Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 5 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 197 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094426-3094431--5075-3099881- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt •_ Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde _ Nr. 5._______Februar 1936 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an die Schriftleitung der Beilage. Fahrgaste 146, zu richten. WOHIN? Wenn die Fahrkarte gelöst, der Koffer gepackt, der Mensch „reisefertig" ist, wenn die äusserliche Trennung, die ein Zurücklassen auf der einen Seite und ein Hoffen auf ein noch ungewißstes Etwas auf der anderen Seite fordert, vollzogen ist, ist dann wirklich ein Schlusstrich unter die "Vergangenheit gezogen? Hat es wirklich seine Berechtigung, wenn man uns immer wieder sagt: „Was wollt Ihr, Ihr seid junge Menschen, Euch steht die Welt offen"? Steht sie uns wirklich so offen, wartet irgendwo einer auf uns, der bereit ist, uns aus dem Ueberfluss seiner Erfahrungen abzugeben, der bereit ist, uns einen Weg — und sei es nur den schmälsten Pfad — zu weisen? Wo sind die Gärtner, die uns Entwurzelte sorgsam behandeln, wo die. die Eltern- oder Freundesliebe zu ersetzen bereit sind? Werden wir, die wir ausgehen zu suchen, werden wir uns selbst einmal wiederfinden? Wird' der Neubau, den wir errichten sollen, wird er so ausfallen, wie man ihn von uns erwartet? Von uns, die wir vielleicht garnicht so abenteuerlustig waren, neu bauen zu wollen; die wir lieber aufgebaut hätten auf der Tradition, die uns das Milieu, in dem wir heranwuchsen, wies? — Die Zeit hastet, die Ereignisse drängen sich, die Möglichkeiten schrumpfen — ist unser Jungsein, unser grösstes Aktivum, ist es das unverbrauchte Jungsein, dem heldisches Kämpfen auf der Stirn geschrieben, und glühende Begeisterung in den Augen lodert? Ist es nicht eine altkluge, eine alte Jugend, die heute Pläne berät und Meinungen austauscht? Ist es forsches Draufgängertum, wenn Auswanderer-Ideen nach den Möglichkeiten erwogen werden, die die Zeitung bespricht, und die darauf hinauslaufen: gibt es Einreiseerlaubnis, Arbei'tS-Erlaubnis, und können die sonst auftauchenden Fragen eine einigermassen positive Lösung finden? Wohl denen, die sich zu der Gruppe derer gesellt haben, die gewillt sind, durch ihrer Hände Arbeit das Chamischoh osor bisch'waf Zu den Kreisen, in denen die Feier des Chamischoh osor bisch'wat bereits Tradition hat, gehört der Jugendkreis der Westend-Synagoge. Seit Jahren bereitet ihm der Verein Westendsynagoge neben den anderen Feiern des jüdischen Festjahres auch diese. Für dieses Jahr ist aber eine andere, ganz andere Art der Feier geplant. Wir wollen das Eecht der Erfindung dieser neuen — und doch so altjüdischen — Art zu feiern nicht für uns in Anspruch nehmen; wir wollen hier versuchen zu verwirklichen, was man uns als Feiersitte von einer grossen Synagoge in Amerika erzählt hat. Dort bekommen die Kinder — ich glaube an Simchas Thora — nichts geschenkt, sondern bringen ihrerseits für die armen jüdischen Kinder Früchte aller Art in die Synagoge, die sie dann im Festzuge durch die Synagoge tragen und vorn niederstellen lassen, so daß die ganze Synagoge im Glänze der Kinder spenden steht. Das also wollen wir dieses Jahr hierher übertragen. Die Feier des Chamischoh osor bisch'wat werden wir am Freitag, den 7. Februar, abends begehen. Die Kinder unserer Synagoge versammeln sich im Trausaal zur