Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-10-01 · 2 (10.1934) · p. Seite 68

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
13 (1934-1935)
Issue
2 (10.1934)
Date
1934-10-01
Page
Seite 68 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3094266-3094412-3094414--4346-3099137
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Jücüsche bildende Künstlerinnen der Gegenwart l Meta Cohn-Hendel — Edith Samuel Wir beginnen unsere Artikelleihe „Jüdische Künstlerinnen der Gegenwart" mit dem Hinweis auf zwei Berliner Künstlerinen, die nach Wesens- und „Schaff ensart so extrem sind, daß sie besonders geeignet scheinen, den Beweis für unsere Meinung zu liefern, daß es zwar jüdische und weibliche Künstler, aber weder eine als solche bereits erkennbare jüdische noch weibliche oder gar weiblich-jüdische Kunst gibt. Oder will man etwa in der gigantischen Wucht der Alpenlandsehaften, die den Hauptinhalt des Schaffens von Meta Cohn-Hendel darstellen, eine spezifisch weibliche Note finden, in der Puppenkunst von Edith Samuel, <iie in ihrer so stark mimischen Ausdruckskraft am ehesten an altitalienische Krippenkunst erinnern kann, etwas ausgesprochen Jüdisches? Lassen wir uns also daran genügen, daß diese Frauen ihr Judentum menschlich voll bejahen und im übrigen jede in ihrer Weise ausgezeichnete künstlerische Leistungen hervorbringen, ohne daß wir etwas von außen Herangetragenes in ihre Schöpfungen hineinzugeheimnissen. Tritt man vor eine der Hochgebirgslandschaften von Meta Cohn-Hendel — eine Themengruppe, die ihr Schaffen heute noch wie früher am besten charakterisiert — so ist man tatsächlich zuerst fast betroffen, zu hören, daß ein solch gewaltig aufgetürmtes Bild von so mitreißender Dynamik von der Hand einer Frau stammt. Allmählich begreift man, wie jedem dieser Bilder ein ganz innerst-persönliches Erleben zugrunde liegt: das tiefe Gefühl der Dankbarkeit für die unendliche Befreiung und Erlösung, die dem „höheren Menschen" allein die schweigsame Unnahbarkeit und Einsamkeit der großen Natur, jenes „Gipfelgefühl" zu geben vermag. Auch die Küstenlandschaften im äußersten Norden und Süden Europas sind von Meta Cohn-Hendel mit überzeugender Kraft der Charakteristik in den verschiedensten Techniken (sie ist leidenschaftlich dem Handwerk ergeben) dargestellt worden. Ihre tiefste Liebe jedoch gehört dem Firnelicht, dem großen stillen Leuchten der Schneeflächen des Hochgebirges. Diese Welt, die vielen tot und starr erscheint, ist ihr voll heimlich-unheimlichen Lebens. Mit riesigen Tigertatzen wirft ^ich der Gletscher zu Tal, kahle Bäume winden sich wehklagend zum Himmel empor. Berge wuchten in stürmischem Auftrieb wie Türme in den Himmelsraum, lohende Flammen zucken am Abend über den Schnee. Alles Feste, Ruhende löst sich in Dynamik auf, Räumliches schmilzt in zeitliches Geschehen — wird Musik. Diese Fähigkeit aber, die Welt der Gestalten musikalisch zu erleben und wiederum aus primärem musikalischen Erleben Bilder zu formen, ist die eigenartigste Seite dieses Künstlertums und findet in den Radierungen über musikalische Themen ihre schönste Auswirkung. Hier wächst aus musikalischem Erleben unmittelbar als visionär erschautes Symbol die Landschaft: Musik und Landschaft, beides Symbole der Unendlichkeit, des ewig Unbegrenzten, schwingen hier ineinander über. Diese musikalisch-bildnerischen Gleichnisse, in denen eine alte Romantiker-Sehnsucht wieder auflebt („die Farbe klingt, die Form ertönt!") bleiben nicht im allgemeinen stecken, vielmehr ist überall die denkbar adäquate bildhafte Form zu den Tönen gefunden worden. So scheint ein in den Himmelsraum stoßender Berggipfel als unmittelbare Vision dem