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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1934-06-01 · 10 (6.1934) · p. Seite 400

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
10 (6.1934)
Date
1934-06-01
Page
Seite 400 (sequence 14)
Language
German
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Seite 400 selbst zu sein. Experimentiert der Mensch, willkürlich mit einer solchen Verkörperung des unendlichen Bewußtseins, so beraubt er sie des Glückes, für das sie geschaffen war und lenkte zeitweilig eine ewige Wahrheit von ihrem Ziel ab." Mitleid ist frei von Berechnung und wer Mitempfinden und Verständnis für die Tierwelt hat, bedarf nicht erst des Hinweises auf drohende materielle Schäden, die bei der naturwidrigen Haltung von Tieren infolge der dadurch bedingten erhöhten Disposition für Krankheiten entstehen. Eine Aenderung der ursprünglichen, natürlichen Lebensweise ist bei Haustieren nicht ganz zu umgehen. Zu einer Schuld wird sie erst, wenn wir Tiere verkümmern oder verkrüppeln lassen, indem wir das geringe Maß ihrer Freiheit übermäßig beschränken. Die Schuld wächst, wenn der Mensch hilflose Tiere hungern, dursten oder frieren läßt, wenn er ihnen untragbare Lasten aufbürdet und sie bei Krankheiten ohne zweckmäßige Hilfe oder genügende Pflege läßt. Junge Tiere kennen keine Scheu vor dem Menschen, sie sind ihm gegenüber sorglos und voll Vertrauen in seine Güte und sein Wohlwollen. Das wildlebende Tier in der unberührten Gottesnatur ist gleichfalls ohne Furcht und Scheu vor Menschen und erst die schlechte Erfahrung mit ihnen macht es flüchtig oder bösartig. Für erwachsene, denkende Menschen, die vorsätzlich und böswillig hilflose Tiere, die ihnen wehrlos ausgeliefert sind, unnütz leiden lassen, erscheint keine Strafe zu hart. Mitleid mit Tieren beweist Güte, Wohlwollen, Gerechtigkeitssinn, kurz, das Vorhandensein aller „menschlichen" Eigenschaften. Wer Tiere liebt, hat ein liebevolles Herz, das auch Liebe für die Mitmenschen übrig hat. So erklärt es sich, daß echte Tierfreunde Gunst und Wohlwollen in den Augen ihrer Mitmenschen finden. Aber auch in Gottes Augen finden sie Gunst und Gnade, denn Gott will das Gute und das Glück aller seiner Geschöpfe, auch das der Tiere, die er dem Menschen anvertraut hat. „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs." Dieser Satz läßt sich im Sinne jüdischer Religiosität auch so ergänzen: Nur wer sich auch seines Viehs erbarmt, ist in Gottes Augen ein Gerechter, ein wahrhaft Frommer. Literarische Rundschau Ii Der Born Judas Es ist gerade in dieser Zeit ein hoch zu lobendes Unternehmen, weifn dem deutschen Juden ein Buch erneut in die Hand — und ans Herz — gelegt wird, das mit seiner Fülle und Bunt beit allen Raum und jede Zeit, vielfältige Begebenheit und besonderes Menschentum jüdischen Daseins abschildert: und dies in der einzigen Form, die einem Jeden zugänglich sein kann, und die deshalb niemals der Arbeit eines Einzelnen eignet, sondern irgendwie der Leistung aller, dem Ganzen des Volkes entstammt: in der Form der Sage, der Legende, des Märchens. Die große Sammlung jüdischer Märchen und Geschichten, die Micha Josef bin Gorion im Jahre 1916 (im Insel-Verlag) her auszugeben begann und die erst 1923 (nach seinem Tode) mit dem sechsten Bande zum Abschluß kam, liegt heute in einer neuen, vom Schocken-Verag veranstalteten einbändigen Ausgabe vor: Rahel und Emanuel bin Gorion haben die Masse des Stoffes mit kaum spürbaren Abstrichen, aber in neuer Anord r.ung der Geschichten — nicht nach Motiven, sondern nach der Zeitfolge der erzählten Ereignisse — zu einem Buch gestaltet, das nun. ohne die Bedeutung der originalen Sammlung zu mindern, als Hausbuch im edelsten Wortsinn für uns lesbar ist Wenn es der Ehrgeiz des Urhebers der Sammlung gewesen ist in die großen Märchen-Meere der Weltliteratur diesen „Born .Judas" als ebenbürtig tiefen und reinen Strom einmünden