Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Rückblick und Weg Jahre großer, umwälzender Geschehnisse finden ihren Niederschlag in der Geschichte, in der Beurteilung der Menschen, die in dieser Zeit gelebt. Das Schicksal erwartet eine Antwort vom Menschen und wird so ein Prüfstein seiner moralischen Kraft. Für die Gemeinschaft ist es von Wichtigkeit, wie der Einzelne ein Schicksal trägt, ob er sich stark zeigt oder ob er unterliegt. Der Kraftvolle vermag Vielen beizustehen durch das Beispiel, das er gibt; in der Geschichte spricht man von einem starken Menschengeschlecht, wenn nur einige Große die Kraft besassen, richtunggebend und wegweisend zu wirken. Umgekehrt kann Verzagtheit, Resignation dazu beitragen, die Gemüter wie eine ansteckende Krankheit zu vergiften. So wenig sich nun der Kraftvolle seiner Stärke rühmen soll, so wenig darf man den Schwachen seines Verzagtseins wegen tadeln; die. göttliche Weltordnung hat gleichermassen Starke und Sehwache, Gute und Böse, Begabte und Unbegabte in die Welt gesetzt. Dem Starken ist nicht um seiner selbst willen die Kraft gegeben, sondern um dem Schwachen zu helfen, und dem Begabten darf seine Denkkraft nicht nur Selbstzweck sein, sondern Verpflichtung. Also hätte nur der von der Natur mit ausgezeichneten Gaben Ausgestattete die Verpflichtung, und der Andere, der sich nicht dieser Vorzüge rühmen darf, wäre dieser Verpflichtung zur Gemeinschaft enthoben und hätte nur die Nutzniessung der von den „Wenigen" geleisteten Arbeit, und nicht auch Verpflichtung? Hiesse das nicht, sich das Leben recht leicht gemacht, wenn dem so wäre? „Kannst Du selbst ein Ganzes nicht sein — als dienendes Glied schliess an ein Ganzes Dich an", muß die Antwort auf diese Frage lauten. Der Ausgleich für Alle, ob mehr oder weniger begabt, ob begütert oder nicht, ist der Zusammenschluß, der weite Kreis, die Organisation, das Ganze. Hier ist die Leistung, ob gross oder klein, eingeordnet in eine Einheit, hier ist ein Schutz vor Überschätzung der eigenen Leistung; hier verschwindet das lähmende Gefühl von der Nutzlosigkeit der Arbeit, dass der Einzelne haben muss. Hier spürt man den Erfolg des ideellen Tuns, dem sich die Hemmung des materiellen Lebens so oft entgegenstellt. Und dieses Ganze wartet auf Dich, ist für Dich da, braucht Dich und Deine Mitarbeit, und gibt Dir die Befriedigung der Leistung, der Mitarbeit für die Gemeinschaft. Die Rubrik dieser Zeitung, die den Interessen der „Frau" gewidmet ist, ist zugleich auch die Stelle, immer von neuem die Frauen aufzurufen zu interessierten, sorgenden und helfenden jüdischen Menschen. Die Frauenbeilage hat das Besondere, das allgemein jüdische Problem vom Frauenstandpunkt aus zu erhellen und jede Frau fühlen zu lassen, dass es für sie gesagt ist, weil es s i e angeht, und weil es für sie geschrieben wird. Und wenn auch oft, ja eigentlich immer, Fragen allgemeinen Interesses angeschnitten werden und daher die besondere Frauenbeilage überflüssig erscheinen könnte, so ist es das, dass die Frau als Frau in diese allgemeinen Fragen neue Gesichtspunkte bringen soll: das Interesse der Frau lebt mehr im Individuellen, im Persönlichen, im Besonderen und reagiert mehr auf das, was für sie speziell gesagt und geschrieben ist. Deshalb dürfen diese Spalten auch jetzt, da das jüdische Jahr zu Ende geht — in die Besinnlichkeit, in die Atempause, die das Rosch-Haschana uns bringt — daran erinnern, mahnen und aufrufen, daß noch längst nicht alle jüdischen Frauen an dem Ganzen, an der Jüdischen Frauenarbeit, an den Frauenzusammenschlüssen interessiert und beteiligt sind. Gewiss, nicht jedem ist es