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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1936-03-01 · 6 (3.1936) · p. Seite 234

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
14 (1935-1936)
Issue
6 (3.1936)
Date
1936-03-01
Page
Seite 234 (sequence 32)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschritten sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Schumannstr. 9 Pauline Wengeroff Nur wenige Memoirenwerke besitzt die jüdische Literatur, was umso beklagenswerter ist, als gerade heute mehr als je das Bedürfnis erwacht, in die versunkene Welt unserer Vorfahren einen Blick zu tun. Für uns deutsche Jüdinnen sind die Memoiren der Glückel von Hameln fast die einzige Quelle, die uns in unmittelbarer, fast naiver Weise Kunde gibt von den Sorgen und Freuden eines echt jüdischen typischen Frauenlebens des siebzehnten Jahrhunderts. In eine ganz andere fremde Welt führt uns ein neueres Memoirenbuch. Es ist von einer Frau geschrieben, die vor nunmehr hundert Jahren im fernen Rußland, in Litauen, das Licht der Welt erblickt hat. Der bekannte Literarhistoriker Gustav Karpeles schreibt von diesen Memoiren der Pauline Wengeroff: „Mit inniger Liebe und großer Pietät, mit einem milden verklärenden Humor und mit feinem psychologischem Takt erzählt sie uns wichtige Episoden aus einer großen Uebergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden in Rußland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum lagerten, zu durchbrechen begann, aus einer vielbeweglen, interessanten, merkwürdigen Periode." „M emoiren einer Großmulle r", nennt Pauline Wengeroff ihre Aufzeichnungen, die sie als siebzigjährige Greisin schreibt, und sie bittet, diese Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der Dämmerung ihres stillen Lebensabends schlicht erzählt, was sie in einer ereignisreichen Zeit erlebt hat. (Pauline Wengeroff. Memoiren einer Großmutter. Bilder aus der Kulturgeschichte der Jaden Rußlands im 19. Jahrhundert. Berlin, Poppelauer 1908.) Ihre Eltern waren tief religiöse, geistig vornehme Menschen, deren Lebensinhalt traditionelle Frömmigkeit und Nächstenliebe waren. Den Geschäften widmete man nur bestimmte Stunden.Der größte Teil des Tages gehörte dem Talmudstudium. — Der Vater, Judel Epstein, wie auch schon der Großvater waren hochangesehen und standen durch ihre Unternehmungen mit der russischen Regierung in Verbindung. In diesem jüdisch-patriarchalischen, schönen und reichen Elternhaus in Bresl-Litowsk verlebt Pauline Wengeroff ihre Kindheit. Aber nicht der große Reichtum, die Equipagen, die erlesenen Pferde, die kostbaren Kleider und der prunkvolle Schmuck bestimmen den Stil ihres Lebens. Alles im Hause trägt einen ernsten, würdigen jüdischen Charakter. So ist es nur selbstverständlich, daß auch für Pessele — so wird Pauline genannt — der Ernst des Lebens früh beginnt. Das geliebte Umherslreifen in Wald und Feld hört früh auf, und sie fühlt sich gefangen in dem engen, dumpfigen Raum des Glieder, wo der Melamed die Kinder im Hebräischen unterrichtet. — Aber nicht lange mehr sollten diese Chedarim in der alten Weise bestehen. Gegen Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahr- Elegante, neue Frühjahrs-Mäntel Sehr aparte Friihjahrs*Kleider FUHRLÄNDER Gegründet 1860 Zeil 74-78 Anzeigen- Annahme im Stadt- Zentrum Das Büro der Anzeigen «Verw. befindet sidi jetzt Beineck8!M7-19 Tel. 24488. lmnderts, unter der Begierung Nikolaus I., beginnt der ungeheure Umschwung. Aehnlich wie Kaiser Joseph II. erstrebt die russische Regierung eine geistige und physische Regeneration der Juden Rußlands. Wohl sind die Melamdim