zu lassen, so ist es heute der Wille der Herausgeber, uns deutsche» Juden den Quell erneut zuzuleiten. Mag — avozu das ursprüngliche Werk reichlichen Anlaß gegeben hat — die Frage nach dem besonderen Wesen des jüdischen Märchens, die stilistische Untersuchung mannigfacher Mischformen von Märchen, Legende und Mythos, von rein erzählender und lehrhafter Gattung in? Augenislick getrost auf sich beruhen. Die Forschung, die sich der Motiv-Vergleichung. der Quellenkunde, dem Eigenwie dem Fremdgehalt der Geschichten Avidmet, Avird gewiß an diesen Schöpfungen des jüdischen Volksgeistes in der Zerstreuung ihre klärende Arbeit zu leisten haben. Worauf es uns aber jetzt anzukommen scheint, das ist, daß mit dem „Born Judas" in seiner neuen Gestalt ein höchst wesentlicher Beitrag an jüdischem Lebensstoff denen gegeben AA'ird, die für sich und für ihre Kinder in aller Not erfahren sollen, Avie reich sie sind. Eduard Strauß Hans Marcus, Treuhänder Spezialberafer für Steuers und Devisenrecht Goelhestr. 5 Telefon 28561 Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums Im neuesten Heft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums veröffentlicht Fritz F r i e d 1 ä n - der einen AArichtigen Beitrag zur Geschichte der Judenemanzipation. Die Auseinandersetzung zAvischen dem bekannten preußischen Juristen Geheimrat Streckfuß und jüdischen Verfechtern der Gleichberechtigung um Jahr 1833 mutet durch die darin angeführten Gründe und Gegengründe an als Avären sie in unseren Tagen geschrieben. Max Wiener berichtet über neuere Schriften zur Bibehvissenschaft (z. B. Bubers „Königtum Gottes"); Moses Gast er setzt seine sehr lehrreichen Unter- . suchungen zur Abgleichenden Sagenkunde fort, und Bernhard Heller ergänzt ihn. — Erfreulicherweise Avird die Monatsschrift in diesem Jahr mindestens in gleichem Umfang erscheinen Avie im vorigen, ein starker BeAveis ungebrochenen jüdischen Forschergeistes. Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland Das soeben erschienene Heft 1 des 5. Jahrganges der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, die Professor Dr. Elbogen, Prof. Dr. Aron Freimann und Rabbiner Dr. Freudenthal unter Mitwirkung angesehener Gelehrter herausgeben, enthält eine Reihe von Aufsätzen, die in ihrer eindringlichen Forschungsart, ihrer aufschlußreichen Sachkenntnis und in ihrer A'ertiefung in alle Gebiete der Geschichte der deutschen Juden ein beglückender Beweis für die ungebrochene Avissenschaftliche und historische Forscherarbeit der deutschen Juden darstellen. Siegfried U c k o schreibt über die geistesgeschiehtiichen Grundlagen der Wissenschaft des Judentums und führt damit in die erregten Auseinandersetzungen, die zur Beschäftigung der Juden mit der allgemeinen Kultur führten. Dr. Tsmar Freund behandelt die deutsche Judenfrage vor 100 Jahren, Arno Kapp veröffentlicht Quellenstudien über die Gleichberechtigung der Leipziger Meßjuden. Beide Arbeiten stellen wichtige Beiträge zur geistigen und politischen Situation der Juden in den Anfängen der Emanzipation dar. Dr. Raphael Strauß macht mit einem Landshuter Judeneid aus dem 14. Jahrhundert bekannt, Aveitere Beiträge befassen sich mit Fragen der mittelalterlichen jüdischen Geschichte in Deutschland. . Mißzellen. Literaturbesprechungen und Buchanzeigen runden das schöne Heft so ab, daß der am Leben der Wissenschaft Interessierte atoii ihrem Pulsschlag unterrichtet wird. Das Heft beAveist erneut die Wichtigkeit der Erhaltung dieses einzigen wissenschaftlichen Organs auf seinem Spezialgebiet. , Ghr. Der deutsche Vortrupp Die unter Führung von Dr. Hans Joachim S c h o e p s stehende Gefolgschaft deutscher Juden „Der deutsche Vortrupp" gibt eine Zeitschrift heraus, von der Heft 2 und 3 vorliegen. Die Blätter vertreten die bekannte Haltung des Bundes, über den auch in unserem Gemeindeblatt schon wiederholt be-

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