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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-03-01 · 7 (3.1935) · p. Seite 280

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
7 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 280 (sequence 30)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Zukunftssorgen um unsere Töchter Berufswahl und Berufsberatung des jüdischen Mädchens Die Berufswahl des jüdischen Mädchens in der heutigen Zeit ist eine Frage von besonderer Schwierigkeit. Umso verantwortungsvoller ist damit aber auch die Aufgabe der Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung geworden. Die "Wünsche der Kinder und Eltern mit den Möglichkeiten der Ausbildung auszugleichen, wird leider nur in wenigen Fällen möglich sein. Der Lebensraum für die jüdische Frau ist sehr eng geworden. Von einer Berufswahl im eigentlichen Sinne kann nicht mehr gesprochen werden, da nur sehr wenige Berufe der Jüdin offenstehen. Trotzdem aber muß versucht werden, den Kindern solche Ausbildungsmöglichkeiten zu geben, daß sie, wenigstens auf lange Sicht gesehen, praktische Kenntnisse sich erwerben können, die für ihre Lebensarbeit verwendbar sind. Vornehmlich aus diesem Grund kann nicht nachdrücklich genug darauf hingewiesen werden, daß auch schon die Schule Grundlage bildet für die praktische Berufsausbildung und damit für das Leben. Es ist auch für die Berufswahl durchaus nicht einerlei, ob die Kinder ein gutes oder schlechtes Schulzeugnis vorlegen können, noch weniger ist es nebensächlich, ob sie deutsch orthographisch falsch oder richtig schreiben können. Die irrige Meinung von Wertlosigkeit der Schulbildung hat sich leider, wohl durch die Verhältnisse der letzten Zeit bedingt, in unserem Kreise sehr stark durchgesetzt. Die Eltern haben die Kinder in diesem Sinne beeinflusst. Es ist von den Eltern und Kindern viel zu wenig beachtet worden, daß auch bei der Erlangung einer Lehrstelle und selbstverständlich auch einer gewerblichen das Schulzeugnis eine erhebliche Rolle spielt, ja meist den Ausschlag gibt. Wir bringen den Ü b e 1standder schlechten Zeugnisse als eine besonders auffallende Beobachtung bei der bisherigen Berufsberatung der Mädchen in dieser Ausführlichkeit und Offenheit zur Warnung für diejenigen Eltern, deren Kinder noch in den unteren Klassen sind und an die das Problem der Berufswahl erst in den kommenden Jahren herantreten wird. Wir glauben das Problem der Berufswahl für die schulentlassenen Mädchen am besten an Hand des in der Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung der Weiblichen Fürsorge bisher gewonnenen Zahlenmaterials beleuchten zu können, aus dem die Zahl der Berufssuchenden und ihre Wünsche zu ersehen sind. Insgesamt meldeten sich Davon mit Volksschule mit abgeschlossener Mittelschule mit abgeschlossener höherer Schule mit nicht abgeschlossener Schulbildung: Volksschule Mittelschule Höhere Schule Berufswunsch 77 38 1 23 Schneiderin Modistin Büroangestellte Verkäuferinnen Haushalt Landwirtschaft unbestimmt 31 3 21 12 4 3 3 Unter den Berufssuchenden waren orthodox 40 liberal 37 Von den insgesamt 77 gemeldeten Mädchen kommen 46 aus Volksschulen und 31 aus den mittleren und höheren Schulen. Auffallend ist die überaus hohe Ziffer derjenigen Mädchen, die mit einer unabgeschlossenen Schulbildung abgehen. 