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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-06-01 · 10 (6.1934) · p. Seite 413

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
10 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 413 (sequence 27)
Language
German
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Frankfurt a. M„ Feldbergstr. 31 Jüdische Frauengestalten vi. Lina Morgenstern Wenn heute in nachdrücklicher Weise der Wert hauswirt schädlicher Ausbildung und organisatorischen Zusammenschlusses der Hausfrauen betont wird, so dürfte es von hohem Interesse sein, sich der Frau zu erinnern, die als Jüdin zu den Pionieren der Hausfrauenbewegung gehörte. Lina Morgenstern, 1830 in Breslau als Tochter eines angesehenen Kaufmanns geboren, genoß eine vielseitige Ausbildung, bei welcher ihre Mutter das Hauptgewicht auf die wirtschaftliche Erziehung legte. Nach ihrer Heirat im Jahre 1854 zog sie nach Berlin und gehörte dort bald zu den Anhängerinnen der erwachenden Frauenbewegung. Um diese Zeit wurden in Berlin die ersten Fröbelschen Kindergärten eingeführt, bei deren Einrichtung sie tätig mitwirkte Die Fröbelsche Lehre erfaßte ihr Denken und Fühlen derart, daß sie darüber Abhandlungen schrieb, Vorträge für Frauen und Mütter hielt und ein Seminar für Kindergärtnerinnen eröffnete. Auf diese Weise weckte sie das Interesse vieler Frauen für Erziehungsfragen, die ihren lebendigen Niederschlag in der Familie fanden. Von diesem Erziehungswerk, dessen Erkenntnisse sie vor nehnilich der Entwicklung der eigenen Kinder widmen wollte, wurde sie durch den Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges wieder der Volksgemeinschaft zugeführt. Die Not, die in der Bevölkerung einsetzte, brachte sie zu dem Entschluß, Volksküchen einzurichten. Im Juli 1866 wurde durch ihre Initiative die erste Volksküche in Berlin gegründet, der bald weitere in anderen Städten folgten. In diesem Wirken sehen wir schon die Verschmelzung des hauswirtschaftlich-mütterlichen Empfindens mit dem Verantwortungsgefühl für <lie Allgemeinheit. Denn nun gehen Lina Morgensterns Bestrebungen immer deutlicher dem großen Ziel entgegen: der Erziehung zur Hauswirtschaft als Beruf. Dieser Aufgabe widmete sie ihre große pädagogische und schriftstellerische Begabung. Sie schuf aus eigenen Mitteln eine Akademie zur wissenschaftlichen Fortbildung für Frauen, an der sie selbst Unterricht in Kinderpflege und Erziehungslehre erteilte. Beinahe neuzeitlich, von den Gedanken und Forderungen der letzten Jahre erfüllt, mutet der Titel eines Vortrages an, der um das Jahr 1875 im Druck erschien: „Was vermögen die vereinigten Hausfrauen gegen die willkürliche Verteuerung der Lebensmittel?" Diese Abhandlung gab den Anstoß zur Gründung des ersten Hausfrauenvereins, der noch heute m Berlin „Hausfrauenverein Lina Morgenstern'1 genannt wird, und den Namen dieser jüdischen Frau, die immer ihrem Glauben treu blieb, für alle Zeiten mit einer Bewegung verknüpft, die in unseren Tagen mehr denn je den Wert der hauswirtschaftlichen Tätigkeit in den Mittelpunkt der Frauenleistung stellt. Um nun die Hausfrauen, die sich in Enge und Traditon zunächst meist ablehnend gegen Neuerung und Fortschritt verhielten, für ihre Ideen zu gewinnen, schuf Lina Morgenstern die „Deutsche Hausfrauenzeitung", deren Herausgeberin sie durch viele Jahre war. In diesem skizzenhaften Lebensbild der bedeutenden Frau darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß sie in ihrer reichen schriftstellerischen Tätigkeit neben vielen Kinderbüchern auch ein Andachtsbuch für die israelitische Jugend unter dem Titel „Glaube, Andacht und Pflicht" herausgab (erschienen 