Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 12 (8.1934)
- Date
- 1934-08-01
- Page
- Seite 492 (sequence 34)
- Language
- German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M.. Feldbergstr. 31 Jüdische Frauengestalten vm. Fanny Nathan Die geschlossenen Einrichtungen der jüdischen Erziekungsfürsorge, die nunmehr auf eine hundertjährige Entwicklung zurückblicken kann, sind im großen und ganzen ein Werk der jüdischen Gemeinschaft. Sie hat durch finanzielle Leistungen und persönliche Arbeit die Entstellung der Anstalten ermöglicht. Das Gesicht der jüdischen Erziehungsfürsorge wurde jedoch von einigen wenigen Einzelpersönlichkeiten geprägt. Unter ihnen spielt eine nicht geringe Rolle Fanny Nathan, die Gründerin des Waisenhauses für Westfalen und Rheinland. Sig wird als eine großangelegte Frau von starker Willenskraft, voller Interesse für alles geistig Große und Schöne geschildert. Sie stand auch in regem Verkehr mit bedeutenden Zeitgenossen, z. B. mit dem Reichstagsabgeordneten Eduard Lasker. Lasker kannte Fanny Nathan aus ihren Briefen. Ganz bestürzt schrieb er bei ihrem 1877 im hohen Älter von 74 Jahren erfolgten Tode von ihr als einer Frau voller Tatkraft, die mit jugendlicher Lebhaftigkeit an den geistigen Kämpfen ihrer Zeit teilgenommen und den Eindruck erweckt habe, als ob sie in voller Lebensblüte stehe. Ruhig, klug und gut ist der Ausdruck ihres Gesichts; mit seltener Kraft blicken die Augen den Beschauer an; viel Energie verrät der festgeschlossene Mund. Schon in ihrer Jugend hatte Fanny Nathan den Wunsch, ihr Leben schutzlosen, verlassenen Kindern zu widmen. Nachdem sie mehrere Jahre Erzieherin in Frankfurt a. M. war, richtete sie in ihrer Vaterstadt Paderborn ein Mädchenpensionat ein, das sie fünfundzwanzig Jahre lang leitete. Damals — um die Mitte des vorigen Jahrhunderts — wird von der traurigen Lage der elternlosen jüdischen Kinder in den kleinen Landgemeinden Westfalens berichtet. Man wies die Kinder christlichen Handwerkern oder Bauern zur Obhut zu. Ihr Mittagessen fanden -sie bei den einzelnen jüdischen Familien des Ortes, heute bei dieser, morgen bei jener. Von einer sonstigen Pflege oder Beaufsichtigung wrar keine Rede. Vielfach sah man die Kinder bettelnd in der Nachbarschaft herumziehen. Fanny Nathan waren diese Zustände der jüdischen Landjugend nicht fremd. Und begeistert von dem Vorbild und Wirken von A. H. Francke, dem Stifter des berühmten Waisenhauses in Halle, entschloß sie sich zur Gründung einer Anstalt. Wie das aber bei den jüdischen Gemeinden im vorigen Jahrhundert meistens so war, hielt man vielfach den Plan überhaupt für unausführbar; meistens aber erregte er doch mehr Bedenken und Zweifel als Zustimmung und Willigkeit zur Mitarbeit. Jedoch unbekümmert um die Meinungen von anderen, unternahm Fanny Nathan entschlossen Werbereisen „philanthropische Wanderungen" von Gemeinde zu Gemeinde. Sie soll z. B. außer Köln und Frankfurt, auch Mannheim, Stuttgart und München aufgesucht und viele persönliche Beziehungen angeknüpft haben. Die jüdische Mutter Der Jüdischen Mutter ist es geboten, dass sie, wenn ihre Vorbereitungen für den Sabbat beendet sind, die Sabbatlampe anzündet. Das ist symbolisch für den Einfluss der jüdischen Frau auf ihr eigenes Haus und durch dieses auf weitere Kreise. Sie ist die Schöpferin eines reinen Familienlebens, dessen segensreicher Einfluss unberechenbar ist, das