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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-03-01 · 7 (3.1935) · p. Seite 275

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
7 (3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 275 (sequence 25)
Language
German
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Seite 275 Kurse in Franz.. Engl., Ital., Spanisch, Stenographie für Anfänger und Fortgeschrittene. In den italienischen Kurs können Anfänger, die etwas sprachliche Vorkenntnisse haben, z. Zt. aufgenommen werden. Anmeldungen: Eschersheimer Landstr. 65 (Jugendheim). Jüdische Leihkasse E.V. Die Geschäftsseile dieser gemeinnützigen Einrichtung befindet sich Eschersheiraerlandstrasse 65, pt. Die Leihkasse bewilligt selbständigen Gewerbetreibenden und Handwerker Darlehen in mäßigen Beträgen gegen Bürgschaft zahlungsfähiger Personen Geschäftsstunden: Dienstag und Donnerstag, nachmittags von 4—6 Uhr. j Wer stiftet? dem Hechaluz (Einhorngasse 4) eine gebrauchte Schreibmaschine? Die Arbeit der „Weiblichen Fürsorge" e. V. In der Generalversammlung der Weiblichen Fürsorge legte Frau Paula Nassauer, die verdienstvolle erste Vorsitzende, ihr Amt wegen Arbeitsüberhäufung nieder. Zu ihrer Nachfolgerin wurde Frau Ella Werner bestimmt, während Frau Nassauer den zweiten Vorsitz übernommen hat. Die durch Wegzug von Vorstandsmitgliedern frei gewordenen Aemter wurden mit: Alice Lilienstein, Flora Heidingsfelder, Erna Feistmann und Cilly Neuhaus neu besetzt. Den Berichten der einzelnen Kommissionen war zu entnehmen, welche Fülle an Arbeit im verflossenen Jahre geleistet worden ist. Allein durch die Familienfürsorge konnten im Auftrag der Jüdischen Wohlfahrtspflege 500 Familien betreut, mit Lebensmitteln und Kohlen versorgt und des öftern auch mit Rat und liebevoller Fürsorge aufgerichtet werden. Ein schwieriges Betätigungsfeld bietet sich der Jugendfürsorge; sie hat es verstanden, mit den wenigen ihr zu Gebote stehenden Mitteln eine große Anzahl Kinder zu kleiden, sie in der Gesundheit durch ärztliche Kontrolle überwachen zu lassen und nötigenfalls sie in richtiger und zweckmässiger Umgebung unterzubringen. Von der Krankenhausfürsorge wurden annähernd 1000 Kranke betreut. Die Kleid er kämme r liess alle noch brauchbaren Bekleidungsstücke ausbessern und herrichten, wäre aber sehr dankbar, wenn ihr noch mehr Material zur Verfügung gestellt werden könnte, da sie dringend grösserer Vorräte bedarf, um alle die berechtigten einlaufenden Bittgesuche befriedigen zu können. Unter sachkundiger Leitung werden im Nähkurs täglich 15-20 erwerbslose Frauen und Mädchen im Flicken und Nähen unterwiesen. Sehr erwünscht bleibt weiter die tätige Mithilfe nähkundiger Frauen, ebenso die Einrichtung von Nähkreisen, die ihre selbstgefertigten Arbeiten der stets aufnahmebereiten Kleiderkammer zur Verfügung stellen mögen. Die Anfertigung von Sterbekleidern durch die W. F. für die Israelitische Gemeinde gibt einer Anzahl Frauen Verdienstmöglichkeit. Intensive Einfühlung und individuelle Behandlung ermöglichen es dem Arbeitsnachweis der W. F. den schwierigen Anforderungen, die an ihn gestellt werden, gerecht zu werden. Die Verschiebung in Angebot und Nachfrage bedeutete eine große Erschwerung der zu leistenden Arbeit. Die großen finanziellen Schwierigkeiten zwangen die W. F. zur Aufgabe der „Wohnräume" im Bäckerweg, in denen seit Jahren alleinstehende Frauen und Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes ein „Heim" gefunden hatten. Bei der großen Nachfrage, die erneut eingesetzt hat, besteht wohlbegründete Hoffnung, ein neues Heim erstehen zu lassen, vielleicht auf einfache und billige Weise. Das Durchgangszimmer der W. F. — in früheren Jahren oft und viel von durchreisenden Frauen und Mädchen in Anspruch genommen — konnte nicht mehr erhalten bleiben. Schweren Herzens mußte der Entschluss gefasst werden, beide Einrichtungen am 31. Januar zu schliessen, nachdem sie viele Jahre hindurch dankbare Insassen beherbergt hatten. Der jüdische Mensch in der Problematik unserer Zeit Das Mitglied des Präsidialausschusses der Reichsvertretung deutscher Juden, der stellvertretende Vorsitzende des Centraivereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Dr. Rudolf Callmann, Köln sprach am Montag, den 11. Februar in einer von der Frankfurter Ortsgruppe des Centraivereins einberufenen Versammlung über: „Der jüdische Mensch in der Problematik unserer Zeit". In seinem Vortrag, der von Darbietungen des „Bundes deutschjüdischer Jugend" umrahmt war, ging Dr. Callmann davon aus, daß eine frühere Ideologie, die den jüdischen Deutschen lediglich durch seine Religionszugehörigkeit unterschied, überholt sei, wandte sich aber gegen die Herabsetzung derjenigen Männer, die diese Ideologie im vorigen Jahrhundert begründet hatten. Aus der veränderten Situation entsteht die Frage, ob es eine Möglichkeit gibt, den verlorenen Halt des Absoluten durch etwas Neues;u ersetzen Zuerst denkt man an das Religiöse. Religion kann u\.