1863). Lina Morgenstarn starb im Jahre 19C9 in Berlin. Sie war die erste Frau, die bewußt als Hausfrau uud Mutter, hohe Aufgaben über den Kreis der Familie hinaus für die Gemeinschaft erfüllend, innerhalb der Frauenbewegung wirkte. St. F. Eine Frau hat noch nie ihre Sache durch Stillschweigeu verdorben Chinesisch. Hausfrauenaufgaben in dieser Zeit Zu den Gegenwartsaufgaben der jüdischen Frau gehört hi erster Linie die Sorge für die planmäßige hauswirtschaftlicht- Ausbildung der weiblichen Jugend. Hauswirtschaft gilt heute als Beruf, der wie jeder andere Beruf zu erlernen ist und eine geistige Durchdringung erfordert. Ein Rückblick auf die Frauenbewegung des letzten Jahrzehnts zeigt uns, daß innerhalb der in ihr wirkenden starken geistigen Kräfte sich die Hausfraiienbewegung ent wickelt hatte. In dem großen Umschwung, den wir erleben blieb den Frauen die Stellung und der Wirkungskreis im Hause Wir jüdischen Frauen sind heute ausgeschlossen von dem all gemeinen Geschehen, die Mitarbeit in der Oeffenrlichkeit, auch in unseren ureigensten Hausfrau enintere&sen, ist uns versagt Aber in unserem eigenen Kreise liegt die gleiche Verantwortung für unser Hausfrauentum. Darum müssen wir uns schulen als jüdische Hausfrauen für unseren Beruf in der Familie und darüber hinaus für die jüdische Gemeinschaft, damit die hauswirtschaftliche Tätigkeit verantwortungsbewußte Leistung werde. Die jüdische Hausfrau sah im Hausfrauenberuf immer ihre Berufung. Unsere Tradition und Geschichte zeigt uns ja in schönster Weise die Stellung der Frau innerhalb des Hauses Kann die Bedeutung der Frau für das Haus höher bewertet werden als in dem Spruch aus dem Talmud: „Die Weisheit der Frau baut das Haus und Torheit in ihren Händen zerstört es"! So gilt es anzuknüpfen an die Ueberlieferung mit ihrer wunderbaren Ethik. — Doch Not und Härte unserer Zeit verlangen eine den Verhältnissen angepaßte Ausübung des Hausfrauenberufes, zu dem vor allem ein modernes Rüstzeug gehört. Diese? kann für unsere weibliche Jugend nur in einer planmäßigen hauswirtschaftlichen Ausbildung erworben werden; doch auch die bereits durch Erfahrung gereiften Hausfrauen bedürfen durch die Veränderung und Umstellung der Verhältnisse, den Zwang nach größerer Sparsamkeit heute oftmals neuer Kennt nisse zu vereinfachter und dennoch rationeller Haushaltführung. Nie gekannte Schwierigkeiten tauchen auf. Arbeiten müssen selbst verrichtet werden, die bisher häuslichen Hilfskräfter. überlassen waren, es gilt sich ,.umzustellen" in des Worte» wahrster Bedeutung. Wie wohltuend wäre da oft ein guter häuswirtschaftlicher Rat, eine Anleitung für manche Tätigkeit oder auch nur eine Aussprache mit Gleichgesinnten, um aus der. Erfahrungen anderer zu lernen. Die überlastete Hausfrau kann keine Schule, kein Seminar besuchen, aber sie braucht eine Stelle, eine Organisation, die sich ihrer Nöte annimmt, ihre Interessen vertritt. Die Hausfrauenaufgaben dieser Zeit sind doppelter Art. Wir verlangen Rat. Hilfe und Unterstützung, aber wir müssen auch geben aus der Fülle unseres Herzens und der Verpflichtung, die uns die Not unserer Gemeinschaft auferlegt. Wo es möglich ist und die Hausfrau die Kraft und Eignung dazu fühlt, sollte der private Haushalt zum L e h r h a u s - h a 11 für ein junges schulentlassenes Mädchen werden. Zur Erfüllung dieser Aufgabe, die der Raumknappheit wegen ein andermal ausführlicher besprochen werden soll, bedarf es nicht nur der Stärkung des Gemeinschaftsbewußtseins der jüdischen Hausfrauen, sondern auch der Klärung mancher praktischer Fragen. Auch hier kann ein Zusammenschluß unendlichen Nutzen bringen.

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