Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 5 (1.1934)
- Date
- 1934-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 194 Herr Gerlich äußert nach Dankesworten für die Verwaltung . und Herrn Dr. Mayer verschiedene Wünsche: Die Jugendverbände müßten viel stärker bedacht werden, als dies im Etatentwurf zum Ausdruck komme. Im Philanthropin müsse als Schule der Juden der hebräische und der neuhebräische Unterricht wesentlich gefördert und womöglich obligatorisches Fach werden. Auch die hebräische Sprachschule müsse im Zusammenhang damit wiederum die Unterstützung der Gemeinde erfahren, die sie in den letzten Jahren nicht hatte. Die heute so notwendige Berufsumschichtung unter den Juden könne nicht früh genug anerzogen werden und es müßten schon in den unteren Klassen entsprechende Bestrebungen einsetzen. Auch hier habe das Philanthropin dieser Aufgabe noch mehr als bisher Aufmerksamkeit zu widmen. Die Wohlfahrtspflege bedürfe weit stärkerer Unterstützung als seither. Die Wohlfahrtspflege habe bei der überaus großen Not die weitgehendste und wirksamste Unterstützung der Gemeinde notwendig. Herr Dr. F r e n k e 1 schließt sich den Ausführungen des Herrn Gerlich an und stellt einige Fragen in bezug auf den Stand der rituellen Fleischversorgung. Die Schule müsse sich bemühen, die Jüdische Schule zu werden, indem sie der hebräischen Sprache einen weit größeren Raum zugestehe. 'Die Sprecher der Fraktion der jüdischen Volkspartei behalten sich im übrigen vor, einzelne Forderungen in den Beratungen der gemischten Finanzkommission zu stellen. Dazu gehöre auch die Vertiefung des jüdischen Geschichtsunterrichts und die Einrichtung der Handwerkskurse in der Schule. Hiermit ist die Debatte erschöpft. Der Entwurf des Haushaltsplans für das zweite Halbjahr wird an die gemischte Finanzkommission zur Vorbereitung überwiesen. — Es folgen einige kleine Vorlagen, Avie Entwurf zu einem Verpachtungsvertrag der Mazzenbäckerei in der nächsten Backperiode, die Wahl zweier Vorstandsmitglieder in die Julius und Amalie Flersheim- und Ignatz und Anna Sichel- Stiftung, die debattelos erledigt werden. Hieran schloß sich eine nichtöffentliche Sitzung, in welcher Personalangelegenheiten erledigt wurden. Jüdische Chronik Deutschland Berlin. Der Reichsarbeitsminister hat verordnet, daß in Städten mit über 100 000 Einwohnern nichtarische oder mit Nichtarierinnen verheiratete arische Aerzte, erstere auch ohne Rücksicht auf ihre Frontkämpfereigenschaft, nicht mehr zur Krankenkassenpraxis zugelassen werden. Die Verordnung hat jedoch keine rückwirkende Kraft. Bereits erfolgte Zulassungen werden durch sie nicht berührt. — Ministerialrat Seel vom Reichsministerium des Innern betonte in einem Vortrag in der Verwaltungsakademie, daß der Arierpragraph nicht auf das Wirtschaftsleben ausgedehnt werden könne. Dieser bezwecke nur, die Nichtarier von allen öffentlichen Aemtern fernzuhalten. Ihn auch da anzuwenden, wo an einer Tätigkeit ein öffentliches Interesse besteht, sei durchaus berechtigt; alle Nicharier in der Wirtschaft aber auszuschalten, schieße über das Ziel hinaus. — Der Vorsitzende des „Volksbundes für das Deutschtum im Ausland", Dr. Steinacher, erklärte kürzlich auf einer Landesführertagung, daß, weil der Volksgedanke die Grundlage des nationalsozialistischen Staates bilde, dieser den in seinen Grenzen wohnenden Minderheiten größere Freiheit lassen könne, als der liberalistische; aus der Bindung im eigenen Volkstum ergebe sich nach den Worten des Führers in seiner Reichstagsrede vom 17. Mai 1933 von selbst die Achtung vor dem fremden, eine Auffassung, die auf sittlichem Boden europaisches Prinzip werden könne. — An der Universität Berlin wurde ein Lehrstuhl für Rassenhygiene geschaffen und zu dessen Inhaber Dr. Fritz Lenz, Professor für Rassenhygiene an der Universität München, berufen, welcher dem staatlichen Sachverständigenbeirat für Bevölkerungspolitik angehört. — Vor einiger Zeit traten die Leiter der anerkannten höheren jüdischen Lehranstalten von neuem zu Beratungen über die inneren und äußeren Angelegenheiten ihrer Schulen zusammen. — Einige Sparkassen und Genossenschaftskassen hatten ihren jüdischen Kreditnehmern die Kredite gekündigt. Auf eine Beschwerde des „Centrai vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hat der Reichswirtschaftsminister unter Hinweis auf seine in einem den Regierungen der Länder zugegangenen Schreiben an den Deutschen Industrie- und Handelstag vom 8. 