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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 29

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 29 (sequence 31)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr. i SEPTEMBER 19*3 Alle Arlikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten GES TAL TUNG DER JÜDISCHEN SCHULE Wie die jüdische Schule gestaltet werden soll und muss —diese Frage, schon immer innerhalb des jüdischen Kreises umstritten und auch von uns in den letzten zwei Jahren wiederholt behandelt, wird uns durch die letzte Entwicklung nunmehr gleichsam von aussen gestellt. Der ernsthaften Bemühung um Klärung und Förderung wollen wir durch diese Nummer von .Jugend und Gemeinde" dienen. Die Diskussion, die in den letzten Monaten auch innerhalb der jüdischen Jugend besonders lebhaft war, wollen wir gern weiterführen, Die Schriftleitung. Standort gewinnen Die Redaktion stellt mir die Aufgabe, auf kurzem Räume über Notwendigkeiten, Möglichkeiten und Inhalte jüdischer Schulerziehung abzuhandeln. Schon deshalb kann ich nur einen Beitrag, nicht"eine umfassende Darstellung liefern. Und selbst dieser Beitrag kann nicht definierend-beschreibend, sondern muß unitastend-unischreibend sein, weil es im Wesen der Frage liegt. Indem ich diese Behauptung beweise, bezw. erläutere, hoffe ich meiner Aufgabe am besten gerecht zu werden. Das Wesen der Frage, die Voraussetzung einer haltbaren Lösung der Frage der jüdischen Schulen ist eben die Gewinnung eines Standortes für die jüdischen Massen, eine Judaisierung der Juden, ein rückhaltloses Bekennen zu sich selbst ohne Rücksicht axif politische Konjunkturen, ein inneres Gefühl für jüdischen Eigenwert, eine Geradheit der inneren jüdischen Haltung oder wie man es sonst nennen mag. Jüdische Sportvereine haben jüngst Aufrufe erlassen, die ausgestbßenen jüdischen Sportlern eine neue „Heimat-' zeigen sollten. Darin hieß es sehr richtig, daß aber nicht Menschen kommen sollten, die morgen schon bereit wären, sich wieder „umzustellen", falls es ihnen vorteilhaft erschiene. Diese Haltung des Mißtrauens ist leider auch bei unserem Problem am Platze. Auch wir Juden haben unsere „Märzlinge", vielleicht sogar die Majorität. Deren Bekenntnis zum Judentum ist unfreiwillig im höchsten Grade. Und deren jüdische Stabilität ist meist furchtbar gering. Mit unstabilem, brüchigem Material läßt sich nichts von Dauer erbauen. Da aber jüdische Schulen als Eintagsfliegen niemals unser Ziel sein können, müssen wir zunächst unser jüdisches Material präparieren. So ungefähr sind die theoretischen Voraussetzungen der jüdischen Schule, wobei ich noch gar nicht erwähnt habe, daß das Gros der jüdischen Lehrerschaft seither erst im Vorstadium jüdisch-bewußten Erziehertums stand und auch nicht von heute auf morgen jüdisches Wissen in jüdischen Willen verwandeln kann. Praktisch aber ist es doch so, daß sofort mit jüdischer Erziehung und jüdischem Schulaufbau begonnen werden muß, zumal die Kinder nicht — vorsätzlich — für die Sünden der Eltern büßen sollen. Man weiß nicht: ist es leichter neue Schulen zu gründen und jüdisch zu erfüllen, oder bestehende, von Juden besuchte und geleitete Schulen reformierend zu judaisierenV (Daß diese Frage möglich ist, zeigt den ganzen Jammer jüdischen Assimilantentnms.) Das ist beileibe kein geistreicher Einfall. Denn es ist so, daß der Lehrstoff, im Grunde genommen, ewig-gleich ist, aber die Art seiner Formierung und Darstellung entscheidend ist für die Bewußtseinsinhalte und Anschauungswelten, die er im Schüler' hervorrufen soll. Darum eben war und ist eine jüdische Schule noch keine jüdische Schule, darum die Schwierigkeit, bestehende jüdische Schulen wirklich mit jüdischem "Geist zu erfüllen, darum die Schwierigkeiten, neue Schulen zu gründen, die mehr sind als nur Ansammlungen, als nur Additionen von Juden. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist, Avie bei jedem Bankrott, ein Kompromiß,- eine Teilerfüllung. Die Dubiosen — das sind unsere geistig Alten — werden abgetrennt und gesondert saniert, d. h. ihre Pflicht ist mindestens, zu schweigen und kein Bremsgewicht für die neue Schule zu bilden. Die geistig Jungen, die schon immer aufrechten bewußten Juden, bilden die Wattepackung für das neue zarte Pflänzchen. Und die Schuljugend selbst erhält neue Aspekte und neugeformte Inhalte. Leicht gesagt, nicht wahr"?; aber welches sind die neuen Aspekte und Inhalte? Mit „Man nehme, man rühre, man schlage" ist es nicht getan, nicht einmal beim Kochen, noch weniger bei der Formung seelischer Werte. Bildung ist bekanntlich nur auf Wissen gestützt, aber keine Anhäufung von Wissen. Entscheidend sind die Tendenzen und Leitgedanken, entscheidend sind Ziele und Wollen. Wenn ich sage: wir müssen dem praktischen hebräischen Sprechen, selbstverständlich in sefardischer Aussprache, Platz einräumen, wir müssen uns mit dem hebräischen Lied vertraut machen, wir müssen Volks- und Staatsgeschichte, nicht nur Religionsgeschichte treiben, wir müssen die Bücher von Prinz, Kastein, Auerbach in der Schule heimisch machen, wir müssen Buber in der Schule lesen, wir müssen in die Tiefe des Midrasch hinabsteigen, weil hier unser besonderes Ethos gewachsen ist und gleichzeitig sich dartut, wir müssen innerhalb der Schule die jüdischen Parteiungen kennen lernen: so besagt das alles noch gar nichts, wenn wir damit nur Wissensquanten anhäufen. Ich möchte das an folgendem Beispiel verlebendigen: Deutschland kennt einen jüdischen Politiker, der Palästina ausgezeichnet kennt, Hebräisch, Arabisch und weiß ich was noch beherrscht, für den aber Palästina nur irgend ein Land zu sein scheint, denn er hat — für meine Begriffe wenigstens — immer nur mit dem Lande „kalkuliert", hat „gewogen und zu leicht befunden". Mosche rabbenu hat wohl auch seine Sendung überdacht, aber er hat nicht kalkuliert, sondern gekämpft, gelitten, geopfert. Und jene Chaluzim, die starben, als sie Palästinas Sümpfe drainierten, haben auch nicht kalkuliert, sondern sie folgten dem Rufe ihres Herzens. Unsere Generation des jüdischen Abfalls und des Abbaues, der Tarnung und der „krummen Rücken", der Anbetung fremder Götter, der mechanisierten Religionsausübung, der grammophonierteu Gebete, des weltfremden Aesthetentums, des Selbsthasses und der Wurzellosigkeit, hat aber die innere Stimme gewaltsam erstickt und jedes jüdische Sehnen mit dem Rectienstift erstochen. Wer Wirkungen beseitigen will, muß nach verderblichen Ursachen forschen, muß die Krankheitsherde aufspüren und heilen. Und das war jüdisch-prophetisches Wesen, zuerst und zuletzt b e i s i c h s e 1 b s t die Schuld zu suchen und zu sagen: chatanu, awinu, chatanu. Man könnte Seiten füllen mit dem, Avas in einer Avirklichen jüdischen Schule alles getan Averden muß, aber dies ist zAvecklos, solange das W i e nicht ein jüdisches ist. Wir leiden unter dem Organisationsfimmel. Wir Averden Schulvereine gründen, Elternabende abhalten, Gelder sammeln und unsere bewährte Betriebsamkeit Avird Orgien feiern. Das alles wird Avertlos sein ohne eine jüdische E r - w e c k u n g , ohne eine ..T h e c h i j a h", die unsere Menschen im Innersten packt und revolutioniert, die einen neuen Willen und eine neue jüdische Gesinnung schafft. Und gibt es eine bessere Erweckung als am Beispiel des jungen Palästina?

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