Zentrum aller geistigen Bestrebungen, die Vertraute und Pflegerin eines jeden Unternehmens. Auf sie bezieht sich der talmudische Ausspruch: „Es ist allein die Frau, durch welche einem Hause der Segen Gottes gewährleistet wird." Henrietta Szold, 1893. Dank ihrer Begeisterung und ihrer seltenen Beredsamkeit konnte sie 1856, in ihrem dreiundfünfzigsten Lebensjahr^ die Anstalt mit zwei Kindern eröffnen, die sie zuerst in ihrer eigenen Wohnung aufnahm. Die Aufnahmegesuche mehrten sich; die Unterbringung in einige weitere Familien reichte nicht mehr aus, und vier Jahre später begann man mit dem Bau einer eigenen Anstalt. 1863 wurde sie mit 21 Knaben und Mädchen bezogen; ein Jahr später richtete sie eine eigene Schule ein. Einer ihrer Lieblingswünsche, dessen Erfüllung sie jedoch nicht erlebte, war, daß nicht die freie Liebestätigkeit, sondern die jüdischen Gemeinden ihr Werk tragen sollten. Erst unserer Zeit war es jedoch vorbehalten, daß tatsächlich die Gemeinden eine größere Bedeutung für die Erziehungsfürsorge^ gewannen. Kurz nach dem zwanzigjährigen,, sehr prächtig und unter allgemeiner Anteilnahme von Juden und Christen begangenen Jubiläum der Schule begann Fanny Nathan zu kränkeln. „Das hohe Alter forderte auch von ihrer Kraftnatur den schuldigen Tribut." Der Fanny Nathans Gründung beseelende Erziehungsgeist war der Pietismus, der überhaupt bis zu den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts die geschlossene jüdische Erziehungsfürsorge durchwehte, jedoch außer in Fanny Nathan nur noch in Bäruch Auerbach eine lebendige Verkörperung gefunden hat. Aus einer entsprechenden gefühlsbetonten Religiosität heraus wünscht Fanny Nathan, daß den ihr anvertrauten Kindern die jüdische Religion zur Herzenssache' werde. Deshalb will sie die Kinder zum Verständnis der Ursprache führen, deshalb will sie mit ihnen die jüdischen Feste feiern. Mit Begeisterung und Mut bekämpfte sie. vor allem aus ihrem großen Herzen heraus die Teilnahmslosigkeit weiter jüdischer Kreise gegenüber Erziehungsfragen, welche in unserer Zeit nun eine früher fast unmöglich scheinende Bedeutung gewonnen haben. Dr. Hilde Ottenheim er Das Brot als Sinnbild des Mütterlichen Vor jeder Mahlzeit des jüdischen Hauses steht der Segen über Brot und Saiz wie eine Schwelle, die wir vom Geräusch der Arbeit .ind den Notwendigkeiten des Tages her zu der freundlichen Feier des Mahls überschreiten sollen. Die „Mauzi" ist ein Innehalten und Aufatmen. Sie ist eine zarte Brücke zwischen unserer gedanklichen Gegenwart und jenen großen dunklen Zeiten, die wir nur noch ahnen, in denen der Mensch tiefer wurzelte, frommer verbunden war mit allen Wesen der Schöpfung. In den Sinnbildern der Menschen, die hinter den Erscheinungen ihrer Umwelt die heiligen Urkräfte spürten, lange bevor ihnen die Gewalt des- Einzigen und Einen in der Offenbarung des Gesetzes aufging, hat das heilige Brot immer als ein Gleichbild des Mütterlichen, der gebärenden und nährenden Erde gestanden. Immer treten neben. diese mütterlichen Gleichbilder der Erde und des Brotes die des Männlichen in Gestalt von Wasser oder Wein oder Salz. Aus primitiven und höchstgeformten Kulten der Völker läßt sich die Vermählung der beiden Urpole durch die Verbindung von Brot mit Wein oder Salz aufzeigen. Den Menschen dieser Zeiten ängstigen die Geheimnisse des Werdens und Wiedersterbens, die er in ihrer Unerbittlichkeit erleiden