Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 6 (3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 237 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde Nr. 6.___März 1926 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage, Fahrgaase 146, zu richten. „Wohin?", nein „Woher?" Offener Brief an Heinz Bier zu seinem Artikel in der Februar ausgäbe von „Jugend und Gemeinde". Lieber Heinz Bier! "Wie oft schon mag es gewesen sein, daß wir uns in ruhiger Unterhaltung oder auch in heftig gewechselter "Rede und Gegenrede über die Fragen, die unser Judesein und unser Jungsein uns stellen, auseinandergesetzt haben. Du bringst heute Deine "Rede an die Oeffentliehkeit, so will denn auch ich meine Gegenrede der Allgemeinheit nicht vorenthalten, und ich hoffe, daß in unsre Diskussion sich auch all die einschalten werden, die Wesentliches und Entscheidendes zu unserem Problem zu sagen haben. Gerade unser Gemeindeblatt scheint mir der geeignete Platz zu sein, auf dem die jüdische Jugend Frankfurts sich auseinandersetzen kann, die. Arena abzugeben, in der ein Gespräch über „Unsre Jugend", über ihr „Wohin?" und auch über ihr „Woher?" stattfinden könnte. Und gleich zu Anfang will ich sagen, daß ich glaube, daß diese Diskussion von dem „Woher?" wird ausgehen müssen, da in ihm allein die Problematik unserer Zeit begründet zu sein scheint. Denn jedes „Wohin?" muß doch ein „Woher?" sinngemäß zur A'oraussetzung haben. Weil ich nun Dein ,,Woher?" kenne, glaube ich auch den Sinn Deines „Wohin?" richtig verstanden zu haben, und ich will versuchen, das meine zur Klärung der aufgeworfenen Fragen zu tun. Als wir damals als Kinder zu Füssen unseres unvergessenen Lehrers, — sein Gedenken sei zum Segen! — sassen, als wir erstmals unser Judentum in seinen Quellen erkennen durften, damals zeigte sich uns beiden sein Wesen im gleichen Licht Wir sahen ein Judentum, auf das so gar keine Terminologie der Umwelt sich anwenden liess, das ebensowenig ein „Volk" wie eine „Kation", ebensowenig eine „Kasse" wie eine „Konfession"' uns zu sein schien. Aber wir haben uns ja nie mit langen Definierungen abgequält, uns war genug damit, daß ein Judentum war, und daß wir eine Aufgabe in ihm sahen, die zu erfüllen wir mithelfen zu müssen glaubten. Diese Aufgabe hiess. den Wahrheitsgehalt der jüdischen Lehre in die Welt zu tragen, vor Gott gewissermassen als Herold voranzugehen, ihm den Weg zu bahnen. Unser Wirkungskreis sollte der Kosmos sein, wir glaubten, dadurch, daß wir gute Juden waren, auch gute Menschen zu sein. Da war es ja dann auch gleichgültig, wo eben wir uns aufhielten, an jedem Fleck unsrer Erde sahen wir uns nur eben als Juden wieder. Und doch gesellte sich beinahe unbewusst, diesem unsrem tiefsten Wesenskern ein Etwas hinzu, ein Gefühl, an Tiefe dem jüdischen bei weitem nicht gleich, aber doch eben ein Gefühl, das unser Innerstes erregte: die Liebe zur Heimat. Wie sollten sie auch auf uns keinen Eindruck machen, die Berge, die Täler, die Flüsse, die Bäche, all die Zeugen unsrer Kindheit? Sie, die munteren Spielgefährten einer ausgelassenen Jugend? Diese beiden Dinge, sie sind unser „Woher?". Du kennst es ebenso gut wie ich. Und doch fragst Du nach dem „Wohin?"? Jede Frage, soweit sie nicht rhetorisches Mittel ist, bedeutet Ungewissheit. Wie kannst Du, der Du unser „Woher?" so genau kennst, unsicher sein? Willst Du unser Judentum nicht mehr in die Welt tragen dürfen, ohne als „verkrüppelte Galuthexistenz" abgetan zu werden, willst Du nicht mehr um Zion, als dem Quell lebendigen Judentums beten dürfen, willst Du auch nicht mehr unsre Heimat .lieben dürfen, willst Du das alles nicht mehr? Und wenn Du willst, warum fragst Du dann „Wohin?"