Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 5 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- Seite 194 (sequence 32)
- Language
- German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beitrage und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Kleine Reise-Nolizen von Bertha Pappenheim Die Vielfalt der Erscheinungen innerhalb des Judentums von dem zugespitzten, rückhaltlosen Individualismus einzelner bis zu den Grüppchen und Gruppen, in die sich andere zusammenfinden, bringen ein seltsam konturiertes, immer interessantes Bild. "Von den' Falasehas in Abessinien bis zu dem religionsphilosophischen Gentleman Claude Montefiore bringt die Betrachtung auch für den Laien unendlich viel Fesselndes, natürlich ohne die Gebundenheit, sich selbst einer der Gruppen oder Gemeinschaften zuzuzählen. Jemeniten und Misrachisten, Falasehas, Agudisten,* Chassidim, Zionisten aller Färbungen, Liberale und Reformjuden, jüdische Chinesen, indische Juden, Assimilanten aller Länder, Heimkehrer — alles Juden, vielleicht als Blutsverwandte anzusehen, wenn auch längst nichts als Wahlverwandte. Es wäre schön, wenn man sie auf den von Hillel formulierten gemeinsamen Nenner bringen könnte, — verdeutlicht durch die zehn Gebote und die religionsgesetzliche Sexualethik, die man heute Bevölkerungspolitik nennt. Aber der gemeinsame Nenner in seiner Höchstbedeutung wird nicht geachtet und versagt, insofern er sich nicht noch einer literarischen oder kanzelrednerischen Wertung erfreut. Die Zerfetztheit zwischen den Juden bleibt, und wenn schon fundierte Wissenschaft es schwer haben mag, die Mosaiksteinchen der Judentümer in ihrer inneren Beziehung zueinander nach Zeit und Ort und Inhalt zu einem Gesamtbild zu ordnen (mir erscheint das als eine aus der heutigen Zeit zu belebende Aufgabe) — haben nicht die Leute recht, die mich fragten: „Was geht Sie (mich) das heutige Polen und die Beth-Jakob-Schulen parteimäs* sig, weltanschaulich, politisch an?" Nun, die letzteren, meine ich, gehen mich — und Andere auch — an, weil eine jüdische Frau das Recht und die Pflicht hat, sich um jed'is Frauenschicksal, wie es in einer Judengruppe — einerlei wo — vorbereitet und beeinflusst wird, zu interessieren. Dieses Interesse umfasst natürlich alle pädagogischen Bestrebungen und Einrichtungen, wie Landerziehungsheime, Hachscharah, Haushaltungsschulen und andere Fortbildungsschulen als die Bildungsstätten jüdischer heranwachsender Jugend zu den künftigen Müttern in Israel. Gerade die intensive Beschäftigung mit diesen Fragen ließ mich zu der Erkenntnis kommen, daß man sie nicht generalisieren dürfe, sondern daß man jeder einzelnen erst dann gerecht wird, wenn man — wenigstens aus unserer Zeit gesehen — in der Mädchenerziehung drei getrennte Aufgaben- und Erziehungskreise unterscheidet. 1. Der Kreis, den ich als die deutsche Erziehung bezeichnen möchte, religiös viel tiefer gefasst, als es bisher üblich war, sonst aber ohne Verzicht auf irgendwelche kulturellen geistigen Reichtümer, die man heute nur zu gern als überlebt bezeichnet, und erweitert durch alles, was die deutsche Frauenbewegung dem jüdischen Frauenleben an sozialen und auch technischen Werten gebracht hat. 2. Der Kreis der zionistischen Mädchenerziehung. Dieser muß natürlich ganz anders in seinen Wegen und Zielen sein, und wenn ich auch das Land in seinem heutigen Zuschnitt und Werden nicht kenne, so darf ich mir doch erlauben zu sagen, daß eine Erziehung zur jüdischen Kolonisation Grundelemente pflegen muß, wie ich weiß, daß sie dort nicht nur nicht gepflegt werden, sondern bewusst vernachlässigt werden. Hier rückt schon die Politik so nahe an die Kultur, daß die Kultur darunter leidet. Erziehung ohne Respekt vor Familie und jüdische Erziehung ohne Respekt vor Religion können nicht den Boden dauernder innerer Prosperität bilden. 