verzweifelt, und die Alten voll schwerer Sorge um die Erhaltung des Hebräischen und des gesamten altjüdischen Lebens. Aber die Jugend wartet mit gespannler Ungeduld auf das Erscheinen des Dr. Lilienthal, der vom Ministerium für Volksaufklärung beauftragt war, das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu heben. Dr. Lilienthal war ein deutscher aufgeklärter Rabbiner, europäisch gebildet und zugleich mit rabbinischer Gelehrsamkeit wohl vertraut. Er wurde zum Inspektor der Rigaer Volksschulen ernannt, und es gelang ihm, bald überall die Herzen der Jugend zu gewinnen, die sich dann freilich immer mehr von den Anschauungen und der Lebensführung der älteren Generation entfernte. Auch im elterlichen Hause der Pauline Wengeroff war zum großen Kummer der frommen Mutter der neue Geist eingezogen. Unter den Talmudfolianten verbargen die Schwiegersöhne einen Band von Schiller oder Zschokke. Sie lasen und sprachen Schiller'sche Verse genau in demselben singenden Tonfall wie sie Talmud lernten, damit die Mutter glauben sollte, daß sie fleißig lernten. — Die heimlichen Bringer der aufklärerischen Bücher und Träger der Korrespondenzen warenvielfach die Jeschiwa Bocherim, das lernende Proletariat in ganz Litauen, denen das Mittagessen in den wohlhabenden Häusern verabreicht wurde. Aus ihrer Mitte gingen in den sechziger Jahren die Rabbiner und Dajanim der kleinen litauischen Gemeinden hervor. Eine große traurige Umwälzung kam im elterlichen Hause der Pauline Wengeroff, als ein kaiserlicher Ukas das ganze Terrain der alten Stadt Brest zu einer Festung erster Klasse bestimmte. Die Familie mußte das schöne Heim verlassen. Das patriarchalische Leben hörte auf, und sie mußten sich mit kleinen, ärmlich eingerichteten Räumen in der Neustadt begnügen. Aber das Haus blieb der Sammelpunkt der Intelligenz, und Sabbath und Feiertag wurde nach wie vor in aller schöner Weise gefeiert. Alles blieb äußerlich beim Alten. Als Pessele 15 Jahre alt war, wurde ihre um zwei Jahre ältere Schwester verlobt. Die Braut durfte ihren Bräutigam ersl am Hochzeilslage sehen. Die Hochzeitsgebräuche, die in den Memoiren breit und interessant geschildert werden, waren die alten. Im Jahre 1845 traf ein kaiserlicher Ukas die ganze Judenschafl aufs tiefste. Sie wurden gezwungen, ihre altgewohnte Tracht abzulegen. Die Pejes, die Slirnlocken mußten fallen. Männer und Frauen durften sich nur noch in europäisch-russischer Tracht sehen lassen. Tiefer blickende Geister sahen voraus, daß dieses Gebot nur der erste Schritt auf dem Wege zu der immer tiefer greifenden Assi:- milation sei, daß bald Religion, Sitte, Gewohnheit und Bräuche der Juden umgemodelt sein würden. Darum gestaltete sich, als im Jahre 1846 Sir Moses Montefiore mit seiner edlen Gattin beim Kaiser Nikolaus I. die Zurücknahme der drakonischen Bestimmungen gegen die Juden bewirkte, die Reise dieses Patriarchen durch die russischen Städte zu einem Triumphzug, und die Verehrüng für das Greisenpaarstieg beinahe bis zur Vergötterung. Bald zog aber auch in das Epstein'sche Haus der Geist der Aufklärung ein. Noch fügte sich Pesseles einziger Bruder Ephraim dem Gebot der Eltern und heiratete eine ungeliebte Kusine. Aber nach der Geburt des ersten Kindes ging er nach Amerika, trat nach mancherlei Schicksalen zum Christentum über und wurde Judenmissionar, später ein berühmter Arzt. Aber die Sehnsucht nach der Muller trieb ihn zurück. Die alte Mutler fiel ihm zu Füßen und stand nicht eher auf, bis der Sohn versprochen hatte, zum Judentum zurückzukehren. Er hat das Versprechen gehalten.

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