? Zeichnet sich Dir dann nicht mehr die Zukunft im Bilde der Vergangenheit wieder? Ich will nicht weiter fragen, ich will antworten. Doch, wir wollen weiter uns in der Welt als Juden bewähren dürfen, wir wollen weiter in Zion da-s Zentrum unsrer Kraft lieben können, und wir wollen weiter auch das Land lieben können, in dem wir leben. Doch gerade dieses Gefühl zur Heimat scheint mir labil genug zu sein, in Zeiten der Notwendigkeit, neuen Eindrücken zu weichen. Gerade uns .hinge Menschen wird die Unzahl der Ereignisse in einer neuen Umwelt beeinflussen und uns das Vergessen erleichtern, wenn es. wie hierbei, notwendig zu sein scheint. Wesentlicher und entscheidend scheint mir aber die Frage nach Sinn und Wesen unsres Jüdeweins heute. Ich bin mir vollauf der Schwierigkeiten bewusst, die es bedeuten muss, in jungen Jahren selbstbiographische Geistesanalyse zu treiben. Ich habe mich deshalb auch bewusst auf Andeutungen beschränkt, obwohl ich weiss, das.s ich mehr darüber s;igen könnte. Doch das wenige scheint mir zu genügen, die Fragen zu beantworten, die Du gestellt hast, und hinter denen, wie ich weiß, Du auch eine bestimmte Antwort bereit hältst. Ob uns eine Welt offen ist oder nicht, scheint mir unwesentlich zu sein; ob wir in einer eignen Welt fest mit beiden Beinen stehen, einer Well, die wir uns gegründet aus festem, haltbarem Gemäuer, darauf kommt's an! Welches ist die Welt, die uns Raum zu bieten vermag, in der alle Welten sich spiegeln, die Welt, die so gross ist, dass sie alle andern zu fassen vermag, und doch so klein, daß wer sie verlor, sich beinahe vergeblich bemüht, sie wiederzufinden? Es ist die Welt des Judentums. Ich weiss, Du stehst in dieser Welt, und Du fragst .,Wohin?"? Ich fasse Deine Frage nicht nach materiellen Möglichkeiten, denn da wäre die Antwort leicht, weil überall in der Welt eine körperliche Ruhe uns schwer gemacht wird. Ucberall! Wir haben auch nicht die Möglichkeiten in irgendeiner Form, unsre materiellen Möglichkeiten zu beeinflussen. Es ist heute mehr denn je der Geist, der sich den Körper baut. Wenn wir den geistigen Weg sehen, den wir gehen müssen, dann können wir nur hoffen, auf ihm auch materielle Befriedigung zu finden. Welches aber ist die Richtung, die unser „Woher?" uns führt? Du fragst, ob wir uns wiederfinden können. Haben wir uns denn etwa verloren, indem wir den Ort unsres Aufenthaltes wechseln müssten, sind wir denn nicht in unsrer jüdischen Welt hier wie da? Weiter fragst Du, ob wir denn überhaupt Neubruch brechen wollen, ich frage, ob wir es müssen! Ist unsre Lehre nicht noch immer jugendfrisch genug, uns auch in einer anderen Weltgegend 'tu tragen? Xein. wir sind keine altkluge Jugend und auch keine forsrhen Draufgäng r, wir sind Kinder. Banim! Bne reschaim. Söhne Irregelaufener, vielleicht; Bne zaddikim, Söhne Frommer, vielleicht: Bne Jisrael, Jakobskinder sind wir bestimmt, auserwählt, Jakobs Schicksal zu tragen. Weisst Du noch, wie wir zusammen die Wanderschaft des Erzvaters kennen lernten, ohne zu ahnen, daß sie unser Schicksal sein werde? Ich kenne kein Land der Welt, in dem irgendein Vorrecht mir mein Judesein ersetzen könnte, jenes Judentum nämlich, das mich auf die Urväter hinweist, indem es sagt: Maase awoth siman labanim, Schicksal und Tat der Väter sind Zeichen und Befehl den Kindern. Und das, was ich Dir eben sagte, setzt mich auch in Beziehung zum Zionismus. Es ist nicht so, wie Du glaubst, daß der Wille, ein Land zu bebauen, Erleichterung schaffe. Es kommt auch hierbei auf das „Woher?" an. Nicht als das Land unsrer Kinder wollen wir Palästina aufbauen, es soll das Land unsrer Väter wieder sein,