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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-07-01 · 11 (7.1933) · page 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
11 (7.1933)
Date
1933-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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„Jugend und Gemeinde" am Schluss der Nummer' FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Orsan der Israelitischen Gemeinde Das Genieindeblatt erscheint monatlich und wird den Geinein deinitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzelnummer 50 Pfg. — Schriftleitung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146 Fernspr.: Sammel-Nr. H. 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaac & Co.. Ravensteinstraße 11, L, Fernsprecher Nr. 44888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluß für die nächste Nummer: 29. Juli. — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 11. Jahrgang Frankfurt a. M., Juli 1933 Nr. 11 Regimentsfeier Andächtige Gemeinde, liebe Kameraden! Vor wenig Stunden haben wir auf unserem Gemedndefriedhof in einer schlichten, zu Herzen gehenden Feier einen Denkstein enthüllt. Er gilt dem Gedächtnis unseres vor einem Jahr dahingegangenen Gemeinderabbiners ArnoldLazarus, gilt dem Seelsorger und Lehrer dieser Gemeinde, gilt dem Gatten und Vater, dem Freund und dem Menschen. In dieser Stunde' aber, deucht uns, steht der Heimgegangene vor uns als der Mann, der in einem seltenen Maße dies beides in sich harmonisch vereinigte: Deutschtum und Judentum, der ein ganzer Deutscher und ein ganzer Jude gewesen ist. Als die Kameraden im Felde eines jüdischen Feldgeistlichen bedurften, ist er hinausgezogen in seiner Begeisterung für sein Vaterland, in seiner tiefen Liebe und Treue gegen seine jüdische Gemeinschaft, und ist Tausenden da draußen ein Tröster und Helfer, ein lebendiges Vorbild der Manneszucht, des Mutes und der Zuversicht gewesen. Er hielt vor fünf Jahren bei der ersten großen Wiedersehensfeier der Kameraden des Infanterieregimentes Nr. 81 eine höchst eindrucksvolle Rede und ist nachmals dem Regimentsverein als tätiges und förderndes Mitglied beigetreten, er wäre der Berufene gewesen, in dieser Stunde hier zu stehen und zu sprechen, da der Bund der Kameraden sich anschickt, ein zweites Wiedersehen zu feiern und zugleich ein ragendes Denkmal für die gefallenen Krieger des Regiments zu errichten. An welches Wort der Bibel er wohl seine Betrachtung beute abend angeknüpft haben würde? Vielleicht hätte er nach altem Brauch ein Wort gewählt, das wir an diesem Sabbat hier verlesen: ixtPÖ'^Kl imaST'^ST EPH tP'X „Mann für Mann bei seinem Dienst und Mann für Mann bei seiner Last." Dieses Wort unserer Thora schließt die Anweisungen über die Lager- und Marschordnung des alten Israel in der Wüste. Wie wir schon am vorigen Sabbat hier vernahmen, ergeht mitten in der Wüste an Mose Gottes Befehl: das Volk nach seinen Stämmen, nach seinen Familien und nach seinen Häusern zu mustern, alle waffenfähigen Männer zwischen 20 und 50 Jahren, die zum Heeresdienst berufen sind. Sie alle sollen um das Heiligtum der Wüste, um das Offenbarungszelt sich lagern, drei von den zwölf Stämmen im Norden, drei im Süden, drei im Osten und drei im Westen, ein jeder Mann bei seiner Fahne und bei dem Abzeichen seines Stammes. Rings um das Gotteszelt sollten sie also lagern in mustergültiger Ordnung, sollten in dieser Ordnung mit dem Zelt aufbrechen und wandern, wohin Gott es wandern hieß, stets ein jeder Mann bei seinem Dienst, auf seinem Posten, bei dem, was ihm zu tragen aufgegeben war. Wir möchten in solcher Stunde meinen, daß in dieser Schilderung uns ein Bild des alten deutschen Heeres vor Augen trete. So war es doch, da lagerten sie doch in unserem deutschen Vaterlande in wohldurchdachter, peinlich eingehaltener Ordnung, alle Waffenfähigen, zum