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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-09-01 · 13 (9.1935) · p. Seite 508

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
13 (9.1935)
Date
1935-09-01
Page
Seite 508 (sequence 26)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beitrage und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Schulkinder von heute Die Ereignisse der letzten Jahre haben nicht nur die Erwachsenen unserer Gemeinschaft aufgerüttelt und umgeformt, sie haben auch unsere Kinder stark ergriffen und gewandelt. Beginnend bei den 6 und 7-Jährigen der Grundschule bis hinauf zu den Schülern der Oberklassen lässt sich diese Wandlung auf allen Altersstufen durchgehend feststellen. Besonders auffallend erscheint sie gerade bei den Jüngeren. Sie sind nicht mehr so harmlos fröhlich und ausgelassen, so unbeschwert, wie sie es ihrem Alter nach sein sollten und auch in früheren Jahren waren. Das heisst nun etwa nicht, dass sie nicht mehr lachen und tollen könnten und ungezogen sein, aber daneben wissen sie auch' von dem, was in der Welt der Erwachsenen vorgeht, und tragen mehr oder weniger, einen Teil davon mit. Sie haben mit 6 Jahren schon begriffen, daß man vieles nicht mehr tun darf, die Ängstlichen sind noch ängstlicher geworden und die Temperamentvollen geraten dauernd in Konflikte. Ihre Gesichter werden ernst und ängstlich, wenn einer von ihnen zu erzählen anfängt und dann bricht es auch aus den anderen hervor: was sie von Eltern und Geschwistern gehört haben, was sie aus Zeitungen herausbuchstabierten, was sie auf der Strasse gesehen oder selbst erlebt haben. An Tagen, die für die Gesamtheit neue Aufregungen und Sorgen bringen, ist das Verhalten einer Klasse von 6-8 Jährigen geradezu ein Gradmesser für die Situation des Elternhauses. Und der Erwachsene, der alles mit angehört hat, stellt erschüttert fest, wieviel Angstvorstellungen und Minderwertigkeitskomplexe sich bereits bei diesen Kleinsten festgesetzt haben. Hier muss Haus und Schule klären und kompensieren; nie sollten Eltern eine Frage ihres Kindes mit einem „Das verstehst Du nicht" oder „Dazu bist Du noch zu klein" beantworten, nie sollte der Lehrer auf einem schönen Märchen oder einer wichtigen Reehtsschreibungsregel bestehen, wenn die Schüler von den Ereignissen des Tages erfüllt sind. Noch einschneidender als die äusseren Geschehnisse wirken oft die veränderten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse auf die Kinder ein. Zwei Erlebnisse mit Schülern aus dem ersten Schuljahr bleiben mir, immer im Gedächtnis: Der eine war ein kleiner, blasser Junge, der mir selten etwas erzählte. Aber eines Tages kam er während des Unterrichts von seinem Platz gelaufen und sagte hastig: „Jetzt werden unsere Möbel und unsere Wäsche versteigert, und meine Mutter, muss dabei sein'/' — Und der andere war aus Norddeutschland zu uns in die Schule gekommen. Auf die Frage nach dem Beruf seines Vaters hatte er „Arbeitslos" geantwortet. Als ich zum zweiten Mal fragte: „Weisst Du vielleicht noch, was der Vater war, bevor er arbeitslos wurde?", da sagte er: „Nein, daran kann ich mich nicht mehr erinnern, aber auf unserem Türschild zu Hause stand: Dr. X., Medizinrat (Medizinalrat!)". Weit stärker noch als die Schüler, der Grundschule werden die älteren Knaben und Mädchen der Volksschule von der wirtschaftlichen Not ihrer Familien betroffen. Sie müssen schon . frühzeitig dem Vater in Werkstatt und Geschäft oder der Mutter im Haushalt eine Arbeitskraft ersetzen; die Versorgung und Erziehung der kleineren Geschwister ist ihnen überlassen, und oft verdienen sie sich durch Botengänge die; paar Pfennige, die sie für. eigene