Aufstellung für den Festzug und bringen hierzu in einem Körbehen mit, was sie für arme Kinder der Frankfurter Gemeinde stiften wollen. Jeder soll so viel mitbringen, was ihm seine Eltern freiwillig geben und keiner darf die Eltern plagen, daß sie ihm noch mehr geben. Denn es kommt heilige Land wieder aufbauen zu helfen! Ihr Idealismus, zusammen mit dem beruhigenden Gefühl der Gemeinschaft, der Gemeinsamkeit, wird ihnen den Weg erleichtern. — Aber viele sind es doch auch, und wahrhaft nicht die schlechtesten, die sich — ganz von der ideologischen Seite zu schweigen — eine derartige Umschichtung nicht zutrauen. Es ist ihnen deswegen nicht die Lebensberechtigung abzusprechen, sie sind deswegen auch nicht weniger wertvoll als andere, bloss weil sie andere Qualitäten, zum Teil vielleicht aber auch nur mehr Skrupel haben. — Der Weg, den die Jugend zu gehen hat, ist schwer und ernst, denn es gibt nur einen Hin- und keinen Rückweg. Eine Heimat wird aufgegeben, ein Kreis gesprengt. Ein jeder will eine Oase finden, aber die Sandwüste, die zuvor zu durchschreiten ist, ist gross. — Darum, und weil es eben nicht so ist, wie man uns sagt, daß uns jungen Leuten die Welt offen steht, sollten wir besonders ernst unsere Entscheidungen treffen, wenn wir die» Ant- Tvort suchen auf die Frage: wohin? Ohne uns verleiten zu lassen von Trugbildern, die unbedachte Menschen uns irgendwo erscheinen lassen, und die dann wirklich nicht mehr sind als Trugbilder. Die Jugend sei sich der Verantwortung, die sie trägt,bewusst, aber auch das Alter, der Verantwortung, die es auf sich nimmt, indem es beratend der Jugend zur Seite steht. Nur wer die ganz© Schwere der Situation erkennt, wird sich darüber erheben können, und deswegen wollen wir nicht leichtfertig planen. — Wir wollen uns der Verantwortung, die wir unserer Geschichte schuldig sind, bewusst sein, und unser Streben darauf hinzielen, einmal den neuen Teil innerhalb der jüdischen Geschichte, den unsere Zeit einleitet, zu einer würdigen Fortsetzung der Geschichte unseres Volkes werden zu lassen. — Heinz Bier in der Westendsynagoge nicht so sehr darauf an, wieviel wir geben, sondern daß wir geben. Natürlich ein jeder nach seinen Kräften. Alles Weitere wird man dann dort sehen. Nach dem Zug durch die Synagoge v/erden die Körbchen vorn1 aufgestellt und dann wird auch unsere Sjnagoge im Glänze der Spenden ihrer Kinder stehen. Zwei Dinge möchte ich hierzu noch sagen. Den eigentlich schönen Sinn von Chamischoh osor bisch'wat können wir hier nicht so recht erleben. Wir können nicht am Tage, da frischer Saft in die Bäume steigt, neue Bäumchen pflanzen wie es die Kinder in Palästina tun. Und doch kommen wir auf die neue Weise der Feier Palästinas am nächsten, d. h. doch der eigentlichen Feier am nächsten. Wer neue Bäume pflanzt, pflanzt neue Freude — und auch wir pflanzen neue Freude in den Herzen jüdischer Kinder. Derer, die geben und derer, die dann empfangen. Und das ist das andere: im Judentum hat man immer empfunden, daß der, der gibt, durchaus nicht nur der Gebende ist; er empfängt in der Freude des Gebens mindestens eben so viel wie clor, dem er gibt. Und Kinder begreifen das vielleicht noch I'o-ser als Erwachsene. So gern sie sich auch beschenken lassen, os macht ihnen ebenso viel Freude, z. B. zum Geburtstag der Mutter etwas zu schenken. Diesesmal also sollt Ihr echte jüdische Freude am Chamischoh osor bisch'wat erleben, indem Ihr anderen Freude bereitet! Dr. H. Lemle