Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 6 (2.1934)
- Date
- 1934-02-01
- Page
- Seite 242 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 242 II Kulturarbeit des Monats Ii Der Jude in der Welt Der zweite Lehrgang des Jüdischen Lehrhauses wurde durch eine akademische Feier eröffnet, in deren Mittelpunkt nach einleitenden Gesängen des Dr. Ehren reich'schen Kammerchors eine Rede Martin Bubers stand. Sie stellte die Eingliederung des Lehrhaüs-Programms in einen größeren geistigen und geschichtlichen Rahmen dar, den Martin Buber in der besonderen Stellung, die der Jude in der Welt einnimmt, gegeben sieht. Der Jude ist in die Ordnungskategorien der Völker nicht einzugliedern: Judentum ist weder Religion noch Nation allein. Aus dieser Uneinreihbarkeit leitet Buber eine Wurzel des Antisemitismus her. Die Einzigartigkeit des Judentums beruht in seinem Gesetz, das zugleich auch seine einzige und vollkommene Sicherheit ist. Abschließend zeigte Professor Buber, wie die Lehrgänge und Arbeitsgemeinschaften des mit dieser Feier eröffneten Trimesters, der Wesensart des Judentums entsprechend, den Weg von Außen zum Wesen hin führen. Ghr. Trio-Abend Der Trio-Abend der „Gesellschaft für jüdische Volksbildung" bot neben Werken von Beethoven (Geistertrio) und Mendelssohn - Bartholdy (D-moll-Trio) auch die Komposition eines zeitgenössischen Tonkünstlers, die „Serenade" des Russen Alexander Tansman. Fußend auf der Musik seines Landes, vor allem beeinflußt durch Stravinskys „Geschichte vom Soldaten", zeigt dieses äußerst interessante und melodiöse Werkchen starke Anklänge an Edward Grieg, namentlich an die musikalische Untermalung des Tanzes der Anitra aus der Vertonung von Ibsens „Peer Gynt". Auch an die Weisen eines Schülers Busonis, des Deutschen Kurt Weill, wird man öfters erinnert. In die Wiedergabe dieses Stückchens teilten sich mit gewohnter Gemeindeversammlung Zu den am Samstag, den 24. Februar 1934, 20i/2 Uir, im großen Saal der Frankfurt-Loge, Eschersheimer Landstraße 27 stattfindenden Vorträgen des Herrn Ministerialrats a. D. Dr. Otto Hirsch (Stuttgart), Geschiftsführender Vorsitzender der Reichsvertretung der deutschen Juden, und des Herrn Gemeinderabbiners Dr. Jacob Hoffmann (Frankfurt a. M.), Mitglied der Reichsvertretung der deutschen Juden, über Die Reichsvertretung der deutschen Juden laden wir hierdurch ergebenst ein. Frankfurt a. M„ im Februar 1934. Reichsvertretung der deutschen Juden Vorstand der Israelit. Gemeinde Meisterschaft die Herren Stefan Frenkel (Violine), Ewel Stegman (Violoncello) und Hans Wilhelm Steinberg (Klavier). Ihr harmonisches Zusammenspiel erwies sich auch bei den weiteren Darbietungen dieses Abends, dem man nur einen lebhafteren Besuch gewünscht hätte. Dr. B. Othello Der Berliner Kulturbund Deutscher Juden gastierte im Neuen Theater mit Shakespeares Othello. Während die Aufführungen von Lessings „Nathan der Weise" durch das gleiche Ensemble vor wenigen Wochen die ergriffene Zustimmung des Frankfurter Publikums fanden, wurde im „Othello" die Interpretation der Hauptrolle und der des Jago für den Geschmack der hiesigen Hörerschaft zueiner starken Belastungsprobe. Ohne die Intensität der Darstellung durch Kurt K a t s c h und Fritz W i s t e n zu verkennen, konnte man sich mit der in Ton, Gestik, ja in gelegentlichen textlichen. Freiheiten dieser beiden Darsteller zutage tretenden Tendenz nicht befreunden. Es wird immer edelster