Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 9 (5.1934)
- Date
- 1934-05-01
- Page
- Seite 376 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Feldbergstrasse 31 Jüdische Frauengestalten v. Eine Frau für sich allein Sara Levy Sora Levy entstammte einer der angesehensten Familien der Berliner Jüdischen Gemeinde des 18. Jahrhunderts. Ihr Vater Daniel Itzig, dessen scharfen klugen Kopf -wir aus einer Medaille von Abraham Abramson kennen, hatte dem Preußischen Staate während des Siebenjährigen Krieges als Münzjude große Dienste geleistet und bekleidete lange Jahre hindurch das Ehrenamt eines Oberältesten der Jüdischen Gemeinde. „Er war ebenso reich wie wohltätig", schreibt einer, der es wissen mußte, der über jüdische Angelegenheiten trefflich unterrichtete V a r n h a g e n von Ense in einer Notiz seines Nachlasses von ihm. Nicht nur, daß er Waisenmädchen ausstattete, er faßte auch schon 1761 — im Geburtsjahre seiner Tochter Sara — den Plan zur Errichtung eines Armenkinderhauses, ausdem dann -die bekannte Jüdische Freischule hervorging, die sein Sohn Isaak Daniel Itzig und sein Schwiegersohn David Friedländer leiteten. Sein jüdisch-patriarchalisches Haus, an dessen feierlich-frohe Sederabende und an dessen reiche Gastfreundschaft gegen jüdische Gelehrte sich die Tochter Sara noch im späten Alter liebevoll erinnerte, entließ dreizehn Kinder ins Leben, von denen manche bestimmt waren, in den Großstädten der Welt bedeutende Rollen zu spielen. Neun Töchter waren unter der Schar. Die schöne Fanny Itzig, die im Elternhause Vögelche hieß, heiratete den Wiener Bankier Nathan Arnstein und beherrschte das Wiener gesellige Leben zur Zeit des Wiener Kongresses, nicht weniger als Rahel Levin das gesellige Leben Berlins. In derselben Stadt lebte die nicht minder schöne und gewandte Cacilia, die einst ihre Eltern Zippora nannten, als Frau des Bankiers Eskeles, den Rahel wegen seiner Originalität besonders schätzte. Alle Zeitgenossen rühmen die Schönheit und Gewandtheit dieser beiden Itzig- Töchter: in ihren Salons sammelten sich — wie in der Mauerstraße in Berlin — Diplomaten, Offiziere, Schauspieler und Grafen. Aber . . . die Kinder der Cäeilie, einst Zippora, wachsen auf und haben kaum eine Ahnung von ihrer Abstammung . . . Sara Levy bleibt Sara Levy, seitdem sie im Jahre 1783 den Kaufmann Salomon Levy geheiratet hat, bleibt dieselbe bis sie sich hochbetagt zur letzten Ruhe niederlegt. Sie ist nicht so schön wie die Schwestern. Es fehlt ihr die biegsame Anmut, die man an jenen rühmte, straff und aufrecht geht sie daher, und die tiefe Stimme erschreckt einem fast, wenn sie Freundlichkeiten im Tone des Befehls äußert. „Mir ist sie zu kriegerisch!" sagt einmal ein Zeitgenosse von ihr, und es steckt ein wenig Wahrheit darin. Eine tapfere Frau, deren Tapferkeit gegen hoch und. niedrig standhielt und auch nicht versagte, wenn es galt, gekrönten Häuptern zu begegnen- Als Friedrich Wilhelm TV den Bau des Neuen Museums plante, war ihm und seinem/ Baumeister das schöne Haus der Madame Levy mit Der Wille und nicht die Gabe macht den Geber. Lessing, Nathan der Weise. seinem großen Garten im Wege. Er setzte alles dran, daß sie es ihm käuflich überließe. Aber die streitbare Frau weigerte sich energisch, das Haus herzugeben, in dem sie seit ein paar Menschenaltern wohnte. „Wenn der König gern seinem Ahnen Friedrich dem Großen nachlebt", sagte sie, „so will ich der Müller von Sanssouci sein, der ihm Gelegenheit gibt, aufs neue ein Eigentum zu respektieren. Nach meinem Tode kann er das ganze Grundstück billig haben." Und so geschah's," da Friedrich Wilhelm IV. trotz aller seiner Schwächen kein tyrannisch waltender Fürst war, der diese Baucis, der schon der Gefährte ihres Alters fehlte — denn der Gatte war schon 1805 gestorben — ihres Alterssitzes berauben wollte. So mußte das Neue Museum trotz allen Widerspruchs der Baumeister seine schiefe Front erhalten, die den Wissenden heute noch an jene streitbare Jüdin erinnert. Aber nicht bloß ihr starker Eigenwille dürfte heute noch einer Erinnerung wert sein. Eine jüngere Zeit- und Stammesgenossih der ungewöhnlichen Frau, Fanni Lewald, schildert uns einmal den Kreis, der in diesen vielgeliebten Räumen sich zusammenfand. Alle bedeutenden Menschen der Zeit hatte Madame Levy gekannt; aber sie war, wie die junge Freundin berichtet, mehr auf das Abstrakte als auf das Persönliche gerichtet — ein in jener persönlichkeitsfrohen und, wie wir ruhig sagen dürfen, klatschlustigen Zeit besonders bei den Frauen dieser Welt ziemlich seltene Sinnesart. Wohl erzählte sie einmal der begierig Lauschenden, daß Achim von Arnim, der Dichter des erwachenden Nationalgefühls, und Bettina, Kind und Muse der Romantik, sich bei ihr im Garten verlobt hätten — wir kennen die eigentümliche Szene aus den Briefen der Braut an ihren Helden Goethe. Aber solche Erinnerungen kamen ihr selten auf die Lippen. Viel lebhafter wendete sich die damals schon Siebzigjährige den Kämpfen der Gegenwart zu, der Revolution, denen ihr eignes rebellisches Herz entgegenschlug. Als Fanni Lewald ihr von den Kämpfen in Königsberg erzählt und. scherzend das damals viel zitierte. Wort von Scribe erwähnt „Wir Jungen stehen alle in der vordersten Schlachtreihe!", da schüttelt sie lächelnd den Kopf und erwidert mit ihrer tiefen Stimme: „Erlauben Sie! Wir Alten tun das auch!" — „In solchen Augenblicken war sie prächtig!" fügt Fanni Lewald hinzu. Am besten hat aber wohl das Wesen der Sara Levy, die das Schwergewicht ihres Lebens in eine weitgespannte soziale Hilfstätigkeit verlegte, keine andere als Rahel Levin bezeichnet, die sie „eine echte preußische Chewre-Frau" nennt. Dr. Bertha Badt-Strauß Es gibt nur einen „Porzellan-Bär"