Heeresdienst Berufenen, Stamm für Stamm, Mann für Mann, jeder an seiner Stelle, — bereit, wenn der Ruf des Vaterlandes erging, so auch zu wandern, um das Heiligtum — und das war ihnen ihr Vaterland — zu schützen und zu schirmen. Was war er doch für eine vortreffliche Schule, dieser militärische Dienst für unsere jungen Männer, nicht nur der körperlichen Ertüchtigung, sondern auch Predigt in der Westendsynagoge am 2. Juni 193? Von Gemeinderabbiner Dr. Salzberger der Charakterbildung und der Selbstbeherrschung, des Gehorsams und der Unterordnung, des Mutes und der Tapferkeit, der Einigung zwischen Städter und Bauer, zwischen Kopfarbeiter und Handarbeiter, zwischen Reich und Arm, eine Schule zumal echten, kameradschaftlichen Geistes! Wie viele auch unter uns Juden sind durch diese harte Schule dankbar gegangen und haben sich später noch mit Freuden des Jahres, der Jahre erinnert, da sie diesen Dienst tun — mußten? tun durften! Großvater, Vater und Sohn sind in einem und demselben Regiment so zu waffenfähigen Männern unseres deutschen Volkes und Vaterlandes g'eschmiedet worden. Und wieviel Freundschaft hat sich da angeknüpft, ob Jude, ob Christ, ob Reich, ob Arm, ob Kopfarbeiter oder Handarbeiter! Ein Regiment der alten deutschen Armee ist dieser unserer Vaterstadt ganz besonders ans Herz gewachsen: das 1. Hessische Infanterieregiment Nr. 81. In diesen Tagen, wo die Ueberlebenden des Regiments sich hier ein Stelldichein geben, wo unter großer Beteiligung der Bevölkerung das Denkmal für seine Toten enthüllt werden soll, steht vor uns seine Geschichte, eine ruhmreiche Geschichte aus der Vergangenheit auf. Kurz vor dem Kriege konnte es auf 100 Jahre seines Bestehens zurückblicken und nonnte schon über ein volles Menschenalter besonders dieser Stadt sich zugehörig fühlen, wo es seit 1880 in Garnison lag. Wer von uns erinnert sich nicht, wie in den Augusttagen 1914 unsere Feldgrauen durch Frankfurts Straßen Einausmarschierten, um in den Tag und Nacht rollenden Zügen gen Westen zu fahren? Es war nicht zum ersten Male, daß dieses Regiment im Kriege sich erproben sollte; von 13 über 70/71 lief seine Tradition, die schon manchen Sieg zu verzeichnen hatte. Wir haben ihnen von den Fenstern zugewinkt, — sie mit Blumen geschmückt, von denen wir hofften, daß sie bald heimkehren würden als stolze Sieger. Kam nicht Siegeskunde auf Siegeskunde und schwoll uns allen nicht das Herz, Deutsche zu sein? Die Tränen, die aus den Augen der Frauen, der Bräute, der Mütter, der Kinder rannen, wer hat sie damals beachtet im Siegesrausch, der ganz Deutschland überkam? Und sie haben sich wahrhaftig draußen bewährt, die Feldgrauen auch dieses Regiments, im Westen zumal. Mit den Mffiionen Brüdern haben sie sich als Helden erwiesen, von denen die Weltgeschichte noch in späten Tagen künden wird in tiefer Bewunderung. Ob Sieger oder nicht Sieger, das Heldentum der Namenlosen in den Schützengräben, im Trommelfeuer der Granaten, kann niemals aus dem Gedächtnis der Menschheit getilgt werden. Ein unsichtbares Heiligtum war mit ihnen gewandert, das schützten sie mit ihren Leibern als ein lebendiger Wall. Fragte man nach Konfession oder Religion, waren sie nicht alle Kameraden, demselben Schicksal fest entschlossen das Antlitz zugekehrt, ob es leben oder sterben hieß, Sieg oder Niederlage — jeder auf seinem Posten, bei seinem harten Dienst, bei seiner Last, die vier Jahre lang hungernd und dürstend, frierend oder sonndurchglüht, aber ausharrend bis zuletzt. Und dann kam die Heimkehr. Wieder jubelte man ihnen zu, wieder warfen Frauen und Kinder ihnen Blumen und Kränze, aber wer von uns draußen war und miterlebt hatte dies Unbeschreibliche, dem liefen, und wenn er ein wetterharter Mann war, die Tränen über die Wangen. Das war das Ende der großen, glorreichen Armee!

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