilägen zu unserem Blatt, Werbeveranstaltungen und Häuswerbüngen darauf hin, daß der Abschnitt des Jahres beginnt, den man in sorgloseren, gesättigteren Zeiten die „Saison" nannte. Für uns-hat das Wort heute einen Beiklang des Unzeitgemäßen. „Saison" bedeutet in unserer Erinnerung einen sehr weiten, gesellschaftlich begründeten Bildungs- und Vergnügungsbetrieb, bedeutet heute für uns Besinnung auf eine Epoche, in der wir unsere Freizeit nach den verwöhnten ^Ansprüchen unseres Tinterhaltungs- oder Bildungsbedürfnisses ausfüllten. Es war kein- Mangel an Gelegenheiten, insbesondere in " dieser Stadt, nach persönlichem Geschmack die „Saison" wahrzunehmen. Gebend und nehmend spielte die Saison auch im Leben der Juden in Frankfurt eine gewichtige Rolle. Heute sprechen wir das Wo;jpt „Saison" für die Veranstaltungen des Winters nicht ohne Ressentiment aus. .. Zu solchem Ressentiment aber besteht keine Veranlassung. In den vier Jahren, in denen die Juden in Deutschland sich immer wieder vor der Aufgabe sahen, ihren geistigen und gesellschaftlichen Ansprüchen neue, eigene Erfüllung zu geben, sind so viel Kräfte geweckt, Quellen erschlossen, Institutionen geschaffen worden, daß kein Bedürfnis nach künstlerischer, wissenschaftlicher, geistiger, ja auch heiterer und gelöster Betätigung und Unterhaltung — so weit die durch unsere Lage geforderte würdige und ruhige Haltung es ermöglicht. — unbefriedigt bleiben muß. Zumal in unserer Gemeinde ist der glückliche - Umstand zu preisen, daß während der Winterabende die Bilduhgs- und Unterhaltungsbedürfnisse aller Stände und Altersstufen durch berufene Stellen erfüllt werden können. Was das Jüdische Lehrhaus, der Kulturbund, die Jüdischen Tonkünstler Frankfurts, was Vereine, Organisationen und freie Unternehmungen in ihren Programmen in Aussicht stellen, ist nicht wenig. Formende, bildende Kräfte sollen hier wirksam werden, deren Bedeutung für den geistigen Rang unserer Gemeinde und ihrer Mitglieder nicht geringer ist als für die Erhaltung und Weitergabe wertvoller geistiger Güter an die Ge- Programme nerationen, denen die Bildungsergebnisse der Vergangenheit heute schon Berichte aus fernen Zeiten sind: unsere Kinder. Diese Bildungsgüter sind zur Weitergabe an die Kommenden in unsere Hände gegeben. Wir sind die verpflichteten, die jüdischmoralisch verpflichteten Treuhänder der Güter des Geistes und der Kunst, die uns durch unsere berufenen Institutionen übermittelt werden. Vor den Späteren sind wir verpflichtet, für sie zu erhalten, was uns vermittelt wird, ihnen zu bewahren, was uns früher und heute zum ergreifenden, gestaltenden Erlebnis wurde und werden kann. Werden kann — dann nämlich, wenn wir den Planungen der Organisationen, ihren Programmen, zur Verwirklichung ver-" helfen. Ohne die Teilnahme eines jeden Juden ist es nicht möglich, das hohe Ziel zu erreichen. Es heißt: Ueberwindung der Belastung, die unser Alltag jedem Einzelnen auferlegt, heißt: nicht die Mächte der Verzweiflung, sondern die Kräfte einer aufbauenden Zuknft in uns wirken lassen. Niemand wird alle Möglichkeiten für sich nutzen können, die ihm die Programme weisen. Nur wenige werden wohl all den Institutionen gleichmäßig ihre tätige oder fördernde Unterstützung leihen können. Aber jeder wird innerhalb des großen Rahmens, der sich ihm bietet, eine Stelle finden, an der er sich beteiligen kann. Es kommt jetzt darauf an, daß alle Mitglieder unserer Gemeinde, nicht zum wenigsten auch die, die erst seit kurzem hier wohnen, sich einen Kreis erwählen, in dem sie an unseren geistigen und Biidungsaufgaben, teilnehmen. Es ist für jeden Gelegenheit geboten, das zu wählen, was seinen Interessen und Neigungen entspricht. Auch der beengten finanziellen Lage der Vielen ist in einer Reihe von Veranstaltungen Rechnung getragen. Freilich, ohne Einsatz, auch an Mitteln, kann kein noch so bescheidenes Programm verwirklicht werden. Dieser Einsatz ist gering gegenüber dem, was die mit der Gestaltung unseres geistigen und kulturellen Lebens betrauten Menschen an Sorge und Mühe aufzuwenden haben. Er ist gering gegenüber allen Vergnügungen leichter Art, die wir uns oft ohne Zögern gestatten und er ist unscheinbar gegenüber dem Wert, den es zu erhalten gilt: den gebildeten Juden. von Max Um die Gestalt Noachs und um die Erzählung von der großen Flut'ranken sich eine Anzahl von Geschichten; sie