Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 9 (6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 No. 9 Juni 1937 Dr. iur. Hugo Hof f mann •WSS." Versicherungen aller Art geht, daß man das Werk zwar als beendet aber nicht als abgeschlossen betrachtet, daß man dem Bibelwort immer neues Verstehen abringt, davon zeugt ein Aufsatz Torczyners im Heft 2 des laufenden Jahrganges der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums". Dienemann Hans Zucker, Studien zur jüdischen Selbstverwaltung im Altertum. Schocken-Verlag Berlin, 200 Seiten. Es ist keine häufige Erscheinung, daß eine Doktor-Dissertation eine wissenschaftliche Arbeit von Gehalt und Bedeutung darstellt. Das ist hier der Fall. Beim Lesen wird selbst der Fachmann aufs neue gewahr, wie weitschichtig und verzweigt die jüdische Selbstverwaltung der Antike war, und wie mühsam sie zu konstruieren ist. Es erfordert eine grosse Belesenheit, aber auch eine starke Fähigkeit, aus den in den Quellen verstreuten Angaben ein anschauliches Bild zu zeichnen. Vielleicht sind auch erst unsere zu politischem Denken erzogenen, an es gewöhnten Zeitgenossen fähig, solche Linien zu ziehen. Der Verfasser führt die Darstellung vom Exil an bis zum Erlöschen des Patriarchats — warum das Patriarchat und nicht, der lateinischen Herkunft entsprechend deir Patriarchat? — durch. Dabei war die Art der persischen, der hellenistischen, der römischen Reichsverwaltung zu schildern und die Jüdische Selbstverwaltung innerhalb der grossen Reiche; dann aber auch die selbständigere Regierungsmethode der makkabäischen und der herodianisehen Zeit. Besonders geglückt erscheinen mir die Ausführungen über die Doppelstellung des grossen Gerichtshofes, des Synhedrions, und über die Arbeitsmethoden der Akademien. Die Persönlichkeiten, die stark umkämpft die Einheit der Führung erringen, sind plastisch herausgearbeitet. Man kann viel aus dem Buche lernen, auch wenn man die eine oder die andere Notiz der Quellen anders versteht. Und das Buch ist nicht nur für den Fachbewanderten benutzbar, jeder Interessierte wird es mit dem Genuss und Gewinn lesen. Für ihn hätte man sich allerdings die Uebersetzung der Zitate, insbesondere der griechischen, gewünscht. Nun wäre es sehr wichtig, die Fortsetzung, die Darstellung der Selbstverwaltung im Mittelalter, die Verfassung der Gemeinden und Landjudenschaften aus der Feder des Autors zu empfangen. Dienemann Rupert Donkan. Die Auferstehung Arabiens, Verlag Wilhelm Goldmann, Leipzig. Wehn ein Buch im Brennpunkt des jüdischen Interesses stehen kann, so ist es dieses. Der Orient tritt vor uns hin, wie wir ihn nicht kennen und vor allem auch nicht vermuten. Das ganze, eigenartige, unerwartete Bild dieses heutigen Arabiens aber wird gekennzeichnet durch einen Mann: Ibn Saud. Geboren als Nachfahre des Trägers einer schon wieder im Abflauen begriffenen mohammedanischen Sekte, des Wahabismus, ist Ibn Saud von Jugend an an unruhige Kampfstimmung gewöhnt. Der Wahabismus hatte es für eine kurze Zeit verstanden, die starke, religiöse Bereitschaft der mohammedanischen Menschen für sich zu gewinnen. Es hatte den Anschein, als ob die alte Kraft des Islam zu vergangener Stärke emporwüchse. Der Wahabismus zerrieb sich aber in dem immer neuaufgenommenen Kampf um die heiligen Städte Mekka und Medina. Der Antrieb erlahmte. Die Träger der Bewegung, Ihn Sauds Familie, kamen in Acht und Bann. Ganz ihrer religiösen Einstellung gewidmet, lebt die Familie nun im Kreise ihrer wenigen Anhänger. Die fast puritanische Lebensweise hat nur ein Ziel: Allahs Gesetze streng zu erfüllen und immer wieder zu versuchen, die Lehre des Islam gross und stark zu machen. Hier also beginnt Ibn Sauds Leben. Seine Freunde sind Sklavenkinder. Seine Erziehung ist wie die der Sklaven. Streng muß er alle Regeln des Krieges erlernen. Hart ist der Weg. Aber immer wird ihm die grosse Aufgabe der wahabidischen Sekte vor Augen geführt. Von Jugend an veiss er: um ihretwillen der Kampf, um ihretwillen die strenge Zuclit. Der Knabe wächst heran. Mit der unheimlichen Kraft seines Leibes verbindet sich eine zähe Energie. Er liest Bücher, obwohl er sie nicht liebt. Schon sehr bald ragt er nicht nur körperlich über seine Altersgenossen hinaus. Nach neuem Kampf und neuer Niederlage der Familie kommt nun eine