Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 4 (1.1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 140 FRANKFURT SM BlEIDENSTR.3-5 METALL - DIE MODE FÜR GESELLSCHAFT LAMES, VOLANTS u. STOFFE. KRAGEN, GÜRTEL, KORDELN, BLUMEN, KNÖPFE, NADELN IN GOLD, SILBER UND STAHL Aus Anlass der bevorstehenden Werbeaktion des Keren Hajessod wird uns nachstehender Artikel zur Veröffentlichung übermittelt: Die neue Phase des Palästinaauf baus - Die Aufgabe der Juden Deutschlands Vor 15 Jahren hat eine Jahreskonferenz der Zionistischen Orgnisation in London den Keren Hajessod proklamiert, den zentralen Palästina-Aui'baufonds. 25 Millionen Pfund gedachte er in 5 Jahren aufzubringen. Das Ziel ist nicht erreicht worden. Dennoch ist es eine Etappe gewaltiger Arbeit, auf die zurückzublicken sich lohnt. Der Keren Hajessod ist das Finanzinstrument der Jewish Agency, die freiwillige Steuer der Juden für den Aufbau Palästinas. Um Menschen dazu zu bewegen, freiwillig Steuern zu bezahlen, muß man sie innerlich erfassen, muß sie für einen Gedanken gewinnen- In der Tat ist die Propaganda des KH ein Ideenkampf, ein Kampf um Menschen, natürlich auch ein Kampf um Mittel, ohne die ein Land nicht kolonisiert werden kann. Dieser Gedanke ist umstritten gewesen; es hat radikale Anhänger der Privatinitative gegeben, die das Grundgesetz ihrer eigenen Wirtschaftsauffassung nicht verstanden haben. Denn die private Initative, die sie empfehlen, benötigt einen gewissen Reifegrad der Entwicklung, um arbeiten zu können, Kapital muß Zinsen tragen. Oeffentliche, fiskalische Mittel arbeiten aber naturgemäss auch dort, wo die gemeinnützig verstandene Notwendigkeit es erfordert Pionierarbeit kann unrentabel sein, sie ist aber insofern rentabel, als sie den Beginn wirtschaftlicher Tätigkeit vorbereitet und ermöglicht. Es kommt hinzu, daß jedes Gemeinwesen eine Reihe von Ausgabeposten für Dinge hat, die ohnebin dem privaten Interesse entzogen sind. All das leistet der Keren Hajessod. Das Kernstück der sozialen Wirtschaftspolitik des Keren Hajessod ist seine landwirtschaftliche, kolonisatorische Tätigkeit gewesen. Nach dem Kriege wandte sich die jüdische Kolonisation aus der Pflanzungszone in die grösste Ebene des Landes, die zwischen Haifa und dem Jordan liegt Es wurde die Parole der gemischten Landwirtschaft ausgegeben gegen die Einseitigkeit der Monokultur. Vor 25 Jahren haben die Siedler von Daganiah diese Pionierarbeit begonnen, nunmehr wurde der Weg in Emek fortgesetzt. Wer die Dörfer zwischen Haifa und dem Jordan nicht kennt, kennt Palästina nicht. Wer Ein Charod, Tel Josef, Beth Alpha, Gewa und Nahalal und noch viele andere genossenschaftlich aufgebaute Siedlungen nicht kennt, weiss nicht, was Chaluziuth in diesem Lande geleistet hat. Jahre schwerer, langsamer Entwicklung liegen hinter uns. Kolonisieren heisst Zuschusswirtsehaft zumindest eine Zeitlang. Die Zeit soll möglichst kurz sein, sie ist umso kürzer, je besser eine Gründung von vorneherein fundiert ist. Deshalb hat der Weg der Rentabilität bei uns bis heute gedauert, weil die doppelte Aufgabe, der Kampf um die Gewinnung des jüdischen Volkes und die Beschaffung der Mittel, während zugleich der Aufbau sich vollzog, das Tempo bestimmten. Aber neue, dem Lande angepasste landwirtschaftliche BANKHAUS S. MERZBACH miiimiiiiiiiiiimiiiiiiii« Gegründet 1 832 Offenbach am Main Frankfurter Strasse 43 Frankfurt am Main Kaiserstr. 