Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 1 (10.1936)
- Date
- 1936-10-01
- Page
- Seite 26 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 26 ohne Uebertreibung zu ihrem eigentlichen Pflichtenkreis, zu ihrer Lebensaufgabe. Nach den Leitsätzen der Weiblichen Fürsorge soll die Vorsitzende der Kommission für Arbeitsvermittlung auch ausserhalb der Geschäftsstelle eine Sprechstunde abhalten. Bertha Rosenblatt erfüllte diese Vorschrift weit über das Mass dessen, was die Weibliche Fürsorge vorschreibt. Sie war nicht nur dann und wann oder zu einer bestimmten Stunde zu sprechen; ihr Haus und ihr-Herz waren für die Arbeitsuchenden zu jeder Zeit weit geöffnet, sie war für sie und für den Arbeitsnachweis überhaupt stets in Bereitschaft. So hat sie es immer gehalten, in geruhsamen, behaglichen Zeiten, im Kriege, als die Söhne im Felde waren, und als die eigene Familie und die Verhältnisse erhöhte Anforderungen an sie stellten. Für ihr fünftes Kind, wie sie scherzhaft ihren Arbeitsnachweis nennt, ist ihr nie ein Weg zu weit, eine Arbeit' zu mühevoll. Aus der Erkenntnis heraus, dass jede Not wirtschaftlicher oder seelischer Natur nur durch eine Arbeit behoben oder gemildert werden kann, schätzt Bertha Rosenblatt diesen Zweig der Sozialarbeit so hoch ein. Ihre Er- Weiblicher Arbeitsnachweis jetzt Quinckestrasse 24 fahrungen auf dem Gebiet der Familien-Gefährdeten und Gefangenenfürsorge machte sie dem Arbeitsnachweis nutzbar. Dabei war es immer ihr Bestreben, jeden Fall individuell zu behandeln und eine Bürokratisierung der Einrichtung zu verhindern. In der richtigen Einschätzung des Wertes sowohl der ehrenamtlichen als auch der beamteten Tätigkeit wusste Bertha Rosenblatt das Interesse und den Eifer der Frauen, die zuihren Mitarbeiterinnen im Arbeitsnachweis gehörten, anzuspornen, und wachzuhalten. Das feine Verständnis und die Anerkennung, die sie stets der Arbeit ihrer Kommissionsraitglieder- und der Beamtinnen entgegen brachte, trugen viel zur Leistungsfähigkeit des Arbeitsnachweises bei. Unvergessen wie die Arbeit der Stellenvermittlung und Berufsberatung überhaupt, wird die Tätigkeit Bertha Rosenblatts als Vorsitzende dieser Kommission in der Geschichte der Weiblichen Fürsorge sein. Sara Eisenstädt ' Eine kleine Geschichte In einer amtlichen Angelegenheit war ich zu dem freundliehen alten Herrn gekommen und saß ihm nun am Schreibtisch seines Arbeitszimmers gegenüber. Während er den gewünschten Bericht für mich schrieb, hatte ich genügend Zeit, ihn aufmerksam zu betrachten. Vom ersten Augenblick an fühlte man sich sicher und geborgen in seiner Nähe. Es ging viel Ruhe und Wohlwollen von ihm aus. wie er da in seinem breiten, tiefen Sessel saß, aufrecht und straff in der Haltung, jugendlich die ganze Erscheinung trotz der weissen Haare. Das Anziehendste in seinem Gesicht waren die grossen, dunklen Augen. Sie. umfassten beim ersten Blick, den anderen Menschen in seiner Ganzheit, rasch hinweggleitend über das Äussere, um zum Wesentlichen durchzudringen. Diese Augen harten viei gesehen und waren weit und aufnahmebereit geblieben, sie konnten ernst, ja sogar zornig blicken. In ihnen war ein feines, verstehendes Lächeln für alle menschlichen Schwächen; sie hatten auf viel Leiden und Schmerzen geschaut und dennoch ihren Glanz und ihre Gläubigkeit dicht verloren. Ich wurde in meinen Betrachtungen unterbrochen, denn der alte Herr hatte ein paar Fragen an mich zu stellen. „Geburtstag?, Geburtsort?, Beruf?" Ich antwortete ihm. „Sie sind Lehrerin", sagte er — und seine Augen sahen