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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-12-01 · 4 (12.1934) · p. Seite 154

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
4 (12.1934)
Date
1934-12-01
Page
Seite 154 (sequence 32)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften .sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Berühmte Frauengestalten IX. Grace Aguilar Ihr, der jung Verstorbenen, der „Unvollendeten", die auf dem alten Friedhof in der Rat Beilstraße zu Frankfurt begraben liegt, und von der ein schlichter Grabstein sagt: „Preiset sie nach den Früchten ihrer Hände, ihre Werke werden sie loben in den Toren" — ihr seien diese Zeilen gewidmet - - Wer ist sie, diese junge Engländerin, diese gläubige Jüdin, Grace Aguilar? — Ein junges, überaus begabtes Mädchen, dessen Lebenskurve im Juni des Jahres 1816 mit Leiden beginnt, um im einunddreißigten Lebensjahr plötzlich und jäh abzureißen. — „Ein unvollendet Lied sinkt sie ins Grab, der Verse schönsten nimmt sie mit hinab". — Und doch entfaltet dieses junge Leben erstaunlich hohe, geistige Regsamkeit — Da das Kind Grace von sehr schwacher Gesundheit war, vermag sie eine Schule nicht zu besuchen; die Mutter muß sie Lesen und Schreiben lehren, und schon in ihrm, siebenten Jahre beginnt das früh-reife Geschöpf — noch vermögen die Finger den Kiel kaum zu halten, — Eindrücke, Stimmungen, Erlebnisse zu., gestalten und in einer Art von Tagebuch niederzulegen. Unausschöpflich ihr Drang nach Wissen, nach Büchern, nach in- und ausländischer Literatur. — Mit elf Jahren beherrscht sie neben ihrer Muttersprache, Spanisch, Deutsch, und bereits in ihrem zwölften Lebensjahr vollendet sie ein Drama „Gustav Wasa". — Wenige Jahre später übersetzt sie in fließender, fesselnder Sprache die kleine Broschüre eines Marannen unter dem Titel: „Das verteidigte Israel". Schon hier spürbar ihre innere Berufung, ihren Glaubensgenossen die Urkunden Israels vor Augen zu halten, besonders jene heldenmütigen, jüdischen Frauen, zu schildern, auf die jede Nation mit Recht stolz sein würde. Schon diese ersten schriftstellerischen Versuche des gläubigen jungen Mädchens bringen ihr in England (sie lebte in Hackney) und auch außerhalb Englands beste Erfolge. Die englischen und amerikanischen Juden sind stolz auf dieses junge Talent, man beobachtet mit warmem Interesse seine Weiterentwicklung. — Es folgen neue Arbelten: „Der Zauberkranz", „Der Einfluß des Hauses", „Der Geist des Judentums". Diese Arbeiten zeigen erstaunliche Reife, tiefes Wissen und Können, eine beseelte Sprache. — Aehnlich wie in den Jugendarbeiten ihrer deutschen Zeitgenossin, Fanny Lewald, ist auch hier jeder Satz, j^des Blatt von dem heißen Wunsche beseelt, den Charakter ihres gedrückten, verachteten Volkes, in den Augen der ehrst-' liehen Welt, und auch in seiner eigenen Schätzung zu erhebpn. — Dies ist auch weiterhin das Problem, mit dem sie sich in allen Arbeiten immer und immer wieder auseinander zu setzen versucht. — Im Jahre 1843, in dem Augenblicke, da der schwache Körper von neuem von schwerer Krankheit heimgesucht wird, da der Vater gestorben ist, beginnt sie eine große Arbeit, die sie wenige Zeit später unter größtem seelischen und körperlichen Schmerz beendet — und gerade diese. Arbeit ist es, die Graces Ruf als SchriftsteUerin, zu einem dauernden und bleibenden machte: „Die Frauen von Israel". — Hier .wächst sie empor zur glühenden Verteidigerin ihres ganzen Volkes, besonders der - jüdischen Frauen, deren Leben, Wirken und Schaffen sie mit flammen-1 der Begeisterung zeichnet. Dieses Buch will weit über den engen Kreis der jüdischen Leser hinaus, Andersgläubigen Augen und Seelen öffnen, damit sich manches bestehende Vorurteil zu einem gerechten und freien^ Urteil wandele. Inzwischen hat die fortschreitende Krank-, heit Hände und Beine gelähmt, die Aerzte. erhoffen Heilung für sie in einem deutschen Bade. Grace und ihre Mutter reisen nach Langenschwalbach bei Frankfurt und. bleiben dort einige Wochen. — Die er- - hoffte Besserung tritt nicht