Akkördgefüge der Beethovenschen Sinfonie zu entsteigen. In dem witternden Laub der Birke rieseln melodische Triller in sanftem decrescendo herab, die Spannung einer jähen Kadenz wird fast zwingend Alles Vortreffliche ist ebenso sdiwierig wie selten. Barudi. Spinoza durch emporklaffendes Geäst versinnbildlicht. Große Melodiebögen weiden räumlich empfunden und durch den weitausgreifenden, ruhig, gleitenden Flug einer Möve visuell ausgedeutet. „Schmerzensgefiihl und Lust" — wie es in der Musik des Figaro selig-leiddurchströmt ineinanderrauscht, so suchen diese Blätter die Schwingungen und Bebungen zwischen den beiden Polen menschlichen Gefühlslebens unmittelbar, einzufangen. Im Gleichgewicht gehalten, und gleichsam gebändigt wird der liier so deutlich vorherrschende Zug zum Phantastischen, Romantischen durch das schon erwähnte besondere Interesse an technischen Problemen." Die Beherrschung der verschiedensten Darstellungsgattungen — Holzschnitt, Linoleumschnitt, Radierung, Pastell und Aquarell spielen neben den Oelgemälden eine gleichberechtigte Rolle — ist imponierend. Kraft dieser ehrfürchtigen Behandlung des Handwerklichen scheint die Künstlerin heute im besonderen berufen, werdenden suchenden Talenten belehrend und fördernd beizustehen. Edith Samuels Puppen sind kaum als eigentliches Kinderspielzeug anzusprechen, dazu sind sie zu sehr psychologisch vertieft, zu persönlich-gewichtig. Da ist unter der Gruppe der „Porträtpuppen", vor allem die Gestalt der Marie, die wir aus dem unvergleichlichen französisch-jüdischen Film „La Maternelle" kennen und, die hier in echter Leibhaftigkeit noch einmal auferstanden ist, mit den weit aufgerissenen Augen, die so fremd zu den eckig unausgeglichenen Bewegungen des selig-armen überkindlichen Kindes standen. Diese Puppen, die alle auf einen besonderen Namen hören — Alfred Nebbich, der Vielgelenkige, Titti der Säugling usw. — gehören im Hause des Rabbiners Samuel, des Vaters unserer Künstlerin, auch ganz selbstverständlich" zur Familie. Es ist also eigentlich Spielzeug für Erwachsene, übrigens ein Artikel, nach dem das Bedürfnis mehr oder weniger eingestandenermaßen durchaus vorhanden ist. Die Schöpferin dieser Dinge erklärt hieraus sogar deren Entstehen: sie wollte sich einfach, da sie mit fünfzehn Jahren doch zu alt war, sich noch Spielzeug zu wünschen, neues schaffen. Und als es auf die Erstgeburt, den Puppenwandervogel hin, freundschaftliche Aufträge, förmlich regnete, mußten eben immer wieder neue in die Welt gesetzt werden. Gegen hundert Puppen sind auf diese Weise in wenigen Jahren entstanden — aber wie sorglich und pfleglich wird jede behandelt! Man sehe nur, mit welcher Solidität so eine Wandervogelgürtelschnalle verarbeitet ist, prüfe die Exaktheit einer Schuhnaht nach, den Sitz einer Wickelgamasche, die farblich raffinierte Abstufung zwischen Kleid und Wollhaar. Jede dieser aus Makkostoff genähten, mit Lagewatte ausgestopften Puppen, deren Köpfe nach dem Modellieren leicht versteift wurden, hat je nach dem gewollten Typus ihre eigene Kleidung und wird vor allem durch eine bezeichnende Armhaltung — Hände herausfordernd in den Hosentaschen, auf dem Rücken oder schlaksig herunterbaumelnd — in die gerade-für ihren Typus charakteristische Stellung gebracht, so daß der Eindruck unbedingter Momentahität — also eigentlich das genaue Gegenteil von „Puppenhaftig- ]-eit", _ entsteht, wie sie nur dem in scheinbar Belanglos-Zufälligen die Totalität erfassenden wahren Künstlerblickgelingen kann. Dr. M a r g o t R i e ß Teppiche. Möbel- und Dekorationsstoffe Das Soezialbaus fflr oute OnolilBteo Nur Raiserstrasse 3 a

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.