Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 8 (4.1934)
- Date
- 1934-04-01
- Page
- Seite 340 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3094266-3094399-3094407--4087-3098873- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 340 Jugend in engen Kontakt mit den Problemen und Geschehnissen unseres Daseins, zugleich aber auch zu tiefstem Verständnis für die Größe unserer Religion; durch die Vermittlung jüdischen Wissens jeder Art stellen wir die bei vielen verloren gegangene Verbindung zu unserem heiligen Glauben wieder her. In engster Verbundenheit mit der modernen Lebensauffassung lehren wir unsere Jugend stolz zu sein auf die ewigen Wahrheiten und Größe unserer Lehre. Die Tätigkeit in Form von Vorträgen und Diskussion-en wird vervollkommnet durch wöchentlich stattfindende Bibel-Abende, an denen wir die Bibel lesen und an Hand verschiedener Kommentare neuerer und älterer Zeit uns verdeutlichen und durch Vergleiche mit der heutigen Zeit — deren sich in der Bibel unendliche Möglichkeiten bieten'— wieder nahe bringen. — Neben dieser rein geistigen, zielbewußten Arbeit, die noch durch Feierstunden und religiöse Veranstaltungen — wie die Abhaltung gemeinsamer Sederabende — ergänzt wird, kommt aber auch das jugendliche Gemeinschaftsleben zu seinem Recht. So treffen wir uns in unserem Heim an jedem Samstag- Abend zu fröhlichem Kreis, in dem wir mit Rezitationen, Gesellschaftsspielen, Erzählen, und, was das Wichtigste ist, persönlichen Aussprachen uns als Gemeinschaft aufs engste zusammenfinden. Der Ring, die Jugendbewegungs-Gruppe unseres Gesamtbundes, trifft sich an Samstag-Nachmittagen im Heim zu echt bündischem Leben und Arbeiten. Hier in dieser Gruppe, in der die Jüngeren und Jüngsten in getrennten Kreisen zusammengefaßt sind, werden natürlich leichtere Fragen behandelt und vor allem bündischer Geist gepflegt, der selbstverständlich in Wanderungen usw. seine Ergänzung findet. Sinn, Aufgabe und Aus den Statuten des „Hechaluz" vom 2. März 1925: § 2. Der „Hechaluz", deutscher Landesverband,- erstrebt die Zusammenfassung: aller in der Hachscharah in Deutschland stehenden Chaluzim und Chaluzoth. § 3. Zweck des deutschen Landesverbandes „Hechaluz" ist: a. die berufliche und geistige Vorbereitung (Hachscharah mikzoith wehachscharah tarbutith) seiner Mitglieder für Palästina, b. die Organisierung der Alijah (Uebersiedlung nach Palästina") seiner Mitglieder, c. die Vertretung der Interessen seiner Mitglieder nach außen. Diese Punkte bestimmen die Richtung unserer Arbeit. 1925 bis Anfang 1933 noch eine mehr bündische Bewegung, etwa in der Linie und geführt von Führern des früheren Blau-Weiß, mit anfangs rund 500 Mitgliedern in 5 Ortsgruppen, zählen wir heute über 15 000 Chawerim und Chaweroth in mehr als 100 Ortsgruppen. Nach den ersten Schrecken des Jahres 1933 ergriff den jüdischen Menschen ein Schlagwort, das für ihn ein Rettungsanker zu sein schien: Berufsumschichtung. Daß es mit diesem Wort alleine nicht getan ist, wenn keine Idee dahinter steht, die dem Menschen Halt gibt, wenn sich kein Ziel, kein Betätigungsfeld ihm zeigt, erwies bald die Praxis. Auch wir führten und führen ein Schlagwort in den täglichen Diskussionen: Chaluziuth, Pioniertum! Pioniertum für die Judenheit, für ein arbeitendes Palästina, für uns. Aber diese Parolen, die trotz aller Idealismen auf dem Boden der Realität stehen, geben uns und denen, die zu uns kommen, Stärkung und Sinn unserer Arbeit. Der Weg, den wir vorschlagen, verlangen und einhalten, ist nicht leicht. Wir fordern von allen, die zu uns kommen, Hachscharah (Vorbereitung für Palästina), körperlich und geistig. Unsere Chawerim sind fast alle durch unsere Arbeit den handwerklichen und landwirtschaftlichen Berufen zugeführt worden, soweit sie nicht schon vorher in diesen Berufen gearbeitet haben. Für unsere-Arbeit aber ist die geistige Hachscharah genau so wichtig wie die körperliche. Deshalb müssen wir besonders Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die gemeinsame Arbeit des