\a nicht lernen und es bleibt die Frage offen, ob wir in ein religiöses Zeitalter kommen. Deshalb muße, so folgert Dr. Cailniann an die Stelle des Absoluten oder des Religiösen die Vertiefung und die Entwicklung der Gedanken des lü. Jahrhunders treten. Das 19. Jahrhundert ist das Zeitalter der geschichtlichen Betrachtungsweise. Die Fragen von Völkern nach dem Sinn ihres Seins und ihrer Sendung sind keine philosophischen mehr, sondern politisch-soziologische. Jedes Volk nimmt für sich die höchste Sendung in Anspruch. Infolgedessen ist auch nicht die Frage nach dem Sinn des Judentums schlechthin oder nach dem Sinn der Diaspora zu stellen, sondern beides ist zu bejahen, wie das Leben. Auf Grund dieser Ueberlegungen gab Dr. Callmann eine Antwort auf die beiden Grundfragen des C. V. Wie stehen wir zur Synthese von Deutschtum und Judentum"? und: Wie stehen wir zur Emanzipation und Assimilation? Drei Möglichkeiten gibt es für eine Haltung zu Deutschtum und Judentum: 1.) Der jüdische Deutsche, der es ablehnt, deutscher Jude zu heissen, weil er im Deutschtum die Substanz seines Wesens, im Jüdischen lediglich eine Färbung, und zwar eine meist unwillkommene Färbung seiner Deutschheit sieht. Mit ihm haben wir nichts zu tun. 2.) Der jüdische Mensch, der schlechthin und nur Jude sein will, der zwar auch deutsche Wesenheit als formende Kraft in sich spürt, der aber dennoch als sein Land und seine Zukunft Palästina mit der Seele sucht, ist uns verbunden durch die positive Kraft seines Judentums. 3.) Der deutsche Jude, der sein Judentum liebt, so wie man überhaupt liebt, ohne zu wissen warum, mit seinen Fehlern und Vorzügen, ist im Jüdischen und Deutschen positiv, da er beider Wesen Kräfte mächtig in sich wirksam fühlt. Lehrer-Fortbildung Rhein-Main „Gedanke und Tat in Erziehung und Unterricht" Die große Umstellung im deutschen Erziehungswesen zieht auch eine Umgestaltung der pädagogischen Grundlagen unserer Lehrerausbildung nach sich. Die großen Spitzenorganisationen des jüdischen Lebens in Deutschland entziehen sich keineswegs ihrer verantwortungsvollen Aufgabe im Dienste der kommenden Generation. Der Preußische Landesverband hat es dämm in Gemeinschaft mit der Reichsvertretung der deutschen Juden, der Israelitischen Gemeinde Frankfurt und der Ortsgruppe der Vereinigimg der jüdischen Lehrer und Lehrerinnen untenommen, diejenigen jüdischen Pädagogen des Rhein-Main-Gebietes, die sich auf die jüdische Schule oder auf die Lehrtätigkeit an Volksschulen umstellen wollen, in Lehrkursen mit den hierzu notwendigen pädagogischen Kenntnissen und Erfahrungen zu versehen. Unter Leitung von Oberstudiendirektor Dr. O. D r i e s e n hat der e.ste längere Lehrgang für Pädagogen begonnen, der sich auf fünf pädagogische Gebiete erstreckt: Deutschkunde, lebende Sprachen, jüdische Bildung, Volksschuhmterricht, Psychologie und Biologie im Unterricht. Charakteristisch ist dabei der ständige Zusammenhang von Theorie und Praxis, der durch die Einlegung von Unterrichtsproben gewährleistet wird. Zu dem E r ö f f n u n g s a k t in der Aula des Phüanthropins hatten sich zahlreiche Pädagogen aus dem ganzen Bezirke und die Vertreter des öffentlichen jüdischen Lebens eingefunden. Oberstudiendirektor Dr. Driesen legte in tiefschürfenden Ausführungen über „Gedanke und Tat in Erziehung und Unterricht" die Gesichtspunkte dar, die die Veranstalter der Lelirerschulung leiten. Immer sei das Judentum eine Gemeinschaft des wachen Denkens, eine Brüderschaft des Geistigen in Freud und Leid gewesen. Die Hingabe als Brücke zwischen Gedanke und Tat kenne kein Hindernis, sie setze erst den Willen in Bewegung. Oft fehle uns aber im Unterricht der Blick für das Wesentliche. Die wahre Kunst des Pädagogen sei, verwickelte Gedankengänge einfach darzustellen. Gewiß sei der auch wissenschaftlich arbeitende und denkende Lehrer eine erfreuliche Erscheinung; der aber nur der Wissenschaft Lebende gehöre nicht in die Schule. Immer bleibe der Gedanke als Mittel zum Unterricht wertvoll; als Universal- oder Allheilmittel aber sei er abzulehnen. Die Lehrmethode ist für das Kind da und nicht das Kind für die Methode. Jede Methode sei auch nicht allgemeingültig, denn ebenso wie dem Blumenzüchter müsse dem Lehrer die Natur die Richtung weisen. Das Ziel aller pädagogischen Arbeit sei der Weg zum Herzen der Jugend, der heute über die Lebensgemeinschaft der Jugend, über die Bünde, führt. Der Bund sei die Lebensgemeinschaft, die Schule aber die Arbeitsgemeinschaft. Der Dreiklang Elternhaus-Schule-Bund entsteht erst durch die Einheit von Gedanke und Tat. - Für den Vorstand der Gemeinde, die Reichsvertretung der deutschen Juden und den Preußischen Landesverband überbrachte Prof. Dr. A. Freimann Wünsche zum Beginn des

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