Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 13 (1934-1935)
- Issue
- 1 (9.1934)
- Date
- 1934-09-01
- Page
- Seite 29 (sequence 31)
- Language
- German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Rausch-Haschono und die Frau Das Jüdische Jahr 5694 geht zu Ende; und wie bei jedem Abschiednehmen, steigt Erinnerung in uns auf, an das, was gewesen. Das Jahr 5694 hat uns jüdische Menschen in schwerer seelischer Not gesehen, aufgewühlt und erschüttert in unserer Lebensbasis. „Judesein" brachte grundlegende Veränderungen in unser Leben. Beruflich und wirtschaftlich genügte diese Tatsache, um Aenderungen so einschneidender Natur zu bringen, daß über diese materiellen Hemmungen hinaus, das Familienleben des jüdischen Hauses einen. Riß bekam, der in seinen Auswirkungen die Mutter am schwersten treffen mußte. Die Erhaltung der Familie, die der jüdischen Mütter Sinn und Aufgabe ihres Lebens bedeutetej war zu einem Problem geworden, das alle Liebe des Flternhauses nicht zu lösen vermochte. Viele unserer Jugend waren gezwungen auszuwandern, um draußen eine Existenzmöglichke't zu suchen. Der herannahende Feiertag wird in vielen vielen jüdischen Häusern nicht das gewohnte Bild des Zusammenseins der Eltern mit den Kindern bieten. Der Platz des Sohnes, der Tochter, die fern der Heimat und des Elternhauses Lebenserwerb sich suchen, wird leer bleiben; und es gehört Selbsterziehung und Kraft für die Mutter dazu, dem Hause die Feiertagsnote zu geben, die das Fest fordert. Mehr als sonst, wird Rausch-Haschono in diesem Jahr, ein Tag der Erinnerung, der Besinnlichkeit und der Rückschau für die jüdische Mutter werden. Das Jüdische Jahr geht zu Ende, das neue Jahr beginnt. Es wird und soll die jüdischen Frauen nicht verzagt finden, sondern aufrecht, fest und entschlossen, vorwärts zu schauen. In ehrlicher Erinnerung erscheint auch die Plusseite des vergangenen Jahres, für die wir dankbar sein wollen. Es brachte uns die Erkenntnis unseres Eigenwertes, unserer Verpflichtung, Hüter zu sein, daß jüdisches Haus und jüdische Atmosphäre wieder lebendig werden. Die Erkenntnis, zu lernen und zu horchen auf die Stimmen, die aus unseren jüdischen Quellen zu uns sprechen;1 aus ihnen zu schöpfen versuchen und so wieder zu erstarken. Wir spürten die Verantwortung, die gerade uns Frauen für die Erziehung und Bewährung unserer Kinder aufgelegt ist, das alles brachte uns das nun scheidende Jahr. Wir wußten am vergangenen Rausch- Haschono vielleicht noch nicht genügend um unsere Verantwortung für die Atmosphäre unseres Hauses nicht nur, sondern um die zum großen Teil von uns abhängenden Bewertung der Gemeinschaft; wir wußten vielleicht nicht genügend, daß das Jüdische Jahr mit uns geht und uns aus unserer Geschichte immer wieder Trost und Aufrichtung gibt, daß die Sabbathe und Feiertage in ihrer Stetigkeit und Unwandelbarkeit uns ein Gefühl des Geborgenseins, der Ruhe geben, daß die Gedenktage aus großer jüdischer Geschichte uns erinnern an unsere Tradition und uns verpflichten, die Bewahrung jüdischer Werte in unseren Kindern zu erhalten, Rausch-Haschono heißt immer wieder neu anfangen; nie ist es zu spät, zu erkennen, was man versäumt hat, zu lernen und zu verstehen, daß alles Geschick einen tiefen Sinn hat; auch das Leid kann man lieben, wennman seinen Sinn begreift. — Das von uns scheidende Jahr steht bescheiden beiseite; es klagt nicht an, daß es so wenig beachtet wurde. Es denkt daran, daß viele Tränen von jüdischen Müttern gerade in diesem Jahr vergossen wurden, und um dieser Tränen willen verzeiht es all den Müttern und Frauen, die über es hinwegsahen. — Wir jüdischen Frauen grüßen das Jahr 5695. in der Hoffnung, daß die Tränen der jüdischen Mütter aufhören werden zu fließen; es soll uns