Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 4 (1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094426-3094430--5016-3099821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14ä Schire Erez Israel, Palästinensische Lieder, gesammelt von Dr. Jakob Schönberg, Jüdischer Verlag, Berlin 1935. Eine Zeitlang war es nach den vor Jahren erschienenen jiddischen und hebräischen Liedersammlungen ein wenig still damit geworden. Heute besteht dafür bei den Juden Deutschlands wieder ein Bedürfnis, und es wurden dicht hintereinander zwei neue Liederbücher herausgegeben, von denen das eine, das Liederbuch für den Unterricht, Bund und Haus „Hawa naschira" von Jacobsen und Jospe in der Oeffentlichkeit bereits gewürdigt wurde. Ein Vergleich mit dem nun vorliegenden, im Auftrage der deutschen Makkabi- und Hechaluz-Organisationen herausgegebenen Buche liegt nahe, nur ein paar allgemeine Bemerkungen sollen vorausgeschickt werden, die sich aber nicht auf die Melodien beziehen, die von einem bestimmten Komponisten stammen, sondern vor allem auf die Weisen, die von den Herausgebern selbst aufgezeichnet wurden. Man wird da fast jede Melodie in jeder Sammlung anders notiert finden, weil sie dem betreffenden Sammler je nach seiner Herkunft anders bekannt war oder je nach Herkunft dessen, dem er sie ablauschte, anders vorgesungen wurde. Es handelt sich nicht um unwesentliche Varianten, sondern um ganze Tonfolgen, die den Charakter einer Melodie grundlegend ändern. Aber jeder behauptet, den echten Ring zu haben, obschon oft deutlich genug das volkstümliche und echte das „Jüdische" vom Einfluß der Umwelt, von der Verwestlichung, vom Aufputz, von der zivilierenden „Verschönerung" leicht zu trennen sind. Schönberg weiss das ganz genau, denn er spricht in seinem hebräischen Vorwort auch über die Gefahren, die der jüdischnationalen Musik (deren Existenz er voraussetzt, die aber nicht so ohne weiteres als ein wirklich fertig Gegebenes, ja noch lange nicht einmal als ein genau Umgrenztes angesehen werden kann!) durch das Weitergeben, durch die vage Ueberlieferung von Mund zu Mund drohen, wodurch sehr viel Wertvolles verloren gehen oder dem Gedächtnis des Volkes entschwinden kann. Aber dann müssten eben vor allem die Herausgeber selbst mit der Ueberlieferung vorsichtiger, liebevoller und kritischer umgehen, denn häufig genug biegen sie selbst die Herbheit, die Atonalität, die mittelalterliche Archaistik der Kirchentonarten, den entfesselten Rhythmus des unbewussten Orientalismus in die Weichheit, die harmonische Tonalität, die klassisch-romantische Leittontechnik, die gemächliche Rhythmik des Abendlandes um, ohne dabei Fälschungen zu beabsichtigen. Sie stecken nur viel zu sehr in den musikalischen Anschauungen Westeuropas mit seiner Harmonik und Gefühlsbetontheit, sodaß eine gewisse Angst besteht, durch wirklich ganz ungehemmte originale Aufzeichnungen musikalischen Anstoss zu erregen. Dazu kommt, daß sich vieles garnicht mit unsern Noten aufzeichnen lässt, sich unserem Tonsystem nicht einfügt. Diese ewig wechselnden Rhythmen, diese Tonschwebungen zwischen den Halbtönen, diese glissanden Schluchzer, „Unreinheiten", dem absoluten Gehör des darauf irrtümlich so eingebildeten Musikers ein Greuel, dem Kenner ein Genuss, sind nicht zu notieren, sie fängt nur die Sehallplatte ein. Von da wäre auszugehen. Man lasse alle Lieder, deren man habhaft werden kann, jiddische und hebräische auf Schallplatten singen, die von einwandfreien Musikern die gleichzeitig gute Hebräisten und gute Historiker sein müssen, aufgenommen werden. Man lege ein Archiv an (die Vorarbeiten dazu werden wohl schon in Palästina geleistet: die dortige Universität, die sich bisher wenig um Musik kümmert, sollte dieser ihr Interesse endlich auch zuwenden), man sammle das Material, so wie es Idelsohn, etwas unkritisch, begonnen hat. Dann wird man einen Ueberblick haben über das, was an Weisen, Tänzen, Liedern und volksliedhaftem Gute da ist, dann kann vielleicht, (seien wir vorsichtig), ein authentisches Buch herausgegeben werden. Denn das ist der letzte Fehler aller, dieser Sammlungen: ihr Mangel an Kritik, ihr Mangel an Mut. Nicht .'ede Melodie, die zu hebräischen Worten gesungen wird, hat etwas mit