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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-03-01 · 6 (3.1936) · p. Seite 235

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
6 (3.1936)
Date
1936-03-01
Page
Seite 235 (sequence 33)
Language
German
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Seite 235 Und nun erzählt uns Pauline Wengeroff von ihrer Verlobung, von der Glückseligkeit, die sie erfüllt, als sie nach einem Jahr der Trennung endlich dem geliebten Mann angehören darf. — Weit entfernt vom Elternhause, in einem kleinen Städtchen Konotop verlebt sie die vier ersten glücklichen Ehejahre im Hause ihrer begüterten Schwiegereltern. Dann beginnt das Auf und Ab ihres Lebens. Noch lebt das junge Paar zuerst in dem kleinen Städtchen Lüben in Kleinrußland nach altfrommer Weise. Sie erleben den Krimkrieg und dann die Thronbesteigung Alexanders IL, die eine glänzende Epoche geistiger Blüte in Rußland einleitete und außer der Befreiung der Leibeigenen auch den Juden ungeahnte Freiheiten brachte. Jetzt konnten die jüdischen Jünglinge ihren Wissensdurst an den Universitäten der großen Städte stillen. Jüdische Bankhäuser entstanden. Auf Handel und Industrie gewannen die Juden bedeutenden Einfluß. Für Talmudstudium und Sabbatfeier blieb freilich jetzt, zumal bei den begüterten russischen Juden, keine Zeit übrig. Immer hingen die Frauen noch mit jeder Fiber ihrer Seele an der alten Tradition, aber die Männer sagten sich rücksichtslos vom Alten los und hatten für die Mütter immer die gleiche Antwort: „unsere Kinder brauchen keine Religion". Erbitterte Kämpfe um die Kinderseelen spielten sich ab, in denen die Frauen unterlagen. Auch Pauline Wengeroff kämpfte jahrelang gegen die neue Strömung, aber schließlich gab sie um des häuslichen Friedens willen müde nach. Von Kowno war die Familie nach Wilna über gesiedelt, dann nach Helsingfors in Finnland verschlagen und schließlich in Petersburg gelandet, wo für Pauline alle Grundlagen ihres bisherigen Lebens zerstört wurden. — Hier mußte sie den Scheitel abnehmen, nach heftigstem Widerstand die rituelle Küche aufgeben. Trotz der noch immer heißen Liebe zu ihrem Manne war sie fast verzweifelt vor Schmerz. Ihr Schmerz erreichte seineu Höhepunkt, als auch ihre Kinder zur Taufe schritten. Aber allmählich verlor dieses Leid für Pauline die Bedeutung eines persönlichen Erlebnisses, sie trauerte als Jüdin — in jenen achtziger Jahren, als der Antisemitismus in ganz Rußland wieder auflebte — um das ganze jüdische Volk. In jener Zeit fanden viele; aufgeklärte Juden unter dem Einfluß der traurigen Ereigniße den Weg zum Judentum zurück. Damals entstand die Gesellschaft der Chowewe Zion (Zionsfreunde) Ein Trost wurde für Pauline die soziale Arbeit. Sie wohnten jetzt in Minsk, und sie half bei der Errichtung von Tnteraten für Obdachlose, bei Kinderspeisungen, bei der Errichtung einer Gewerbeschule für Knaben und Mädchen. — Und dann kam jener 18. April 1892, die schwerste Stunde ihres Lebens, als ihr geliebter Mann starb. In ihrem Alter lebte Pauline Wengeroff längere Zeit in Deutschland, in Heidelberg, bei ihrer Schwester Exzellenz v. Sack. Nach Rußland zurückgekehrt, schloß sie im Weltkrieg im Jahre 1916 zu Minsk ihre Augen. Ella Seligmann Kailee-Tee-Kakao Weine-Lebensmittel in bekannter Güte / 3% Rabatt / Filialen in allen Stadtteilen Witlwe Hassan >#^r > bürgt für: / „ y'./fS. ^Gescfimack 'dUW/Sk [ Qualität 9 °y ,r™ 1 «• ^»Preiswüriliflkei! Aus der Arbeit der Ortsgruppe Frankfurt des Jüdischen Frauenbundes