Vorzug einer guten Aufführung sein, daß sie ihr Gepräge von den Individuen empfängt, die in abgestimmtem Zusammenwirken sie zur künstlerischen Einheit runden. Wenn aber diese persönliche Tendenz allzu stark am Dichter vorbeigeht, so weit geht, daß es möglieh wird, in einem Shakespeareschen Drama Sätze zu hören, wie: „Hat sich was mit der Sittsamkeit!", so muß an das literarische Gewissen des verantwortlichen Spielleiters appelliert werden. Ihm obliegt es, neben den künstlerischen auch den Erfordernissen des guten Geschmacks zur Geltung zu verhelfen. Die Desdemona der Ruth Reimer und die Leistungen der übrigen Darsteller erfüllten die hohen Erwartungen, die die Erinnerung an die Nathan-Aufführung auch an dieses Gastspiel geknüpft hatte. Ghr. Kantoren-Konzert Nach ihre]1 erfolgreichen Tournee im „Kulturbund Rhein-Ruhr" konzertierten die Oberkantoien Isreal Alter, Hermann J. Fleischmann und NicolaiNaumow Fleischmann im Rahmen der künstlerischen Veranstaltungen der „Gesellschaft für jüdische Volksbildung": Das Programm enthielt geistliche Gesänge in deutscher Sprache, hebräisch-liturgische Weisen und Jargon-Lieder aus dem Osten. In der ersten Gruppe stand neben Stücken von Händel und Mendelssohn als Novität der 22. Psalm von Ernest Bloch, eine handwerklich gut gearbeitete, klanglich fesselnde moderne Komposition, die zwar an manchen Stellen etwas äußerlich wirkt, aber doch auch echte Ekstase verspüren läßt. Unter den synagogalen Gesängen hatte das „Kaddisch" von Ravel volles Gewicht. Die übrigen Vertonungen religiöser Texte waren wohl durchweg für die Sänger sehr dankbar, konnten aber zum Teil als schöpferische Leistung einer anspruchsvollen Kritik nicht standhalten. Verkehrt wäre es, die dargereichten Proben östlicher Volksmelodik rein unter dem künstlerischen Aspekt zu werten. Die seelischen Kräfte, die hier nach Ausdruck ringen, treffen den jüdischen Menschen so stark, daß er über die oft primitive musikalische Gestalt hinwegzuhören vermag. Freilich müßte eine allzu manierierte, effekthaschende Wiedergabe vermieden und die Auswahl noch strenger nach Seite des inneren Gehaltes hin getroffen werden. — In gesanglicher Hinsicht bot der Abend erlesene Gaben. Der Tenor Alters — eine Stimme von seltener Qualität — entzückte durch Leuchtkraft und Virtuosität der Behandlung. Der füllige, weiche und kultivierte Bariton des „Kölner" Fleischmann wurde in ausgesucht schwierigen Aufgaben mit allem Erfolg eingesetzt. Unser einheimischer geschätzter Vorbeter Naumow Fleischmann bewährte seine ernste, auf bestem Können fundierte Künstlerschaft in jeder Stilart. Ganz besondere Anerkennung verdient der junge Musiker Kurt Heinemann für seine einfühlsame, klanglich gepflegte Begleitung. Dr. E. Abend Frankfurter Komponisten Es bedeutete mehr als eine dem langjährigen musikalischen Führer der Oper gezollte Dankespflicht, wenn dem Programm des Abends Frankfurter Komponisten Lieder Ludwig Rottenbergs eingefügt wurden. Ein Hinweis auf sein Schaffen trägt, was auch diesmal offenkundig war, seine Rechtfertigung in dem Gehalt der Arbeiten. Rottenberg läßt in den fünf Liedern nach Texten von Heine wohl die seelischen Fäden erkennen, die ihn mit den Romantikern, etwa vom Typus Schumanns, und mit Mahler verbinden, aber das scharfe geistige Profil, das den Musiker Rottenberg auch sonst auszeichnete, gibt dem Schnitt der Melodie und dem instrumentalen Unterbau eine ausgesprochen selbständige Note. Sie