Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 2 (11.1936)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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S. LÖHREN Corsets Büstenhalter ZEIL 85nsr Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Sterrtianip FnrrhVipimer. Frankfurt a. TA.. Schumannstr. 9 S. LÖH REN Corsets Büstenhalter nur ZEIL 85 nur Onkel Jason — eine jüdische Biedermeierfigur zu Georg Hermanns 65. Geburtstag Aus dem letzten Brief des Dichters an die Verfasserin: „.....meine Jugend sieht mich melancholisch aus einer Lithographie von Max Fabian an. und mein Fünfzigstes bückt aus scharfen Augen von einer Zeichnung meines alten Hermann Struck!... Im Herbst soll ich 65 werden! Ein Leben liegt zwischen alledem! Es war oft falsch, aber nicht immer schlecht und resultatlos angewandt... und darauf kommt es zum Schluss an..." Man denkt an „Onkel Jason" in Jettchen Gebert! Eine ganze Zeit verkörpert dieser Onkel Jason! Eine äusserlich und innerlich schwere Zeit, eine sentimental-melancholisch-romantische, häufig aber mit einem spöttelnden Unterton, der in seiner Klangfarbe die Mitte zwischen Heiterkeit und Ergriffenheit hält, eine Zeit, die trotz aller Schwere ihren Lebenswillen in allem kennzeichnet: den Aeusserlichkeiten des Wohnens, des Wirkens, des Verkehrs, des Geschehens; eine Zeit, die, voranstürmend, Mensch neben Mensch stellt, gleich welcher Konfession, eine Zeit, die jene aus dem Bürgertum kommenden Geistigen schafft, mit Kultur der Sprache, des Denkens, des Lebens, erfüllt von wahrer Religion. So einer ist Onkel Jason, Jason Gebert. Da steht er, der Berliner Jude, der deutsch fühlt, steht ein wenig auf seinen Stock gebückt, seit man ihn bei Grossbeeren „eins aufgebrannt" hatte, grad in die linke Hüfte, als er für Bülow, dessen Sekretär er als Freiwilliger war, Stafette ritt. Damals, im seiner Jugend, als er Arndts und Körners Lieder sang. Da steht er inmitten des Lebens in seiner Wohnung und — sammelt: deutsche Bücher, deutsche Porzellane, deutsche Stiche, sammelt und liebt deutsche Kultur. — Er ist nicht Kaufmann und nicht Literat, denn er schreibt nichts; er ist nicht Gelehrter, trotzdem er jahraus, iahrein, zur Universität hinkt und hört: hei Hegel — Philosophie, bei Gervinus — Geschiebte, bei Bopp — Sanskrit, er hat überall ein wenig hineingeroehen und es gab wohl nichts, was er nicht kannte von den Dingen, die das Leben erfüllen, die ihm höheren Gianz geben konnten. Er war wohl eine Zeit lang im Geschäft des Vaters, des Bruders, gewesen und hat von Reichtümern und Welthandel geträumt — aber dabei viel Geld verloren. — Onkel Jason reprä=entiert eine ganze Zeit! Repräsentiert den feinen kultivierten Juden, den Sammler, der in sich deutsche Geisteswelt aufgenommen, alle Riten von sich gestossen, nichts mehr von Formen hält, nicht mehr auf dem Boden der Tradition steht. „Denn diese Fragen des Glaubens waren so völlig aus seinem Leben geschieden, dass ihm das Für und Wider über cie gleich fern lag. Und er, der das Bekenntnis eines Mensehen immer nur betrachtet hatte, als eine Aeusserlichkeit, die man aus einem gewissen Zwang heraus mit Anstand zu tragen hat und die gleichsam den Nachbarn nicht berührt, empfand, dass es doch tiefgehende Verschiedenheiten des Wesens und der Empfindung bedinge, die man vielleicht verhüllen, schwerlich aber überbrücken konnte". — Von der Familie entfremdet, bleibt er ein Einsamer — sein Leben lang. Er wohnt vornehm und geschmackvoll im Hause des Vaters. Die Wände sind mit grüner Seide bespannt, die das Hot der Mahagonimöbel hervorhoben. Farbige Modekupfer, Kupferstiche und Gravüren zieren die Wandfelder. Servanten mit Bronzebescbläg'jü enthalten seine Sammlungen von Pomol-m--n, in weiss und farbig, Figuren und Gruppen und Geschirr. Denn Onkel Jason war Sammler. „Da sitze ich auch manche Stunde davor! Ich finde immer, man könnte auf jedes dieser Porzellane ein Gedicht schreiben. Sehen Sie mal da hinten auf diese Frankenthaler Gruppe, Apollo und Venu? — und hier auf das Mrifsener Figörchen! Dies ist ein echter Kandier! Sehen .Mo nur dieses kleine Mädchen in Biskuitmasse, Sevres, man sagt, es wäre von Houdon, ist mein ganzer Stolz! Wie weich und zari solch junger Körper ist und wie fleischig dabei die stumpfe Nase wirkt! Das ist doch Volksliederton! Wissen Sie, wenn ich mir ein neues Stück kaufe, da ißt es jedesmal gerade als ob ich eine neue Liebschaft beginnen will!" — Porzellane und Bücher! Voll von Bücherborden sind die Zimmer, die hoch und breit, rechts und links, zwischen Tür und Fenster die Wände füllen, sodass sie kaum für ein paar hochlehnige Stühle Platz lies?en. In feinen Reihen standen da neben den grossen Papp'-'-.rjden die zierlichen Lederbändchen. Da war: die Genfer Voltaireausgabe von 1751 und die Montaigneübersetzung von Bode, da die erste Londoner Edition Diderots, da waren Erstdrucke von Goethes und Jean Pauls Werken, die ein so gutes Zeugnis für den Geschmack Onkel Jasons ablegten, der mit Strenge, Wissen und Takt alles Minderwertige und Gleichgültige der Bücherei fern gehalten. Bei allem aber bleibt er ein „Ruheloser", den es hin und her treibt, von der Strasse in die Konditoreien, von der Familie in die politischen Klubs. Nirgendwo ist er sesshaft, es treibt ihn von einem zum anderen. Er jagt den Frauen nach und gewinnt sich doch keine: einsam jagt er durch das Leben, ruhelos — dieser Mensch mit all seinem inneren und äusseren Reichtum, seinem Wissen, seinem Takt und seiner geistigen Regsamkeit schwebt, ein haltloser Einsamer, zwischen den Welten So bleibt Onkel Jason für uns eine tragische Gestalt, Spiegelbild einer Zeit, deren Gegensätze noch unausgeglichen waren. — Es sind Wesenszüge der Zeit, der Kultur, die ihn umgibt: äusserliche Ruhe und Beschaulichkeit, innerliche Unrast und Sehnsucht. Ins Unendliche schweifend und darum unvollendet — wie die Epoche der Romantik. Es sind Züge eines Selbst!»ildai-'ses in dieser Gestalt. Ihr Schöpfer, umgeben von schönen Dingen der Kunst und des Kunstgewerbes, erfüllt von de^, geistigen Kultur einer ihn beglückenden Vergangenheit, lebe \i dieser entschwundenen Welt rnd sucht doch tiefste» Verhältnis auch zur Gegenwart, zur Wirklichkeit, bleibt der immer Stn>,beiuH nimmer Rastende, und darum auch immer von neuem Schöpferische und Beglückende. Ali Galliner rr* fü LEONA I rfgj llhalter / Papier / Drucksachen / Schularfikel Füllhalterklink LEO NATHAN Schillerstr, 1 LEONA V N AI lA