23 Schülerinnen kommen aus der Ober- und Untertertia. Die Gründe haben wir eben schon dargelegt; sicher ist aber auch neben diesen Gründen bei einer großen Anzahl die wirtschaftliche Lage der Eltern, die den Weiterbesuch der Schule nicht gestattet, der Anlass gewesen für die Unterbrechung des Bildungsganges. Umso notwendiger aber ist gerade in diesen Fällen die Produktivierung der Kinder in praktischen Berufen, für die in normalen Zeiten eine Weiterbildung möglich gewesen wäre. Gerade die Unterbringung dieser großen Zahl von Mädchen mit unabgeschlossener Schulbildung bringt aber wieder besondere Schwierigkeiten und zwar deswegen, weil die für diese Kinder besonders in Frage kommenden Lehrherren aus den kaufmännischen und Bürobetrieben auf eine abgeschlossene Schulbildung allergrössten Wert legen. Die Volksschülerin mit einem guten Abschlusszeugnis wird fast immer dem Mädchen mit einer unabgeschlossenen höheren Schulbildung vorgezogen. Nur 7 Berufsanwärterinnen mit Obersekundareife von 77 sind verfügbar! Aus dieser Zahl allein ist ersichtlich, daß auch heute der Abschluss einer höheren Schulbildung bei der praktischen Berufswahl von Wert ist. Aus unserem Zahlenbild sind des weiteren die Berufswünsche besonders aufschlussreich. 31 Mädchen haben sich fest entschlossen, Schneiderinnen zu werden. Ein Kommentar hierzu ist fast überflüssig. Abgesehen davon, daß es gar nicht wünschenswert ist, so viele Mädchen diesem Beruf zuzuführen, ist es unmöglich, so viele Lehrstellen in diesem Beruf zu finden. 12 Mädchen wollen Verkäuferinnen werden! Ist der Wunsch, Schneiderin zu werden, von der Konjunktur bestimmt und somit zu verstehen, so ist es unverständlich, daß eine verhältnismassig große Zahl Verkäuferinnen werden will, obwohl bekannt ist, daß die Verkäuferinnen zur Zeit das größte Kontingent der jüdischen weiblichen Arbeitslosen stellen und daß auch die Aussichten in diesem Beruf sehr schlecht sind. Für den kaufmännischen Beruf haben sich 21 Mädchen entschieden. Hier sind Unterbringungsmöglichkeiten wohl vorhanden. Voraussetzung ist aber, wie bereits erwähnt, eine abgeschlossene höhere Töehterschulbildung oder ein sehr gutes Zeugnis einer Volksschule. Verlangt werden ausserdem die Anfangsgründe in Stenographie und Sehreibmaschine. Leider erfüllen diese Bedingungen nur wenige der hierfür in Betracht kommenden jungen Mädchen. Und nun zum wesentlichen Merkmal dieser Berufswünsche! Nur 4 Mädchen haben als ihren Berufswunsch die hauswirtschaftliche Ausbildung angegeben. Das ist für -unsere Stelle, die sich seit Jahren für die hauswirtschaftliche Ausbildung schulentlassener Mädchen einsetzt, schmerzlich. Gerade weil die Berufswünsche sich nur zu einem geringen Teil verwirklichen lassen werden, und weil somit eine große Zahl zwangsläufig den Weg der hauswirtschaftlichen Ausbildung wird beschreiten müssen, scheint es uns wichtig, darauf hinzuweisen,.daß die Geringschätzung dieses Berufes in der heutigen Zeit weniger denn je berechtigt ist. Für jedes Mädchen nach der Schulentlassung ist es wichtig, sich gründliche hauswirtschaftliche Kenntnisse anzueignen — ganz gleich, ob sie später einen hauswirtschaftlichen oder kaufmännischen oder gewerblichen Beruf ergreifen will. Die Hauswirtschaft ist der Weg zu vielen Berufen, die der jüdischen Frau auch heute noch offen stehen: der Säuglings- und Kinderpflegerin, der Haus- und * Anstaltsbeamtin und der Krankenpflegerin. In allen diesen Berufen fehlt es an Nachwuchs. Die Ausbildung in der Hauswirtschaft ist ferner wichtig, wenn man die Auswanderung und vor allem Palästina in Rechnung stellt. Nach wie vor ist es also unsere Aufgabe und auch die Aufgabe der Jugendbünde, vor allem der zionistischen, auf die Bedeutung der hauswirtschaftlichen Ausbildung hinzuweisen. Vor allem darüber aufzuklären, daß eine gründliche hauswirtschaftliche Ausbildung auch Zeit erfordert und daß Halbheit auch hier ein Uebel ist.Wir erfahren in der allgemeinen Stellenvermittlung immer wieder, wie unangenehm sich die unvoll-

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