Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 4 (12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 160 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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g^jSsgg^ggs^g^ggg^^^S^^^^^^^^^^SSi | ft<«fter»<f tf<e Eine Chanukkahgeschichte Diese beinahe wahre Geschichte spielt in einer zwar nicht ganz genau bestimmbaren, aber doch einmal dagewesenen Zeit, darum beginnt sie auch nicht mit dem üblichen „es war einmal"; denn solche Geschichten sind gewöhnlich niemals passiert und überhaupt durch und durch erfunden. Aber diese Mär ist wenigstens in einigen Teilen wahr, ja, wer recht zu lesen! versteht, wird sie vielleicht ganz wahr finden, auch wenn manches Wunderbare darin steht. So zum Beispiel, daß der Mann, der hier als Vater vorkommt, acht Söhne hat, gerade so viel als Chanukkahtage sind. Früher war das gar nicht so wunderbar, fragt nur Eure Eltern, die werden Euch bestätigen, daß das die reine Wahrheit ist. Ich hätte auch sagen können „die nackte Wahrheit", und das würde zu dieser Geschichte ganz schön passen, denn die Leute, von denen ich Euch erzählen will, waren so schrecklich arm, daß sie kaum etwas anzuziehen hatten. Ihr denkt nun, diese Menschen müssen furchtbar traurig gewesen sein. Im Gegenteil! Sie waren vergnügt und beinahe immer friedlich und einig. Da staunt Ihr? Ihr werdet noch mehr staunen. Wenn die Herbstfeiertage gerade eben zu Ende waren, fing die Mutter gleich zu sparen an, um ihren acht Söhnen ein nettes Chanukkah zu bereiten. Und wenn der Monat Kislev herannahte, begann der Vater mit den Söhnen wegen des Anzündeas zu beraten. Die Sache war nämlich nicht,so einfach. Einen Leuchter hatte man nicht mehr, der war längst den Weg ins Pfandhaus gewandert. Kerzen waren teuer, besonders wenn man bedenkt, welch enorme Zahl die söhnereiche Familie gebraucht hätte. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Man häufte Asche auf ein Brett, bettete Nußschalen hinein, füllte diese mit Oel, in das man Wollfäden als Dochte legte. Und die Lichtchen flackerten und knisterten und gaben in ihrer bescheidenen Weise Zeugnis vom heiligen Chanukkahwunder. Und fröhlich erklang das Moaus zur. Wenn die Nußschalen, vqn den Flammen ergriffen, schließlich selbst zu glimmen begannen, da füllte sich die Stube mit einem kräftigen herben Geruch, aber das gehörte dazu. Nun kam eine große Armut ins Land, und der Mangel im Hause wurde so bedenklich, daß der Vater eines Tages einen großen Entschluß faßte. Es war um die Zeit der ersten Veilchen, da rief er seine Buben zusammen und sagte zu ihnen: „Ihr seid jetzt groß genug, um Euch selber weiter zu helfen, und Ihr könnt ja auch alle schon etwas. Geht hinaus in die Welt, sucht etwas zu verdienen, damit wir nicht ganz ins Elend sinken. Zu Chanukkah wollen wir uns wieder hier versammeln und dann soll sich zeigen, wer von Euch ein tüchtiger Bursche ist." Dagegen brachte nun aber die Mutter allerlei Bedenken vor, die der Vater nicht von der Hand weisen konnte, und so einigte man sich schließlich dahin, daß zunächst einmal zwei von den Jungen den Weltspaziergang antreten sollten, am Vortage von Channukkah sollten sie sich wieder zuhause einfinden. Es ist'aber höchste Zeit, daß etwas Näheres über die Jungen selbst verraten wird. Sie waren nämlich kein bißchen anders als andere Jungen auch. Sie neckten sich gegenseitig und zogen sich mit ihren Schwächen auf, und es gab höchstens 365mal im Jahre Krach bei ihnen. Aber sie waren sich immer schnell wieder gut. Der älteste war als Spielverderber bekannt, den zweiten neckten sie wegen seiner Vergeßlichkeit und der vielen Eselsohren in seinen Büchern, den