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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1935-02-01 · 6 (2.1935) · p. Seite 240

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
6 (2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 240 (sequence 34)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Blick nach rückwärts? Unter den Frauen der biblischen Geschichte spielt eine für den Gang der Ereignisse geringe, für uns aber höchst bedeutsame Rolle: Lots Frau; Sehr wenig, wissen wir von ihrem Leben, nicht einmal ihren Namen und ihre Abstammung. Wir erfahren nur von ihrem Sterben, von ihrem Starrwerden zur Salzsäule, als sie trotz dem Verbot der Engel hinter sich schaut, um die Zerstörung Sodoms zu sehen. Die Rückwärtsschauende erstarrt — gewiss nicht nur als Strafe für ihren Ungehorsam. Uns Heutigen gibt diese Geschichte wieder zu denken, für uns hat sie einen doppelten Sinn, der uns als Weisung und Lehre erscheint. Eine Frau, ohne Glauben und Vertrauen, blickt beim Verlassen eines von Gott zur Strafe zerstörten Landes hinter sich. Eine Frau am Scheideweg zwischen dem Land der Vergangenheit und dem der Zukunft, kann sich nicht von dem Rückwärts lösen, selbst dann nicht, wenn sie weiss, daß es dem Untergang geweiht ist. Sie kann nicht beruhigt zurücklassen, was zurückgelassen werden muß, kann sich nicht entschliessen, ein neues Leben mit den Ihren, wenn auch im unbekannten Räume, zu beginnen. Auch die Jüdische Frau unserer Tage steht zwischen zwei Zeiten, oft sogar zwischen zwei Ländern. Auch sie hat zu entscheiden zwischen dem Gestern und seinem Leben scheinbarer äusserer Gesichertheit und dem Morgen, dem Aufbruch in ungesicherte und unabsehbare Zeiten. Auch ihr bleibt die Wahl, nicht auf die bedauernde Rückschau zu verzichten oder mit dem Lebendigen, noch nicht geformten und Fertigen, in die Zeit weiterzuschreiten. Das Lebendige, das voll Ungeduld und Vertrauen zum neuen Leben hindrängt, sind ihre Kinder. Das aber, was gewaltsam zurückhalten und den Weg nicht freigeben will, ist ein Leben der - Erinnerungen an ruhigere Zeiten, an Formen, die. sich einmal bewährten, an Anschauungen, die einmal galten. Es ist heute notwendiger denn je, daß die jüdische Mutter ihre heranwachsenden Kinder nicht allein läßt mit ihren Plänen und Zukunftshoffnungen, daß sie teilnimmt an ihrem Leben und seinen gewiss nicht zu unterschätzenden Schwierigkeiten und Problemen. Dabei ist es kein Unterschied, ob die Kinder den Weg nach Palästina wählen oder es vorziehen, auf deutschem Boden zu bleiben, es ist gleichgültig, ob sie gemeinsam mit ihrem Bund oder allein für sich ihre Lebensfrage zu lösen versuchen — ihr Leben, wie es auch sei, bedeutet Aufbruch. Eine große Möglichkeit hat die jüdische Mutter von heute und gleichzeitig liegt darin Gefahr: Ist sie in der Lage, mit gewissen durch die Forderungen der Jetztzeit inhaltslos gewordenen Lebensformen von früher zu brechen oder zumindest denen der in vielen Dingen anders eingestellten Jugend Sympathie und Verstehen entgegen zu bringen, ist sie großzügig genug, die Kinder den mit Selbstverantwortung gewählten Weg ziehen zu lassen, wenn sie ihn auch selbst nicht einschlagen kann, so wird sie das große Glück erleben, Kameradin der Jugend zu sein, teilzuhaben am Lebendigen und Hoffnungsvollen. Ist es ihr aber nicht gegeben, sich von vielfach schon zerstörten und nutzlos'gewordenen Gütern der Vergangenheit zu lösen, steht sie wägend und vergleichend und voll Bedauern am Scheideweg, so erstarrt leicht ihre Bindung mit der Jugend. „Denkt nicht zurück, Was war, verdorrt, Ein einziger Hort . Ist euch gereift, Der. Hort heisst: Dort!" ... so ruft und mahnt Karl Wolfskehl zum „Aufbruch". Vorschau ist die schon von der Natur gegebene Aufgabe der Mutter. Aber Vorschau kann heute nicht mehr heissen: Sicherung materieller Güter. Vorschau