Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 JaCOb GeigQr General-Agentur seit 35 Jahren Versicherungen aller Art. Freiherr vom Steinstrasse AB_Telefon T1814- Vor 50 Jahren war er hier als Kind neben seiner Mutter dahergegangen. Die Ebene war unverändert, der Würzhauch ging über sie hin. Die Kirchlein lugten noch über den Horizont des Tellers hinaus .. Hühner gackerten, ein Hund bellte - - ferne pfiff leise die Eisenbahn.. die Hopfenstangen reckten sich am Wegsaum -. An der Station musste er warten, bis ein Zug hier zu halten willens war. Er durfte noch eine ganze Weile träumen. Dann raste ein D-Zug hochnäsig vorbei und drüben auf der Hauptstrasse hupten Autos unwillig, ungeduldig und grell. Das Wiedersehen mit der Kindheit war weggeblasen... Herbstgedanken Studie von Dr. Bernhard Hirschberg-Schrader Ich nehme ein großes, durchsichtiges, gelbes Blatt in die Hand. Es ist weich wie Samt. Aber aus ihm spricht Hilflosigkeit und Resignation. Ab und zu fallen die Blätter weich und langsam von den Bäumen, selbst wenn es nicht windig ist. In Alleen kann man dieses Fallen oft beobachten. Erst ein Blatt... ein zweites... noch eins... Einige fallen in ieiehtem Zick-Zack. Aber ein Blatt gleitet in großem Bogen zur Erde. Seltsam, in diesem Fallen ist keine Bitterkeit, keine Verzweiflung. Mit Unrecht wird der Herbst mit einer tödlichen Krankheit verglichen. Weder die gelben noch die roten Blätter sind krank. In den roten ist die Schönheit der Unentrinnbarkeit ausgeprägt. Auch die weise Ergebenheit in das Unentrinnbare hat ihren Beiz. MAX LEVI FEINE HERREN-MASSCHNEIDEREI _SEILERSTRASSE 17 ptr. TEL. 22018 Man muß zu sterben verstehen, ohne entwürdigende Flucht vor dem Unvermeidlichen. So stirbt die Natur. So zu sterben verstehen Bauern. Ja, das Wort „Sterben" sollte man eigentlich überhaupt nicht gebrauchenwenn man im Herbst durch die Alleen geht und in den Blättern mit dem Stock wühlt. Es ist kein „Sterben", sondern ein Ausruhen. Welch herrliche Klarheit ringsum und — in der Seele. Welch erhabener Friede! Selbstverständlich gibt es auch unter den Blättern eigenwillige, wie z. B. jenes Blatt. An ihm ist das Mal des Protestes deutlich sichtbar. Es hat sich in das Unvermeidliche nicht fügen wollen. Es ist ganz gekrümmt und an seinen Rändern eingerollt. Und dort das gelbe, samtweiche Blatt — eine Schönheit im Vergleich zu diesem. Welche Resignation! Vielleicht kann man in diesen Alleen Lebensweisheit lernen. Dieses gelbe, durchsichtige, samtweiche Blatt hat den Herbst in sich aufgenommen. Der sommerliche Himmel hat etwas Alltägliches, etwas Selbstverständliches: es ist sehr heiss, die Sonne brennt unbarmherzig. Sie tut.es Tag für Tag, denn es ist eben Sommer. Wie anders ist doch der Herbsthimmel. Welch, eine große Beruhigung liegt in seiner Klarheit. Der Herbst hat seine eigenen Geräusche. Z.B. das Rascheln der am Boden liegenden Blätter, wenn man über sie hinwegsehreitet. Hin und wieder fliegen auch einzelne vorbei. Mitunter stellen sie sich auf den Rand und rollen wie ein Rad quer über die Allee dahin.. B R I E F H A ß K E N säintHehe^ltfen 'etc. günstigst An- und Verkauf r\ ß_ ..U « ~U«.~ Kßnigswarterstr. 