dritten nannten sie Aufschneider und Uebertreiber. Dann kam der Zuspätkommen dann einer, der beim Markensammeln und -tauschen mogelte, der sechste war ein Wehleidiger, der immer verbunden und eingesalbt werden wollte, der nächste wurde wegen seiner Geheimnistuerei verspottet, hinter der nie etwas steckte, und der achte, der verwöhnte Nesthaken, wollte alles nicht essen, nicht mal den guten Bosenkohl. Wer sollte nun zuerst den Weg ins Ungewisse wagen? — Der Uebertreiber und der Zuspätkommer meldeten sich und blieben trotz aller Einwände der Brüder, daß sie nicht die nichtigen dafür seien, bei ihrem Vorsatz. So machten sie sich auf den Weg. — Nun machen wir in unserer Geschichte einen Riesensprung und landen gleich am Vortage von Chanukkah. Im Hause der Eltern sah es nicht gerade fröhlich aus. In ihren Herzen ging eine Schaukelwippe von Angst und Hoffen auf und nieder. Der Vater machte sich gleich nach dem Mittagessen daran, mit dem übriggebliebenen halben Dutzend Buben die Brettchen mit den Nußschalen zum Anzünden vorzubereiten. Doch trotz der schönen Beschäftigung war die Stimmung im Hause gedrückt. Auch die Mutter ging unruhig ihrer Arbeit nach. Immer wieder lief einer verstohlen an die Haustüre, um die Straße entlang zu sehen, ob noch keiner käme. Oder sie horchten plötzlich auf, weil sie meinten, daß die Türe gegangen sei. Aber, keiner sprach von dem, woran alle dachten. — Allmählich wurde es dunkel. Jetzt aber hörten alle — und es war kein Zweifel mehr möglieh — knarrende Schritte auf der vereisten Straße. Alle stürzten nach der Tür und herein trat — — der Zuspätkommer. Niemand hätte gerade ihn zuerst erwartet. Das war schon ein Chanukkahwunder! — Es waren nun nur noch wenige Minuten bis zum Anzünden, und der andere war noch nicht da. Sollte es eine Enttäuschung geben? Sollte er vielleicht nicht mehr am Leben sein? Denn nur das Alleräußerste, das wußten alle, konnte ihn abhalten, zu Chanukkah heimzukehren. Da hörte man Pferdegetrappel. Aber ach, der Reiter wandte sich dem gegenüberliegenden Gasthause zu. Man wurde ärmer und ärmer an Hoffnung. Doch siehe! Der Reiter stellte nur sein Pferd drüben ein und wandte dann seine Schritte unserem Häuschen zu. Und es war niemand anders als der Erwartete. Nach vielen Küssen und Freudentränen und Umarmungen wollte man sich ans Anzünden begeben, dagegen wandte sich aber der Zuspätkommer. Er zog aus seiner Reisetasche ein Paket, wickelte es sorgsam aus und siehe, es war der schöne alte Familienchanukkahleuchter, den er mit selbstverdientem Gelde ausgelöst hatte. Und ein Paket bunte Kerzen hatte er auch nicht vergessen. — — — Als das Moaus zur verklungen war . und man das einfache Nachtmahl verzehrt hatte, entstiegen der Reisetasche noch einmal Ueberraschungen: Datteln, Feigen, Mandeln, Rosinen und Haselnüsse. Und beim Knabbern und Knacken saßen alle lange beisammen und ließen sich von den beiden Heimgekehrten erzählen. Zuerst wollten die Brüder wissen, wieso der Zuspätkommer so pünktlich gekommen sei. Er erklärte zögernd, daß er gemeint habe, er solle zwei Tage vor Chanukkah da sein. Dann erzählte er von seinen Erlebnissen. Besonderes Glück habe es ihm gebracht, daß er einmal zu spät an den Postwagen gekommen sei, um für seinen Chef ein wertvolles Paket aufzugeben. Der Postwagen sei nämlich unterwegs in Brand geraten, und so sei sein Auftraggeber durch ihn vor großem Schaden bewahrt geblieben. Das habe er ihm mit einem großen Geldgeschenk gelohnt. So habe er heimreisen und die Mitbrings kaufen können, und es sei noch eine schöne Summe Geldes für die Eltern übriggeblieben. Schließlich wandte er sich noch mit überlegenem Lächeln gegen seine Brüder, die ihm