bedeutet heute neben der Sicherung ideeller, vor allem religiöser Werte, Teilnahme an den Aufgaben der Gegenwart und ihrer Forderungen, an der Jugend, die die jü- Was man in Deiner Gegenwart gesprochen, das bleibe bei Dir verborgen, auch wenn es nicht als Geheimnis gesprochen ist. Ascher ben Jediel, 1300 Toledo dische Zukunft verkörpert. Nie wird das Generationsproblem verschwinden können und gerade beute sind wir nicht zu dieser Hoffnung berechtigt. Aber ein Ausgleich ist möglich und besonders jetzt erstrebenswert, wo. es um das jüdische Leben und seine Zukunft geht. Die jüdische Mütter kann mit Einsicht dazu beitragen, wenn sie in die Zeit hineinhorcht und dort die Fragen, die Bitten und Rufe ihrer Kinder vernimmt. Sie kann ihnen dazu verhelfen, die noch nicht festumrissene Lebensform zu festigen und vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Das ist die ihr neuerstandene Aufgabe und Verantwortung. Geht sie mit den Kindern, nimmt sie sich Zeit zum Eingehen auf ihre Interessen, erfüllt sie ihre Bitte beispielsweise um Rückkehr zu festeren religiösen Formen, um bewußte Betonung der Zugehörigkeit zum Judentum, oder stellt sie der Jugend kein Hindernis entgegen, falls diese das religiöse Erlebnis ausserhalb" des Familienkreises finden muß, so hat sie die Gewähr, niemals zurückbleiben zu müssen hinter ihrem Schritt. Es ist oft schwer für; die Mutter, sich von gewohnten Anschauungen und Formen loszulösen, aber es lohnt. Der Blick nach vorwärts wird in die Zukunft ihrer Kinder gehen." . Das Tempo unserer Zeit ist unverändert schnell und die Ansprüche sind unerbittlich. Wer nicht Schritt hält und sich nicht bemüht, ihnen zu entsprechen, bleibt allein zurück. Allein wie Lots Frau, die mit dem Blick nach rückwärts ihre Kinder verliert. Und dabei handelt Lots Frau wider die göttliche Weisung, die sie getrost vorwärtsschauen heisst. Zur Befolgung dieser Weisung gehört auch heute nichts als Mut und Glauben. Lieselotte Höxter Die jüdische Frau im Werk J. Wassermanns (Gedanken am 1. Jahrestag seines Todes) Als Wassermann vor einem Jahre starb, kannten wir in seinem Werk wohl das Bild der jüdischen Frau: der hingebenden „Madönnehen" — ihre vollendste Gestaltung ist die unglückliche kleine Ruth im „Christian Wahnschaffe". Im Bekenntnisbuch „Mein Weg als Deutscher und Jude" heisst es von einem jungen jüdischen Mädchen, das Wassermann in einer gefährlichen Lebenskrise trifft: „Vielleicht hätte ich mich nicht aufzuraffen und die Fesseln zu zerreissen vermocht, wäre nicht ein junges Mädchen gewesen, eine siebzehnjährige russische Jüdin, die wie ein liebendes Madönnchen in meinen verwunschenen Kreis trat und, wenn ich's recht bedenke, die erste Glückbringerin war. Nur durch ihre Art zu sein, zu lächeln, zu verstehen^ eine stumraschenkende, ergreifend wahre Art, half sie mir über das Schwere und machte, daß ich vergass und beharrte. Sie war Tabakarbeiterin, in ärmlichsten Verhältnissen, doch sie hätte eine, junge Fürstin seinkönnen;- sie war so stolz wie anmutig, so grossen Sinns-wie-gehalten in ihrem, Wesen." Und dann, an einer späteren Stelle dieses Buches, wenn.er von der Fähigkeit zur Hingabe an Geistiges spricht: „Frauen insbesondere fand ich so. Jüdische Frauen und Mädchen sind der edelste und verheissendste Teil des Judentums;.in ihren reinen Bildungen unvergleichlich. Manche sind fördernd, einige rettend in meinen Bezirk getreten/die ersten Bestätigerinnen; die ersten, die nagenden Zweifel stillten, dem Ruf antworteten, die Gestalt grüssten, die innere Welt sozusagen agnoszierten. Mir ist die gegenwärtig, die nach der Veröffentlichung der „Juden von Zirndorf" zu mir kam, als Fremde, mit geflügelter Eile, als hätte sie dringende Botschaft auszurichten, Botschaft gleichsam von vielen Ungenannten. Sie bewirkte, daß die Unge-

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