Die Frankfurter Ortsgruppe des Jüdischen Frauenhundes hatte ihre General-Versammlung auf den 15. Januar dieses Jahres angesetzt. Nach herzlichen Begrüssungsworten erteilte Ella W erne r, die die Versammlung leitete, der ersten Vorsitzenden, Paula Nassauer, das Wort. Die Kednerin gab einen Bericht über das letzte Jahr ihrer Amtsführung und über die gesamte Arbeitsleistung der Ortsgruppe sdit ihrer Gründung im Jahre 1907. Berta Pappenheim, die Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, rief sie ins Leben. Marta Schlesinger leitete sie von 1907-1911, Paula Nassauer von 1911 bis zum heutigen Tage. Die Ortsgruppe stellte zunächst eine Zusammenfassung der Frankfurter jüdischen Frauenvereine dar und arbeitete in enger Verbindung mit dem Bundesvorstand. Von den in Angriff genommenen Arbeiten verdienen erwähnt zu werden: Bekämpfung des Mädchenhandels (Bahnhofshilfe, Liste von Vertrauenspersonen), Arbeitsgemeinschaften über Sexualethik, über jüdische Lebensgesetze, über Ehegesetze, Vorträge und Arbeitsgemeinschaften. Durch Entsendung von Werberednerinneu wurden die Bundesideen in immer weitere Kreise getragen. Die „Blätter des Jüdischen Frauenbundes" wurden gegründet und unter der Redaktion der Ortsgruppe herausgegeben. Neben den Arbeitssitzungen wurde anspruchslose Geselligkeit gepflegt. Das Jahr 1933 brachte den Segen neuer Aufgaben: Helfen im kleinen und grösseren Kreis, intensiveres Aufsuchen der eigenen geistigen und sittlichen Kraftquellen. Die aus ihren Fachverbänden ausgeschiedenen Frauen vereinigten sich zu neuen jüdischen Berufsgruppen. Die „Berufstätigengruppe", geleitet von Dr. Martha Bauer, umfasst 160 Mitglieder. — Unter der Leitung der früheren rührigen Vorsitzenden des Frankfurter ITausfrauenvereins, Stephanie Forchhehncr, wurde eine Hausfrauengruppe gegründet. Ferner bildete sich eine „Gruppe der Jugendleiterinnen, Hortnerinnen und Kindergärtnerinnen". Wegen Raummangel unterbleiben hier die Berichte über die Fortbildung von Jugendlichen und Hausfrauen, über die Tätigkeit der Bahnhofshelferin Frl. Aach, die trotz der sehr veränderten Verhältnisse im Berichtsjahr 1935 773 Juden am Bahnhof betreut hat. Die von Berta Pappenheim geplante Gefährdetenfürsorge für das ganze Reich ist zu einer Isenburg-Angelegenheit geworden. Weitergeführt wurden die monatlichen Zusammenkünfte, bei denen aktuelle jüdische Themen besprochen wurden, die Arbeitsgemeinschaften, wie z. B. zu Feiertagsvorbereitungen, zur Stellung der jüdischen Schüler zum fakultativen Besuch des Samstagsunterrichts u. a. m. Zum ersten Mal wurde in diesem Jahr ein eigener Sederabend veranstaltet, zum zweiten Mal lud die Ortsgnippe Kinder aller Kreise zu einem erbaulich-fröhlichen Nachmittag in die Sukkoh ein; auf Anregung des Preussischen Landesverbandes wurden Familien vermittelt, die Kinder vom Lande über die Feiertage als Gäste in ihr Haus aufnehmen wollten. — Aus der Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsaufgaben gingen die Kleinarbeiten der Brautausstattungskommission und der. Familienforschung hervor. — Der Werbekommission ist zu verdanken, daß die Z a Ii 1 der Mitglieder sie h verdoppelt hat, ein ebenso ideeller wie finanzieller Erfolg. — Frau Nassauer sprach auch von unerfüllten Hoffnungen, die sie jedoch nie verbittert haben, so dass sie heute — da sie von dem Posten der 1. Vorsitzenden zurücktrat — mit Dankbarkeit auf die Zeit ihrer Amtsführung zurückblicke, im Gedenken an die Denkt rhilfe! Postscheckkonto 66600

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