srnd nicht immer reine Auslegung des Bibelwortes, in manchen sind die Flut und Noach nur der Anlaß zur Erzählung einer frei geschaffenen Lege'nde^Aber ob Auslegung, ob Legende, immer wohnt ihnen eine erzieherische Absicht inne, immer wollen sie eine Anleitung zu einem Leben in Ernst und Wahrheit, in Pflichterfüllung und Treue sein. Einige seien wiedergegeben. Gott prüft den Starken Die Geschichte von Noach wird in Verbindung gebracht mit dem Psalmvers (11,5): „ER prüft den Bewährten, den Frevler aber und den, der Gewalttat liebt, haßt seine Seele." Rabbi Jonathan sagte: der Töpfer untersucht auch «nicht die schadhaften Krüge, denn würde er nur einmal an sie schlagen, würde er sie gleich zerbrechen; er untersucht die guten Krüge, wenn er auch ' viele Mäle an sie schlägt, zerbrechen sie nicht. So versucht auch der Heilige, gelobt sei er, nicht die Frevler, sondern die Bewährten, denn so beißt es (I M. 7,1) ,jEr sprach zu Noach, geh du und dein ganzes Haus in die Arche, denn dich habe ich als bewährt erschaut in diesem Geschlecht". — Liest man diese Worte, so muß ein starker Trost aus ihnen zu uns strömen; sie besagen ja, daß die Prüfung, die Gott schickt, das Zeichen dessen ist, daß er den zu Prüfenden für stark und gesund und lebenskräftig, daß er ihn seinem Schicksal für gewachsen hält. Es ist dann an uns,. durch die Tat zu bewähren, daß unser Schicksal kein kleines Geschlecht findet. — Daß aber Noach als ein Bewährter erfunden wird, ist nicht durchgängig die Meinung, es gibt auch andere Stimmen. Selbständig — unselbständig Nicht nur, daß die Bibelworte (1 M. 6,9) „Noach war ein bewährter Mann, untadelig war er in seinen Zeiten" mitunter so gedeutet werden, daß sie besagen: in seinen Zeiten, inmitten eines sündigen Geschlechtes, konnte er als untadelig gelten, hätte er aber unter Bewährten und Frommen gelebt, hätte man so von ihm nicht reden können, auch ein anderes Wort über ihn wird als Einschränkug empfunden. (1. M. 6,9) „Mit Gott wandelte Noach" heißt es. Das wird in Gegensatz zu dem gesetzt, was von Abraham ausgesagt ist. „Rabbi Jehuda sagte: ein Fürst Das Schriftwort Aus den Geschiehtenjum Noach Dienemann hatte 2 Söhne, einen großen und einen--kleinen. Zu dem kleinen sagte er: geh m i t mir; zu dem großens^aber sagte er: geh vor mir her; so sprach auch Gott zu Abraham, dessen Kraft stark war (1 M. 17,1) „wandle vor mir und sei untadelig", aber von Noach, dessen Kraft gering war, heißt es nur: „mit Gott wandelte Noach"." Zunächst mag der Ausleger ja wohl einen Gegensatz zwischen Noach und Abraham empfunden haben, einen echten Gegensatz, denn der Gestalt Abrahams gegenüber schwindet jede Größe, an ihm gemessen ist niemand groß, empfinden auch wir unser Unvermögen. Aber es kommt Rabbi Jehuda wohl garnicht darauf an, einen Gegensatz herauszuarbeiten. Unter dem Gewand der Deutung verbirgt sich ein Hinweis darauf, dass eine bestimmte Frage ganz unlösbar ist, die Frage nämlich, ob der Mensch aus Eigenem und nur aus Eigenem das Gute tun kann. Die Freiheit des Willens erfordert seine unbeschränkte Eigenkraft, zugleich lässt ihn die menschliche Schwäche ohne Gottes Gnade nicht bestehen, auch in seinem Tun. Abraham und Noach sind hier nicht entgegengesetzte Typen, sondern Bild der beiden in jedem Menschen vorhandenen Seiten, - keine darf überbetont, keine unterwertet werden. Jeder Mensch muß zugleich Abraham und Noach sein. Pflichttreue und Hilfsbereitschaft Wie verbrachte Noach die Tage in der Arche? Der Midrasch erzählt: „Die ganzen 12 Monate kosteten weder Noach noch seine Söhne die Wohltat des Schlafes, denn sie mußten allen Tieren zu ihrer Zeit Futter geben. Rabbi Akiba sagte, sogar Baumzweige für die Elefanten und Glas für die Strauße trugen sie mit ihren Händen in die Arche, um die Tiere zu-füttern. Manches Tier mußte in der zweiten Nachtstunde, manches in der dritten sein F utter haben, manches mitten in der Nacht, manches in der Frühe. Einmal verabsäumte Noach, dem Löwen rechtzeitig sein Futter zu geben, da schlug dieser ihn, daß er hinkte, als er aus der Arche ging, darum heißt es auch (1. M. 7,33) „übrig blieb Noach". Dieses „ach" heißt „nur",' ist aber auch der Ausdruck des Wehs, des Schmerzes und der Verkümmerung. Darum wird er „bewährt" genannt, weil er Gottes Geschöpfe speiste, denn wer Gottes Geschöpfe speist, wird „Bewährter" genannt. Die ganze Legende