Anschaffungen brauchen. Neben der Schularbeit und diesen häuslichen Pflichten Aleibt ihnen keine Zeit zum Spielen oder Ausruhen; sie lernen den Kampf um die kärglichsten Lebensbedürfnisse kennen, lange bevor sie die Schule verlassen. Sie sehen ernst und illussionslos in die Zukunft und sind entschlossen, möglichst rasch einen praktischen Beruf zu ergreifen. Dem theoretischen Wissensstoff, den ihnen die Schule übermitteln will, stehen sie oft hilflös und sogar ablehnend gegenüber, aber in allem, was das praktische Leben fordert, zeigen sie Grosse Wandlungen dürfen dem Tüchtigen nicht als Geschenk von aussen und oben in den Schoss fallen, die Zeit darf ihm nichts bringen, wofür er sich nicht selbst reif gemacht hat. Franz Rosenzweig: Zeit ist's. eine Reife und Erfahrung, die weit über ihr Alter hinausgeht. Viele Schüler der mittleren und oberen Klassen werden entscheidend durch die Erziehung in den Bünden beinflusst. Was sich hier an neuen Lebens-und Gemeinschaftsformen herausgebildet hat, ist aus dem Leben unserer Jugend nicht mehr wegzudenken. Schon der äussere Betrieb eines Bundes: gemeinsame-* Wandern, Lagerleben, sportliche Betätigung, Heimabende und Singen, übt eine starke Anziehungskraft auf die Jugendlichen aus und ist in einer Zeit, wo die ^Jugend der Umwelt ganz stark von diesen Dingen erfasst ist, auch für unsere Kinder unbedingt nötig. Die Bündischen sind oft entschiedener und bewusster als die anderen — manchmal allerdings auch etwas zu hewusst — , die hinter ihnen stehende gleichgerichtete Gemeinschaf t scheint sie zu stärken, sie fühlen sich auch innerhalb der Klassen- und Schulgemeinschaft zusammengehörig. Das Wertvollste aber, das die meisten Bünde ihren Menschen geben, ist ein bewusstes jüdisches Milieu, Auseinandersetzung mit jüdischen Gegenwartsfragen, Beschäftigung mit Geschichte und Sprache des jüdischen Volkes. Bei allen Schülern, den im Bund Organisierten und den Nichtbündischen, ist ein weit stärkeres Interesse für alles Jüdische festzustellen. Das Verständnis für jüdische Geschichte ist besonders bei den Älteren größer geworden, sie wollen wissen, wie unsere Gemeinschaft geworden ist und was die Generationen vor uns erlebt und erlitten haben. k bärgt für: Geschmack PreiswürüWeit Die Kenntnis der hebräischen Sprache und des Aufbauwerks in Palästina ist für viele von aktuellster Bedeutung geworden. Oft gibt es erregte und erbitterte Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der einzelnen inner jüdischen Richtungen, bei denen die Gegensätze hart aufeinander prallen. Kritisch sind die meisten unserer Kinder, schon die Kleinsten stellen der einfachsten biblischen Geschichte-die Frage entgegen: „Ist das Wahrheit oder, ist das nur ein Märchen?" Später, wenn der Kinderglaube in Konflikt kommt mit den neu erworbenen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, geht es oft in zähem Ringen um die ewigen Fragen nach der Entstehung der Welt und des Menschen, nach dem Wesen Gottes und heute vor allem nach dem Sinn unseres Lebens und Leidens. Der Aussenstehende kann sich nur schwer, eine Vorstellung machen von,dem Ernst, ja von der Verzweiflung, mit der eine Klasse sich oft stundenlang um die Lösung solcher Probleme müht. . An, die jüdische Schule werden durch die schwierigen äusseren Verhältnisse und die schwierige geistige und seelische Situation, in der sich unsere Jugend befindet, stets wachsende Anforderungen gestellt. Sie muß versuchen, durch Schaffung eines lebendigen, bewusst jüdischen Milieus ihren Schülern Kraft und Freude zu geben und einen Ausgleich für das Viele, das sie heute entbehren müssen. Betty Schleifer

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