der entscheidenden Schicksalswendungen in Ibn Sauds Leben. Mit seinem Vater und "wenigen Anhängern muß er tief in die Wüste flüchten.1 Unermesslich sind nun die Kämpfe gegen Hunger und Durst, gegen Krankheit und Tod. Immer zäher wird die Natur Ibn Sauds. Gewandt weiss er allen Gefahren zu begegnen. Schlau besiegt er die Hinterlist der Wilden in der Wüste. Alle Handgriffe des Kampfes sind ihm Selbstverständlichkeiten. Geschmeidig, gesund und mit einer unerhörten Umsicht für "Gefahr und Vorteil ausgerüstet, geht er als Besieger aller menschlichen Schwierigkeiten aus diesem Kampf. Noch stärker ist sein Glaube geworden; denn er hat erleben dürfen, daß nur unbesiegbarer Glaube das Unmögliche möglich macht. All diese Erlebnisse und Erfahrungen sind die Hauptgrundlage für den nun kommenden, immer weiterschreitenden Sieg Ibn Sauds. Er hat Arabien bis zur Neige erlebt. Er kennt nun die Waffen, mit denen man ihm begegnen muß. Für uns westliche Menschen muß er grausam erscheinen, und doch ist in ihm der Drang zum guten Ziel. Nur so geht der Weg vorwärts in diesem brodelnden Arabien. Die Vollendung der Persönlichkeit des grausamen, klugen und starken Mannes Ibn Saud geschieht nun in seinem nächsten Exil: Koweit. Hier treffen sich die politischen und wirtschaftlichen Vertreter der ganzen Welt. Nachdem ein Forscher namens Knot d'Arcy in Südpersien den riesigen Oelreichtum entdeckt hat, rückt die Grenze Ibn Sauds Vaterland in das Interessenfeld der Weltpolitik. In Koweit brennt der geheime Krieg um das Oel. Man befindet sich im entscheidenden Stadium. Und in diesem Augenblick lässt sich Ibn Saud mit seiner Familie hier nieder. Tief taucht er ein in die Hindergründigkeit der Diplomatie. Das Rüstzeug für die Politik wird ihm hier gründlichst gereicht. Nun steht Ibn Saud vor uns, geschult für den Weg. Selbst fast unangreifbar, kennt er die Schwächen der Anderen. Fast logisch und selbstverständlich erscheint uns nun sein Weg, der ihn zum Herrn über Arabien macht. Ein Feind nach1 dem andern muß die Waffen strecken. Das Volk beginnt allmählich zu spüren, daß ein Grosser am Werke ist. Aber nicht nur aussen ist fortschreitender Sieg. Auch der innere Aufbau Arabiens beschäftigt Ibn Saud. Dieser Kampf ist noch schwerer als der mit den Waffen. Aber auch hier Sieg. Es beginnt eine allmähliche Kolonisation des vernachlässigten Landes. Saubere Organisierung zwingt das unstete Volk zur Arbeit. Ausserdem versteht Ibn Saud, dieses Notwendige der Arbeit zu verbinden mit den hohen menschlichen Idealen des Islams und des Wahabismus. Es entsteht die Bewegung des lehwan. Die Welt horcht auf. Was dort im Osten geschieht, verdient Beachtung. Arabien befindet sich nun vollkommen unter der Herrschaft Ibn Sauds. Mit Umsicht arbeitet dieser Führer und heute ist er wichtigster Faktor in der Politik des Orients. In seiner Person sind die charakteristischen Notwendigkeiten für sein Land vereinigt: fanatischer Glaube und straffe Staatsführung. Für den Zionismus muß dieser Mann im Vordergrund der Politik stehen. Ein Nur-Beachten dürfte nicht genügen. M. L. Rudolf Geck, So war das. Frankfurt a/Main, Societätsverlag, 1936. Vor mehr als Jahresfrist ist Rudolf Geck aus diesem Leben gerufen worden. Die Trauer um seinen Tod hatte nicht nur seine Mitarbeiter und den Kreis seiner anonymen Leser ergriffen — viele Menschen in unserer Stadt haben mit ihm einen Freund verloren. Darum begrüsst man es, nicht - etwa als einen Akt der Pietät, sondern — was mehr ist — als ein Zeichen der Liebe und der menschlichen Verbundenheit, daß eine Reihe seiner Veröffentlichungen zu einem Band vereinigt und damit aus der Kurzlebigkeit der ZeitungsVeröffentlichung in die grössere Dauer, der Literatur erhoben wurde. Es sind schlichte Alltäglichkeiten, von denen in diesen kurzen Geschichten berichtet wird, aber sie sind gesehen von einem klugen Kopf, gestaltet von einem warmen, teilnehmenden Herzen, geformt mit dem stillen, sicheren Geschmack, die Geck zueigen waren. Die Sonne menschlicher Güte und die Milde des reifen Mannes, spritziger Humor und verzeiht nde' Klugheit haben den Dichter bezeichnet, und sie erfüllen seine Blätter. „So war das", das Wort, mit dem Geck so oft seine Berichte abschloß, steht über dem Buch. Ein liebenswertes Buch, Erinnerung an einen liebenswerten Menschen. Ghr.