jüdischem Geist zu tun, nicht jedes deutsche oder slawische oder romanische Volkslied wird national-jüdisches Gut, nicht jeder mittelalterliche Gassenhauer synagogale Musik, wenn sein Text jiddisch oder ren-sinqe Reparaturen in eig. Werkstätte onmod. Uhren nehme Ich bei Reakaai Id Zahlung m hebräisch ist. Aber dazu gehört auch Mut, das laut zu sagen, dazu muß man sich völlig frei machen von Parteizugehörigkeiten, von „Gefühlen", mit denen so gerne und so viel in der jüdischen Musik gearbeitet wird, von frommen Wünschen, mehr zu sehen, zu hören und zu finden, als wirklich da ist. (Es ist genug da.) Ich will hier nur ein Beispiel geben. In beiden Liederbüchern, bei Jospe wie bei Schönberg, steht das in einer Besprechung „herrlich" genannte lehawah ali lehawah. Was dieser Armeemarsch, bei Schönberg noch dazu mit schrecklichen melodieimitationn versehen, in einem jüdischen Liederbuch zu suchen hat, ist nicht ersichtlich. Man übersetze dieses „Flamme empor" richtig, und das Lied steht in jedem deutschen Schulliederbuch an seinem Platze. Wie ganz anders mag im Original z. B. Bik'ah a'mukah klingen (S. 144), hier ist sicherlich die Tonalität g-moll einem früher transponiert phrygisch aufgezwungen, hier ist der wechselnde Rhythmus in 4/4 und 3/4 Takt gepresst. Wie verschieden die Auffassung der notierenden Herausgeber sind, zeige wieder ein Beispiel. L'chu w'niwne zeichnet Jospe (S. 112) als „jemenitische Weise" auf mit zum Teil anderen Noten und Notenwerten als Schönberg, die Melodie sehr vereinfacht. Dieser (S. 19) gibt sie weniger simpel und nennt den Namen des Komponisten M. Sejra. Offenkundiger kann die Verwirrung nicht sein. Man könnte bei dem Buche von Schönberg noch über manches sprechen: über die Kanons, die leider so nicht zu singen (bei lachewrah (S. 19) oder al naha'rot bawel (S. 137 oben) ), oder wie mi j'malell (S. 24) oder Rabbi mejr (S. 176) nicht aufzulösen sind; mancher zwei- oder dreistimmige Satz wäre vielleicht zu ändern oder klarer zu notieren und so fort. Aber das ergäbe ein neues Buch und gehört in ein neu zu gründendes Fachblatt für jüdische Musik. Die Einteilung bei Schönberg in 7 Abteilungen: Lieder der Begeisterung; der Arbeit und des Aufbaus; der Heimat und der Landschaft; der Feste und Freude; der Lyrik; der Kinder und zuletzt nur Melodien und Tänze ohne Texte ist gut und übersichtlich. Besonders in den mit Namen des Komponisten genannten Stücken findet sich grandioses, Joel Engel, von dem man in Deutschland wenig weiss oder wissen will, ist schon ein grosser Komponist. Der wertvollste Teil ist wohl der, der Melodien ohnevTexte enthält, hier ist vieles ungebundener als sonst, obschon freilich die übermässige Sekunde allein auch noch nicht jüdische Herkunft verbürgt; denn sie findet sich in der abendländischen Musik genau so oft (harmonisches Moll) wie in der arabischen. Die den Liedern angefügten Vokabeln sind sehr willkommen; denn wer kann das wirklich alles übersetzen, seien wir doch ehrlich. Das Format des Buches, das in die Tasche gesteckt werden kann, der Druck, die ganze Ausstattung sind recht gut. Im ganzen ist das Buch auch nur eine Materiui.-tummlung, die vieles bringt, um vielen etwas zu bringen. Es wird noch manche» Jahr vergehen, bis wir für die jüdischen Lieder etwas ähnliches haben werden, wie es z. B. die Bücher von Erk oder der deutsche Liederhort von Erk-Böhme für das deutsche Volkslied sind. Wir stehen erst am Anfang einer wissenschaftlichen Arbeit. Auch Schönberg gibt nicht mehr und nicht weniger, als was man heute erwarten darf. — Dr. Oskar Guttmann Feiertags-Märchen von Frieda Mehler. Berth. Levy-Verlag, Berlin 1935. Die bekannte Schriftstellerin, der wir so manches ernst-frohe Chanukka- und Purim-Spiel verdanken, widmet ihr neuestes Büchlein „unseren Kindern". Den kleinen unter ihnen wird gewiß der guten Märchentante rege Phantasie und kräftiger Humor, den die Zeichnungen von Dodo Bürgner noch unterstreichen, die Feste unseres jüdischen Jahres und ihre Feier lebendig und liebenswert machen. Salzberger AUSLANDsPe, PALÄSTINATRANSPORTE RHEINVERKEHRb". in Sammelladung und Lins per Bahn und Rhein (Albert Herz) Fachmännische Verpackung / Lagerung / Versicherung FRANKFURT AM MAIN, MAINZERLANDS fRASSE 65