mich sehr lange und prüfend an — „dann muß ich ihnen eine kleine Geschichte erzählen, eine kleine Geschiehte von meinem ersten Schultag." Er legte die Feder hin und schwieg eine Weile. Sein Blick ging durch das Fenster hinaus über den Garten hin in die Weite, so als ob er durch all die Jahre zurüekschauen wollte bis zu jenem fernen ersten Schultag. Dann begann er: ..Ich war der Jüngste unter vielen Geschwistern. Meine Eltern lebten in einfachen Verhältnissen und und mussten sich schwer plagen,.um ihren Kindern eine bessere Ausbildung zuteilwerden zu lassen, als sie selbst sie genossen hatten. Noch heute sehe ich meine Mutter, wie sie Abend für Abend über einen grossen Haufen zerrissener Kleider und Strümpfe gebeugt saß und nach anstrengendster Tagesarbeit noch viele Stunden nähte, bis ihre kranken Augen schmerzten. Als ich zur Schule kommen sollte, machte sie mir einen neuen Anzug. Stundenlang sass ich ungeduldig neben ihr am Tisch und sah ihr zu, Stich für Stich und Naht für Naht sah ich meinen neuen Anzug unter ihren fleibsigen Händen entstehen. Von einem alten Rock meines Vaters wurde der Stoff genommen, blau mit weissen Streifen. Die Mutter nähte mir daraus kurze enge Hosen und eine Bluse mit breitem Matrosenkragen und grosser Schleife. Immer wieder wollte ich ihn anprobieren; und als er endlich fertig war, war ich unsagbar stolz und glücklich. Die ganze Familie musste mich bewundern, allen gefiel der neue Anzug, und auch meine Mutter war von ihrer Arbeit befriedigt Endlieh kam der langersehnte Tag. Ich zog meinen Anzug an, nahm die Schulsachen, die die Geschwister schön vor mir benutzt hatten — und ging an der Hand der Mutter erwartungsvoll zum ersten Mal zur Schule. Die neuen Schüler versammelten sich alle im Schulhof, die Eltern gingen nach Hause zurück, und wir blieben mit der Lehrerin allein. Ich sah mich im Kreise meiner Mitschüler um. Ob sie wohl alle einen neuen Anzug hatten? Und wenn schon — sieher war er gekauft und nicht selbst genäht, sicher nicht so schön wie meiner. Ja, ich sah bestimmt am schönsten aus, und ich konnte den Augenblick nicht erwarten, bis ich von der Lehrerin aufgerufen wurde und zu ihr hingehen dürfte. Dann würden mich alle sehen, mich und meinen neuen Anzug. Ich musste lange w arten, bis die Reihe an mich kam, denn ich war der letzte' im Alphabet. Endlich hörte ich meinen Namen — mein Herz klopfte laut. Ich wollte rasch gehen, um bald neben der Lehrerin zu stehen und ihr die Hand zu geben — aber der Weg war plötzlich sehr weit, und meine Füsse waren schwer. Die Lehrerin legte die Schülerliste weg und sah mich durch ihre Brille hindurch an. Sie war sehr gross, als ich jetzt neben ihr stand, und ichwar sehr klein; ich wollte zu ihr hinauf schauen, aber ich konnte ihre Augen nicht sehen, nur ihre Brille. „Also, jetzt kommst du noch als letzter dran, Joseph", sagte sie zu mir und betrachtete mich einen Augenblick — „aber warum hast du denn gerade am ersten Schul tag einen so hässlichen Anzug angezogen?" ■ Der alte Herr schwieg eine Weile. Er nahm seinen Blick zurück aus der Vergangenheit und sah mich an. mich und die kleine Geschichte in mir. In seinen Augen war keine Bitterkeit, nur das feine verstehende und verzeihende Lächeln. „Sehen Sie", sagte er zu mir, „mehr als 60 Jahre sind seit jenem Tag vergangen, ELEGANTE SCHUHE .* Qoetht-StrJO 3C*£TAGE imt/cz£ßie'%Qtf£rt/iccg&3. Elegante Damenhüte Simon Frank Nachf. Zeil 121 Umänderung getragener Hüte nach neuesten Modellen zu bi 11 i gsten Preisen, Inserate im Gemeindeblatt haben grossen Erfolg!