14 (Hapaghaus) Arbeitsmethoden haben die Erträgnisse gesteigert, die wissenschaftlichen Institute des Landes, auf Forschungsarbeit eingestellt, standen den Siedlern beratend zur Verfügung. Wasserfunde haben den Weg erleichtert und für die Zukunft neue Aussichten eröffnet. Auch für die Siedlungen, die bisher auf schwachen Füssen standen, sind neue Möglichkeiten eröffnet. Im Ganzen ist heute der Moment erreicht, wo der KH. die von ihm gegründeten Siedlungen zum grössten Teil sich selbst überlassen und beginnen kann, sich die Kredite, die er gab, zurückzahlen zu lassen. Bemerkenswert ist, daß die Leistung des Keren Hajessod in dieser Sphäre so ernst genommen wird, daß die erste grosse Anleihe, die die Jewish Agency bekommen hat, durch das Vertrauen zum KH. gesichert ist, der in Form seiner genossenschaftlichen Siedlungen eine Anzahl Debitoren hat, deren Bonität erwiesen ist und der insbesondere in Zukunft mit steigenden Einnahmen rechnen kann. 65 Siedlungen (von der privatwirtschaftlichen Kolonisation abgesehen) sind heute da: der jüdische Bauer, der Typ des körperlich selbst arbeitenden jüdischen Menschen, ist hier entstanden und hat von hier aus auch den Weg zur Eroberung der jüdischen Arbeit in der Zone der privaten Kolonisation angetreten. Ein volles Drittel seiner Einnahmen ( hat der KH. für Zwecke dieser Kolonisation ausgegeben; in diesen Siedlungspunkten sind mehr als 2000 Chaluzim aus Deutschland in den letzten 2 Jahren untergekommen. Hat man uns kritisiert wegen zu vieler Neugründungen bis 1928, so können die deutschen Juden heute diese Gründungsfreudigkeit segnen. Man kann sagen, daß kein Teil der ca. 30.000 Menschen starken deutschen Alijah den Weg der Einordnung so erfolgreich gegangen ist, wie diese Gruppe junger Menschen, die allerdings auch die am besten vorbereiteten waren. Diese Siedlungen des Keren Hajessed sind es auch gewesen, die in ihrer menschlichen und kulturellen Entwicklung so fortgeschritten waren, daß sie sich gestatten konnten, das interessante pädagogische Unternehmen der Jugendalijah zu beginnen und so erfolgreich zu betreiben, daß zu den ca. 700 Jugendlichen, die aufgenommen wurden, in diesem Jahre noch eine sehr erhebliche Zahl hinzukommen wird. Ueberhaupt hat der Keren Hajessod die pädagogische Arbeit des Landes entscheidend und erfolgreich beeinflusst. Er hat deshalb vor Jahren den Konflikt mit jener amerikanischen Gruppe auf sieh genommen, die der Auffassung war, daß Erziehung private Angelegenheit des Einzelnen ist. Wir waren dagegen der Meinung, daß Erziehung eine Sache Ider Gemeinschaf t ist und eine Zeitlang hat der KH. 80-90% des Budgets des Erziehungswerkes getragen, ein Beitrag, der sich freilich heute erheblich-'vermindert hat. Es gibt allerdings kein Gebiet der Aufbauarbeit, auf dem eine grössere Weitherzigkeit verlangt werden muß, als dieses, weil alle kulturellen Hoffnungen, die wir haben und insbesondere auf die zweite Generation setzen, zusammenhängen damit, daß ein erstklassiges, in jeder Hinsicht hochstehendes Erziehungssystem im Lande vorherrschend ist. Der KH, hat sich auf allen Gebieten gemeinnütziger, konstruktiver Art betätigt, die das Land erfordert, im Rahmen seiner Mittel natürlich, aber dieser Rahmen ist noch zu klein. Er hat in der Sphäre der städtischen Kolonisation gewirkt und auch grosse Wirtschaftsunternehmungen von öffentlichem Interesse (Ruthenberg!) unterstützt. Er hat überall da eingegriffen, wo in einem normalen Staatswesen die öffentliche Hand 'eingreifen würde. Und er hat sich nicht damit begnügt, ein Finanzinstrument zu sein, sondern er wollte der jüdischen Gemeinschaft gegenüber ein Instrument der Erziehung und der Beeinflussung sein. Die Menschen, die Geld gaben, sollten für ihre Sache geben und sich als Träger eines grossen Werkes für die Zukunft des jüdi-