3. Der Kreis der ostjüdischen Mädchenerziehung, der von einer nicht genügend zu sehätzenden Bedeutung ist. Mag der 1. Kreis zahlenmässig der kleinste sein, der 2. derjenige, der glaubt, auf der Höhe der sozialen pädagogischen Anforderungen zu stehen, so ist der 3. Kreis, der ostjüdische, der SVa Millionen, noch ganz tief im Judentum verwurzelter Menschen umfasst, ein solches Reservoir des Judentums, daß für Generationen von dort noch lebendiges jüdisches Leben fliessen wird. Es hängt davon ab, wie man sich zu diesem Reservoir des Judentums stellen wird, ob man für das Welt-Judentum bedeutsame Kräfte aktivieren wird oder nicht. Ich habe vor länger als 30 Jahren in Polen soziale Arbeit angeregt, und es ist begreiflich, daß mich wenigstens ein flüchtiger Blick wissen lassen sollte, welche Veränderungen die politisch so ereignisreiche Zeit den polnischen Juden gebracht hat. Das heutige Polen zählt eine Einwohnerzahl von 3V2 Millionen Juden. Natürlich sind diese auch nicht homogen, sondern parteimässig, weltanschaulich, politisch zerklüftet. Aber (um ein als Scheidemünze zu wertendes Wort zu gebrauchen) blutmässig bilden sie ein Reservoir ungebrochenen' Jüdischseins, unverbrauchter jüdischer Lebenskraft und Lebenswillens, dessen Vorhandensein — in Generationen gedacht — ausserordentlich bedeutsam ist. Vielleicht gibt es noch eine ähnliche Massierung von Juden bei den russischen Marannen. Aber von diesen schweigt vorläufig der Geschichte. Persönlich für mich ist dieses Interesse noch dadurch ausgeweitet, als ich von dem Blickpunkt Beth-Jakob gerne flüchtig für mich feststellen wollte, welche Veränderungen in den letzten 30 Jahren bei den polnischen Juden bemerkbar geworden sind. Die grundlegendste Veränderung, die mir begegnete, ist die Einführung des Schul zwang es für ganz Polen. (Auch wenn die Baron-Hirsch-Stiftung nicht finanziell vertrocknet wäre, hätte sie sich auf andere Lehrfächer und Lehrmethoden als damals umstellen, d. h. den Gedanken der Gewerbeschulen fortführen müssen.) Jedes Kind in Polen muß heute bis zu seinem 14. Lebensjahr in die Schule gehen und erlernt die polnische Sprache als Fundament seines künftigen Lebens im Lande. Dieser Schul- und Sprachzwang wirkt sich natürlich auch zurück auf die Generation der Eltern aus, so daß die Eltern durch die Kinder die Landessprache beherrschen. Daneben sind aber für die Knaben die Chederim geblieben, manche sogar staatlich konzessioniert und unterstützt, aber körperlich leiden die Kinder durch diese schulische Dpppelbelastung ganz ausserordentlich. Vormittag normaler Schulbesuch mit Hausaufgaben, Nachmittag bis spät abends Cheder und Talmud-Thora und noch andere Vorstufen, die zur Jeschiwah, r'esp. zum Talmudstudium führen. Die Knaben in den Strassen, wo ich es beobachten konnte, sahen viel schlechter und körperlich unentwickelter aus als die Mädchen. Selbstverständlich gibt es im Lande eine sehr starke jüdische Jugendbewegung, zumeist auf liberalistischer oder zionistischer Basis. Als Beweis dafür sah ich in einer Stadt ein neues Volkshaus mit allen Einrichtungen, die der Jugendpflege dienen (Bibliothek, Turnhalle etc.) Es muß noch stärkstens betont werden, daß es rein jüdisch-politische und damit religiöse Gründe hat, daß eine gewaltige Zahl — ich weiß nicht, ob es eine Minorität oder eine Majorität ist, — das Jiddisch und Hebräisch als Umgangssprache aufrecht hält. In grober Zusammenstellung dürfte es so sein, daß Zionisten und Misrachisten das Hebräische pflegen, Agudisten und Chassidim das Jiddische. Jede Richtung hat ihre