Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 10 (7.1936)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 377 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 377 Kraft des Geistigen als des Sinnlichen zu strömen scheint, ohne an Unmittelbarkeit einzubüssen. Der individuelle Charakter beider Musiker bleibt bis in die letzte Nuance des Anschlags hinein gewahrt. Aber er beeinträchtigt nicht die Einhelligkeit des Spiels, wird vielmehr als. Vielfalt in der Einheit fruchtbar. Die Werkidee schmiedet die Gegensätze zusammen, bindet sie zur Ein- und Unterordnung: Vorbild für musikalische Zucht und Disziplin. \ Es erübrigt sich, auf Einzelheiten der Interpretation einzugehen. — Der Beifäll des Publikums steigerte sich am Schluss zu herzlichen Ovationen. Abschiedsgedanken überschatteten das Gefühl der Dankbarkeit. Eine Zugabe wurde gewährt: Die Zauberflöten-Ouvertüre in der Busoni-Bearbeitung. (War sie richtig gewählt?) Eosenstock und Steinberg ziehen von dannen, zu lokkenden Aufgaben'im Dienste bedeutender internationaler Positionen. Uns bleibt die Erinnerung an einen schönen und reichen Abend. Dr. E. Chorkonzert der jüdischen Tonkünstler . Mit einem schönen, durchweg sehr freundlich aufgenommenen Programm beschlossen die jüdischen Tonkünstler Frankfurts ihre zweite Konzertsaison. Mit berechtigter Genugtuung durfte Hans Assenheim, der an diesem 23. Mittwochskonzert kurze Worte der Einleitung sprach, darauf hinweisen, daß die Veranstaltungen bisher mehr als 2000 jüdischen Menschen gegen geringes Entgelt gute Kunst vermittelt haben. Gerade der letzte stark besuchte Abend dieser Konzertsaison konnte wieder von recht respektabeln Leistungen überzeugen. Dr. Nathan Ehrenreich erzielte mit seinem trefflichen „Jüdischen Kammerchor" mit Stücken aus den verschiedensten Sphären ausgezeichnete Wirkungen. Man hörte gern noch einmal Bachs gewaltigen Chor „Singet dem Herrn ein neues Lied", und im zweiten Teil brachten die mit Humor gesungenen Chorlieder von Haydn und Brahms und der mitreissende' Gesangswalzer „Rosen aus dem Süden" von Johann Strauss herzliches Vergnügen. Sololieder von Hugo Wolf und Brahms trug Leni Lorsch -Morgenstern, von Aenne Neuberger sehr feinsinnig begleitet, musikalisch, mit Empfinden und in geschickter Verwertung ihres begrenzten Materials vor. Lore Michaelis zeigte als Sopransolistin des vom Jüdischen Kammerchors schon einmal gesungenen Oratoriums „Jephta" von Carissimi eine schlanke, kultivierte, wenn auch nicht eben grosse Stimme. Mit guter Wirkung brachten Paula Levi und Herbert Hess die kleineren Alt- und Tenorpartieen dieses biblischen Werks zur Geltung. Leni Lorsch-Morgenstern und Aenne Neuberger halfen am Flügel gemeinsam zum Gelingen der Chorvorträge, wobei nur gelegentlich einmal eine kleine Dissonanz vorkam. Man darf wohl erwarten, daß die jüdischen Tonkünstler auch im nächsten Winter ihr Publikum finden werden. g. seh. Dela Lipinskaja Als DelaLipinskaja vor etwa 10 Jahren zum ersten Mal nach Franfurt als eine bis dahin in Deutscland noch völlig unbekannte Vortragskünstlerin kam, hatte sich ein kleiner Kreis von Fachleuten und Kunstfreunden eingefunden, der privatim gewissermassen zur Begutachtung eingeladen worden war. Es gehörte keine seherische Begabung dazu, um den Weg dieses ungewöhnlichen, naturhaften und zugleich aufs höchste verfeinerten Talents zu prophezeien. Die Lipinskaja hat sich, ein besonders charakteristisches Merkmal ihrer Anlage, fast gar nicht verändert; nicht äusserlich, nicht in ihrem künstlerischen Habitus. Mit der gleichen dröhnenden Männerstimme wettert sie, am Flügel den Rhythmus wippend, ihre slawischen Volkslieder in den Saal; mit der gleichen unnachahmlichen Grazie und Farbigkeit schlüpft sie in die unzähligen Gestalten ihres Chanson-Repertoires; mit unveränderter Hellsichtigkeit der Seele schafft sie die Atmosphäre des östlichen Ghettos. . 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