ein, Graces Kräfte nehm1en sichtlich von : Tag zu Tag ab: man muß die Schwerkranke nach Frankfurt? bringen, wo sie in geduldigem Gottvertrauen ihren Tod erwartet. — '.Obschon.' er mich tötet doch will ich auf ihn vertrauen", betet die gläubige Seele. — Am 16. September des Jahres 1847 wird dieses kurr? Leben 1 ausgelöscht — - Das ist der letzte Sinn, auch, der ethischen Freiheit, dass sie nicht ursprünglich als eine Tatsache gegeben sei, sondern dass sie immer nur Au]gäbe sei und Aufgabe bleibe. Hermann Cohen: Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt Die Mutter, den Nachlaß ordnend, findet folgende Erzählungen, die vorzugsweise die häusliche Erziehung und mütterliche Liebe behandeln: „Home influsnee", „Mothers recompense", „Womans friend «bip", dann „History of the englisch Jews", eine kleine Geschichte der Juden, klar, kurz, sachl.ch, und eine weitere, größere Arbeit „Das Cederntal", „The vale of Cedars or the Martyr". Diese Novelle ist wohl das Beste von allen Schriften Grace Aguilars. Es ist eine schlichte Erzählung vom jüdischen Glauben und Denken; in der Gestalt der Heldin dürfen wir die Verfasserin selbst erkennen. Ein zarter, poetischer Stil und warme Begeisterung für den Glauben ihrer Väter, schwingt durch die ganze Novelle. — Das Buch erlebt eine für die damalige Zeit erstaunlich hohe Auflage, und Uebersetzungen ins Hebräische und Deutsche folgen. Es war die letzte Arbeit dieses außergewöhnlichen Mädchens, dieser „Frühverstorbenen", die in unserer Stadt ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Ali Galliner Die jüdische Mutter zur Chanukkalizcit Jede Festzeit bietet der jüdischen Frau Gelegenheit, neue Gefühlswerte zu schaffen und durch diese das Familienleben zu vertiefen, wodurch der Einzelne nicht selten einen größeren inneren Halt erlangt. Wenn auch dem bewußt jüdischen Menschen der Generation vor uns diese Tatsache nicht unbekannt war, und wenn die jüdischen Feste aller Zeiten, besonders seitdem die Juden in der Zerstreuung leben, in erster Linie Familienfeste sind, so brachte in der uns naheliegenden vergangenen Zeit die Angleichung mancher Schichten an die nichtjüdische Umgebung es mit sich, daß viele, nicht mehr traditionsgebundene Juden den Sinn der jüdischen Feste vergaßen und die Notwendigkeit ihrer Feier im häuslichen Kreise nicht mehr anerkannten. Das gilt nicht für das Fest, dem wir uns jetzt nähern. Chanukkah war bei allen Juden der letzten Jahre das Fest der Juden schlechthin. Vielleicht waren auch dafür nicht religiöse, sondern nur äußere Gründe mitbestimmend. Warum dies so war, hier und heute untersuchen zu wollen, ist zwecklos. Freuen wir uns, daß dieses Fest mit seinen strahlenden Lichtern, mit den beglückenden Gaben der Liebe, mit den warmen Abenden im gemütlichen Heim unser aller Besitz ist. Von allein kann es natürlich nicht uns eigen werden. Wir müssen uns in seinen Dienst stellen, um es erfüllen zu können. Die Vorbedingungen dafür 7 schaffen, ist naturgemäß Aufgabe der Frau. Wenn sie einsieht-' aid liebevoll ist, nützt sie freudig die Gelegenheit, ihren kleinereu Kindern frohe Stunden zu bereiten, ihnen schöne Erinnerungen zu schaffen für spätere Zeiten, in denen der Kampf ums tägliche'Brot sie vielleicht aufzureiben droht; wenn sie als Mutter weitsichtig und klug ist, nimmt sie froh die Gelegenheit wahr, ihre heranwachsenden Jugendlichen stärker an sich zu fesseln, sie dem elterlichen Heim enger zu verbinden und ihnen einen Ersatz zu bieten für Feiern,- an denen sie nicht teilnehmen dürfen. Und was könnte inniger binden, als festliche Gemeinsamkeit? Zü dieser Ueberlegung gehört noch die Erwägung, daß wir heute besonders darauf angewiesen sind, besinnliche Stunden zu gestalten, und daß gerade die jüdische Frau verpflichtet ist, ihrem engeren Kreise gegenüber den Sorgen des Tages einen harmonischen Ausgleich zu verschaffen. Daß dies notwendig, ist, bedarf keines Nachweises; daß Menschen, aller, sozialen Schichten und der verschiedensten Altersstufen aufnähme-

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