31 Warum wendenSie sich nicht an U- AnSDaCtier Telefon 45405 Häufig verkleben braune, gelbe und angerötete Blätter miteinander zu einem dunklen, fladenförmigen Stück. Es ist interessant, ein solches Stück mit dem Stock in die Höhe zu heben. Die untere Fläche ist meist feucht. Auf den Blättern liegen oft Tannennadeln. Sie sind überallhin verstreut. Zuweilen sitzt eine Doppelnadel auf dem Hut eines Pilzes, am häufigsten auf dem des roten Täublings, und verwächst sogar mit ihm. Mitunter zieren die Alleen Reihen prächtiger Vogelbeerbäume,- voller Saft und Farbenpracht. Kinder wissen von all dem nichts und reihen diese Korallen zu Ketten auf. Kinder allein? Auch wir wissen nichts. Auch wir reihen das halbe, ja fast das ganze Leben irgendetwas auf. Wir halten in den Händen die Würfel des Lebens und spielen mit ihnen Tag für Tag. Und auf einmal kommt der Herbst. Wüschen, daß vieles, ja fast alles schon vorüber ist, daß aber Gott sei Dank auch eine gewisse Ruhe eingetreten ist. Wir fangen nun an zu begreifen, wie man das Leben in sich aufnehmen soll. Man glaube nicht, daß der Herbst eine versäumte Gier nach dem Leben wecke, daß man sich endlich an das Leben zu klammern beginne und es nun erst recht „sehätzen" lerne. Der Herbst ist ohne jeden Schrecken. Im Gegenteil, man empfindet ihn mit erhabener Ruhe, ohne Tränen. Das größte Leid und das höchste Glück haben keine Tränen. Im Herbste des Lebens lernt man Bescheidenheit und Ruhe als den wertvollsten Reichtum erkennen. Freuen wir uns, daß eine solche Ruhe eintritt, und daß über uns eine Weite entsteht, wie in den Lichtungen zwischen den hochragenden Bäumen der Alleen. Freuen wir uns. Wir sind gesammelt wie ein Wanderer, der in einem hohen lichten Tempel geweilt hat. Unsere Seele weitet sich, und Ruhe wohnt, in ihr. Und in dieser Ruhe liegt das Wunder des Herbstes. Nur Unwissende nennen sie Kälte, aber den Eingeweihten bedeutet sie Erfüllung. Kulturarbeit des Monats Kleinkunstabend . .. ^- Mit einem Kleinkunstabend "eröffnete der J ü d i s'ch e - Ku lturbund Bezirk Rhein-Main "sein diesjähriges: .Winterprogramm. Der erste Teil des Abends ein „Frankfurter Bilderbogen" zeigte einige bereits zur Legende gewordenen Frankfurter Persönlichkeiten: Kannix im Gespräch mit Davidsburg, der Herr Gebrüder Lärmeschläger, das Davidche mit der Kapp, sogar einige der Verzeh Dechter traten auf. In mehr oder weniger echtem Frankfurterisch wurden die Zeiten und' Stimmungen heraufbeschworen, zu denen die Älteren unter den Zu: schauern leichter Beziehungen fanden als die. jüngere Generation. Lediglich das Brendelche Schnut, eine ganz ausgezeichnete Leistung kabarettistischer Kunst (Hanns Berk) vermochte auch die zu erfreuen, die zu den übrigen Darbietungen des. ersten Tfeils keinen Zugang fanden. Im zweiten Teil des Abends entrollte sich mit Bühnenbildern Heinz C o n d e 11 s ein ..Ö s 11 i c h e r B i 1 d e rb o g e n". Der künstlerische und stimmungsmässige Wert dieser Scenen würde auch dann als wirklich groß empfunden worden sein, wenn nicht die Leistung des ersten Teils ungleichwertig gewesen wäre. Als Gestalter und . Sänger hat sich hier Häns As Senheim von einer neuen, unbestreitbar künstlerischen Seite gezeigt. Seine vollen, warmen Stimmittel, sein tiefes Eindringen in die Gefühls- und Darstellungswelt des Ostjuden -ermöglichten ihm eine so abgerundete Gestaltung, daß. man ihm empfehlen möchte, sich auf diesem Gebiet, für das er offenbar besondere Anlagen mitbringt, weiter zu betätigen. Neben dem. sehr geschickten Regisseur des Abends, Nicolai Eljaschoff, und dem witzigen Börsenwilli, als Ansager des ersten Teils, verdienen die übrigen Damen und Herren des Ensembles-Dank und Anerkennung für ihre Leistungen. Der reiche Beifall des Publikums erzwang sich einige Wiederholungen: . .. Ghr, Kammermusik-Abend des Kulturbundes Dem heiter-ernsten „Start", der Bilder aus Alt-Frankfurt und aus dem östlichen Kultur kreis gebracht hatte, folgte als eigentlicher Auftakt zu den Konzertveranstaltungen ein erfreulich gut-