gegeben, sichtbare, positive Mitarbeit leisten zu können. Aber schon durch Interessiertsein, durch die innere Bereitschaft zum Tun, durch Teilnahme an den Veranstaltungen, zeigt sich Verständnis für den Sinn des Zusammenschlusses und damit Förderung. Alle unsere Frauenzusammenschlüsse dienen der Idee des Guten und Edlen, der Hilfe und der Aufbauarbeit, und da sollte man noch an der Notwendigkeit, sich einzuordnen, zweifeln? In der Rückschau auf das von uns scheidende Jahr möge manchen in Erinnerung gebracht werden, dass innerhalb der jüdischen Frauenorganisationen unermüdlich gearbeitet wurde, dass mit unsichtbaren Lettern der Satz „Arbeiten und nicht verzweifeln" auf ihrer Fahne stand. Viele Tränen wurden getrocknet und viel Leid gelindert; vielen wurde in der Ausbildung wie im Beruf weitergeholfen. Jüdische Bildungswerte zu verbreiten, war man bemüht, und jüdisches Kulturgut versuchte man zu erhalten, immer geleitet von dem Gedanken, die jüdische Frau, das jüdische Mädchen zu ertüchtigen, ihr den schweren Weg zu erleichtern und darüber hinaus, der. Gemeinschaft zu dienen. Alljährlich erwarten wir das neue Jahr im ernsten Gebet, mit Bitten und Wünschen, in dem Bewusstsein, dass ein höherer Wille dem Menschen Dasein und Form gegeben, und dass er also dem Zweck gerecht werden müsse, zu dem ihn der Schöpfer in die Welt gestellt habe. Alljährlich wollen diese grossen, ehrfurchtgebietenden Tage, Rosch-Haschana und Jom-Kippur den jüdischen Menschen aufrufen zu neuem Wollen und zur Verinnerlichung seiner selbst. Alljährlich rufen wir uns zu „Gott möge uns einschreiben in das Buch des guten Lebens", und viele, viele jüdische Frauenherzen werden diesem Gebete den Ausdruck der Innigkeit verleihen in dem Gedanken an die Gemeinschaft. Möge das neue Jahr die jüdische Frauenwelt bereit und geeint finden in dem Willen zum Tun, in dem Wollen, sich einzuordnen in das „Ganze". Cilly Neuhaus Versöhnungstag ' Und wieder ist der heilige Tag gekommen, Aus grauem Dämmer steigt er leuchtend auf, So weltenfern, so himnielsfriedenvoll. — Welch fremdes Angesicht trägt heut' die Welt! Der Lärm des Werktags schlägt an unser Ohr, Wir achten's kaum. Die Kinder spielen Laut lärmend wie an jedem andern Tag Und lassen jubelnd bunte Drachen steigen. Die letzten Rosen sterben in den Gärten, Und Sonnenfäden ziehen durch die Luft. Wir achten's kaum. Wir sehreiten still dahin, Bis uns das heil'ge Gotteshaus umfängt. Dort ist heut' unsre Heimat, unsre Welt, Dort findet das verstürmte Herz den Frieden, Den wunderbaren stillen Himmelsfrieden, Nach dem es in der Welt vergebens bangt. Und aller Schmerz und alle Erdennot Und alle Qual und alle bange Pein Und jedes Weh, das unsre Seele quält, Sie wandeln sich zu gläubigem Gebet. Und das Gebet aus tausend bangen Herzen, Es flutet all in einen Strom zusammen, In eine uralt-heilige Melodie, So schwermutvoll und doch so traut, so weich. „Kol nidre" tönt's, und mit dem alten Klang Erwacht in uns die alte Kinderzeit, Erwachen alte halbverklungne Sagen. Wie banges Raunen geht's durch's Gotteshaus. Der Toten Seelen kehren heut zurück Und grüssen uns mit leisem Flügelschlag. Ich sehe sie in endlos langen Reihn Wie'graue Schatten zu uns niederschweben.— Schwebt nur herab und grüsst uns einmal noch, Dass unsre Seele stille Zwiesprach' halten, Wie einst in glückesfrohen fernen Tagen. Wir denken euer, wir vergassen nicht! Auch meine Jugend steigt aus ihrem Grab, Fasst leise meine Hand: komm mit zurück, In deiner Kindertage Paradies, Wo du mit blinden Augen froh gegangen, Wo dir ein Schleier rings das Leid verhüllt Und keine Schuld die reine Seele trübte.