bereit finden, in ihm, dem „jüdischen Jahr", einen Freund und Helfer zu sehen. Der Weckruf des Hohen Tages, der Schofarton, soll nicht ungehört verhallen, wir jüdischen Frauen wissen durch die Sehlde des Leids um unsere Verantwortung vor uns selbst, vor unserer Familie und vor unseremJudentum. Cilly Neuhaus Alles Vortreffliche ist ebenso schwierig wie selten. Barach Spinoza Rabbinisch-gelehrte Frauen Eine kulturgeschichtliche Studie Das alte jüdische Schrifttum war für die Frau ein verschlossener Garten, zu dem sie keinen offenen Zutritt hatte. Die Bücher dieses Schrifttums handeln ja vornehmlich von den Gesetzen der jüdischen Religion, und eben an diesen Religionsgesetzen hat die Frau nur geringen Anteil. Das jüdische Religionsgesetz hat hauptsächlich für den Mann seine verpflichtende Kraft, wogegen der religiöse Pflichtenkreis der Frau engbegrenzt erscheint. Demgemäß war auch das Studium des Gesetzes ausschließlich Aufgabe des Mannes. Die Frau wurde vom Lernen und Lehren ferngehalten, ja es war sogar verboten, die Frau mit dem Gesetzesstudium zu befassen. Die Rabbinen des Talmud waren überstreng in der Verurteilung des Frauenstudiums. Die Weisheit der Frau habe sich auf den Spinnröcken zu beschränken, meint einer der Talmudweisen. Mit verstimmender Uebertreibung erklärt ein anderer: „Wer seine Tochter im Buch des Gesetzes unterweist, der leitet sie auf Abwege." Wieder ein anderer spricht von dem angeborenen Leichtsinn des Weibes und sucht damit die' Abneigung gegen jegliches Frauenstudium zu begründen. Trotz solchen Anschauungen und Meinungen, die übrigens dazumal nicht unter den Juden allein vorherrschend waren, gab es bereits im talmudischen Zeitalter Frauen, die sich in der Schriftauslegung und in der Gesetzeskunde ausgebreitete Kenntnisse erwarben. Die Gattin des berühmten Gesetzeslehrers Rabbi Meir, Beruria oder Valeria, brachte es in der Kenntnis des Gesetzes so weit, daß sie halachische Entscheidungen zu treffe imstande war. Neben Beruria glänzen im Talmud als rabbische Ge lehrte I m a S a 1 o m, die Tochter des Rabbi Simon ben Gamaliel, Jalta, die Tochter des Exilsfürsten Abba-Mari, und Em, die Erzieherin des Gesetzeslehrers Abaji. Noch mehrere andere in den rabbinischen Disziplinen bewanderte Frauen werden im Talmud rühmlich erwähnt. Auch im Mittelalter und in der Neuzeit (bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts) begegnen wir jüdischen Frauen, die fleißig Bibel und Talmud studierten. Die Gattin des Staatsministers Joseph Ibn-Nagrela — in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts — war eine vorzügliche Kennerin des jüdischen Schrifttums. Interessant ist. daß es Anfang des 12. Jahrhunderts in Kastilien eine gelehrte Talmudistin gab, die den Talmud bekämpfte; sie wurde von den Karäerp schlechthin „El Mual- 1 i m a", die Gelehrte, genannt. Der berühmte Gesetzesforscher Salomo ben Isaak, genannt ,.Raschi", hatte eine Tochter und zwei Enkelinnen, die reiche Kenntnisse in den biblischen und rabbinischen Schriften besaßen; eine der Enkelinnen, Mirjam, wird sogar in rabbinischen Responsen ehrenvoll erwähnt. Eine rabbinisch gelehrte Frau war die Mutter des französischen Oberrabbiners Mathatias (gegen 1320). Paula d e i M a n s i in Rom war eine gewiegte Kennerin der hebräischen Sprache und der rabbinischen Literatur. Größer als anders wo war die Zahl der rabbinisch gelehrten Frauen in D euts c h 1 an d. Da ist vor allen Mirjam S'ch ap i r a aus Konstanz, eine hervorragende Talmudgelehrte, die viele Jahre einer talmudischen Hochschule vorstand; es wird von ihr berichtet, daß sie aus Schicklichkeitsgründen mit verschleiertem Gesicht ihren zahlreichen Schülern den Unterricht zu erteilen pflegte. (Mirjam Schapira war die Stammutter der berühmten