Gesamtbundes über die grupnenmäßige Heimarbeit hinaus große Aufgaben zu erfüllen hat, die sich allmählich immer stärker in dem noch jungen Bunde entwickeln. Auf der einen Seite führt naturgemäß das Bekenntnis zu Deutschland zu engster Zusammenarbeit mit gleichgerichteten, dem Bunde nicht angehörenden Vereinen und Verbänden, die wohl schon heute ihre fruchtbare Wirkung zeigt. Auf der anderen Seite arilt es im hiesigen Landesbezirk, insbesondere auf kleinen Plätzen, eine aufklärende Werbetätigkeit zu entfalten, Ortsgruppen zu gründen und der dortigen Jugend Halt zu geben und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Eine weitere Arbeit ist die Vervollkommnung des Bundes durch die Angliederung weiterer, insbesondere auch konservativer Gruppen, die mit dem Bunde die Stellung zu Deutschland gemeinsam haben: der Bund bejaht die jüdische Religion, nicht etwa nur die liberale Auffassung, die lediglich eine ihrer Untergruppen darstellt. Im Bunde sollen sich alle finden, die Deutschtum und Judentum ihr Eisen nennen. Für unser Deutschtum zu kämpfen, unerschütterlich zu unseren Rechten, zu unserer Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis zu stehen, ist die große gemeinsame Aufsrabe: Es srilt, sich mit allen Fragen unserer Zeit, seien sie wirtschaftlich, soziologisch, kulturell oder ideell in praktischer Arbeit in und außerhalb unserer enereren Gemeinschaft auseinanderzusetzen. Gerade und eindeutig ist die Linie, vielseitig die Form der Arbeit in der Erziehung zu bündischem Geiste, zu herzlicher Gemeinschaft, zu geistierer Schulung. Den Ernst der Verantwortung, die Freude der Jugend und das Verständnis für unsere Aufsrabe nimmt unsere Jugend mit hinaus in das Leben als wahre deutsche Juden. . Arthur Astheimer Arbeit des Hechaluz um eine in unserem Sinne liegende Ausgestaltung der Freizeit unserer Chawerim bemüht sein, die in einer zionistischen, aH?emeinjüdischen und hebräischen Schulung zu liegen hat. Da aber der Hechaluz seine Aufgabe nicht nur darin sieht, den Menschen im lernmäßigen Sinne zu „schulen", sondern ihn für ein bestimmtes Leben in Palästina, das Leben in der Gemeinschaft der Arbeiter, zu erziehen, steht der Hechaluz in der Reihe der bündischen Bewegungen. Wir wollen .zur Gemeinschaft erziehen, denn wir halten das Gemeinschaftsleben in seiner idealsten Form für die Grundlage des arbeitenden und aufbauenden Palästina. Nicht jeder Chawer, der zu uns kommt, scheint diesen Weg gehen zu können. Es ist deshalb notwendig, bevor wir über die Formen unserer Erziehunersarbeit srn-eeben, die Menschen anzuschauen, die zu uns kommen. Im Mai vorigen Jahres waren es ca. 20 Menschen, meist aus Jugendbünden kommend, die in Frankfurt den Snif (Ortsgruppe) Hechaluz gründeten. Heute sind wir über 200 Chawerim, von denen etwa 40 zugleich in Jugendbünden arbeiten (Habonim, Werkleute, I. P. D., Wizo). Die übrigen sind erstmalig in einer zionistischen Bewegung, entstammen meist assimilierten Kreisen, 'waren Akademiker, Kaufleute, Lehrlinge, Hausansrestellte. Sie kamen aus Not, aus Ueberlegunsr, aus wahrem Willen zur Chaluziuth, — und als „Zertifikastjäger". da der Hechaluz natürlich einen bestimmten Einfluß auf die Zerti'fikatsverteilung hat. Und alle diese Menschen, der Arbeiter, der Kaufmann, unter ihnen viele Familienväter und Hausfrauen, sollen „erzogen" werden. Daß unsere Formen andere sein müssen als die der Bünde ist klar, zumal wir nur Menschen über 17 Jahre aufnehmen, und die obere Altersgrenze 35 Jahre ist. Unser Snif zählt acht Plugoth (Gruppen) mit je 25 Chawerim. Die Zusammensetzung ist altersmäßig bedingt. Unsere Themen dienen der Schulung: Geschichte des jüdischen Volkes und des Zionismus, der Aufbau Palästinas, die Kibbuzbewegung u. a. Natürlich sollen und werden in den Gruppen auch Fragen des Alltags, Fragen des Erlebens der Zeit und allgemeinjüdische Probleme besprochen, aber zuerst verlangen wir Wissen um unsere Gegenwart, denn die Menschen sind meist nur kurz in unseren Reihen, da sie nach Erez Israel auswandern oder eine