9. 1933 bezüglich der Unterscheidung zwischen arischen und nichtarif.chen Firmen in der Wirtschaft gemachten Ausführungen diese auch für die Belassung und Neugewährung von Krediten an nichtarische Firmen für anwendbar erklärt. — In derselben Weise, wie schon der preußische Kultusminister die Erteilung von privatem Unterricht durch nichtarische oder national nicht zuverlässige Lehrpersonen verboten hat, ordnete nun auch der preußische Wirtschaftsminister in einem Erlaß an, daß Nichtarier oder national nicht zuverlässige Leute genehmigungspflichtige private gewerbliche Schul- und Unterrichtsanstalten nicht leiten und an ihnen nicht lehren dürfen. Eine Ausnahme ist auch hier wieder gemacht — wie im Berufsbeamtengesetz — zugunsten von Frontkämpfern und solchen Lehrern und Lehrerinnen, deren Väter, Söhne oder Ehemänner im Weltkriege gefallen sind oder die schon vor dem Kriege Privatunterricht erteilt haben. Nichtarier dürfen jedoch auch gewerblichen Privatunterricht an nichtarische Schüler erteilen. Die noch laufenden Schulkonzessionen sollen bis 31. März 1934 nach diesen Richtlinien geprüft werden. — Gegenüber der wiederholten Behauptung des Mitgliedes der Repräsentantenversammlung der jüdischen Gemeinde, Dr. Moses, welcher seinen Sitz im Gemeindevorstand niedergelegt hat, aber noch der Reichsvertretung angehört, wonach der Gemeindevorstand der „Reichsvertretung der deutschen Juden" in den Rücken gefallen sei und sie zu stürzen drohe, hat der Vorsitzende des Vorstands, Direktor Stahl, in einer auf seine Veranlassung eigens einberufenen Repräsentantenversammlung eine Erklärung abgegeben, welche folgende grundsätzliche Stellungnahme enthällt: „Wir glauben, daß die Erhaltung und der Wiederaufbau des deutschen Judentums, die Neugestaltung von Existenzen durch Berufsumschichtung und zeitgemäße Ausbildung der Jugend Hauptaufgaben der Reichsvertretung der deutschen Juden sein müssen". Auch die Leiter der „Erneuerungsbewegung der jüdischen Deutschen", von der Dr. Moses gleichfalls behauptet hatte, sie sei eine Gegnerin der Reichsvertretung, haben eine Gegenerklärung erlassen, in der es u. a. heißt: „Die Behauptung des Herrn Dr. Moses, unsere Bewegung habe sich die Bekämpfung der Reichsvertretung zum Ziele gemacht, entspricht nicht den Tatsachen. Die Erneuerungs-Bewegung soll dem jüdischen Deutschen in seinem Deutschtum und in seinem Judentum neue Kraft geben und ihm das geistige und seelische Heimatrecht in seinem deutschen Vaterlande neu erkämpfen. Sie soll die geistige Entscheidung jedes einzelnen Juden in Deutschland erzwingen und die Lebenshaltung der jüdischen Deutschen neu formen. Sie will die jüdische Gemeinschaft in Deutschland erneuern, indem sie ihre Glieder erneuert." — Am 18. 12. veranstaltete die Berliner jüdische Gemeinde einen Werbeabend für das Winterhilfswerk des deutschen Volkes, der von über 2500 Personen besucht war. Der Vorsitzende der Gemeinde gab unter stürmischem Beifall der Versammlung der trotz allem Geschehenen unlösbaren Verbundenheit der deutschen Juden mit dem deutschen Vaterland Ausdruck, betonte ihre Pflicht, sich an dem Winterhilfswerk der Regierung zu beteiligen und gab zum Schluß der Hoffnung Ausdruck, daß das Zusammenwirken der Berliner Juden mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege zu einem besseren Verständnis jüdischen Wesens bei Nichtjuden führen werde. — Zum Vorsitzenden des „Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände" wurde an Stelle des verstorbenen verdienstvollen Dr. Ludwig Tietz Dr. Friedrich Brodnitz gewählt. — Am 31. 12. trat der Direktor des „Centraivereins deutscher Staatsangehöriger jüdischen Glaubens", Dr. Ludwig Holländer, nach dreißigjähriger äußerst verdienstvoller Tätigkeit in den Ruhestand. — Am 21. 12. würde Geheimer Justizrat Adolf Salomen, der älteste preußische Rechtsanwalt und Notar, der, bis er seine Posener Heimat verließ, um Deutscher zu bleiben, 18 Jahre lang Vorsitzender der Posener An- Früher bei Gerstel # DAMENHOTE'DAMENMODEN KAISERSTR'25 ( Laden) derleitentsprechend einlach geschmackvoll u.billiq.