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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-06-01 · 10 (6.1933) · p. Seite 249

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
10 (6.1933)
Date
1933-06-01
Page
Seite 249 (sequence 15)
Language
German
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Seite 249 Stellen wie 2. Mos. 11,2 hervor, wo „rea" Volksfremde allein bezeichnet. Rea bedeutet einfach den Menschen, mit dem man im Umkreis des gesellschaftlichen Zusammenlebens jeweils unmittelbar zu tun hat. Damit aber auch ja kein Zweifel walten könne, daß das Liebesgebot den Stammesfremden im Land, den „Gastsassen" mitumfaßt, heißt es unter Verwendung des gleichen Wortgefüges 3. Mos. 19,33 f.: Wenn ein Gastsasse bei dir in eurem Lande gastet, plackt ihn nicht, wie ein Sproß von euch sei der Gastsasse, der bei euch gastet, halte lieb ihn, dir gleich. Und nochmals im höchsten religiösen Pathos, 5. Mos. 10, 17 ff.: Denn ER euer Gott, er ist der Gott der Götter, der Herr der Herren, die große, .die heldische, die umschauerte Gottheit, er der Ansehn nicht gelten läßt und Besehenkung nicht annimmt, ■der der Waise und Witwe Recht schafft, der den Gastsassen liebt, ihm Brot und Gewand zu geben. So liebet den Gast, denn Gastsassen wart ihr im Land Aegypten. Aber nicht bloß im Alten Testament, auch im späteren jüdischen Schrifttum, zu Jesu Zeit und danach wird nirgends geboten oder auch .nur erlaubt, den Feind zu hassen. Das Judentum kennt, wie keine Lehre der Vergeltung, so auch keine Lehre des Hasses. Das Wort der Bergpredigt vom Feindeshaß mag sich auf einen von heidnischer Vulgärmoral beeinflußten Volksspruch beziehen. Der Glaubenslose ist stets geneigt, den zu hassen, in dem er seinen „Feind" erblickt. Wer aber im Glauben lebt, Jude öder Christ, kanu sich, wie von einem Meister des Talmuds berichtet wird (bäbyl. Talmud, Traktat Megüla 28a) an keinem Abend dem Schlaf anheimgeben, ohne gebetet zu haben: „Jedem werde vergeben, der mir zuleide getan hat". Ihr Martin Bube r." Die Judenfrage in christlicher Sicht Von Professor Dr. Ernst Michel (Deutsche Republik, Heft 31 vom 30. April 1933) Dem Christen, dem seine Religion und .sein Volkstum nicht zwei wesentlich getrennte Lebensbereiche sind, sondern der pich gerade auch an den politischen Nöten und Aufgaben seines Volkes zur Bewährung seines Glaubens aufgerufen weiß, stellt sich die Judenfrage nicht als Rasseprcblem und nicht als Konfessionsproblem dar, sondern sie erscheint ihm unter einheitlichem religiös politischem Aspekfc. Gewiß kann er nicht an der Tatsache vorübergehen, daß hier Teile eines fremden Volkstums von starker Besonderheit und außerordentlicher Kraft der Selbsterhaltung in den deutschen Volkskörper eingesprengt sind und den Prozeß der nationalen Integrier u n g und Ausprägung des deutschen Volkes einfach schon damit erschweren. Aber er wird sich auch sagen, daß diese völkische Problematik solange nicht zu existieren brauchte, als der Staat in sich die Kraft und Weite besaß, auch Teile eines fremden Volkstums von der Konsistenz des Judentums mit zu umfassen und positiv für sich zu gewinneu, ohne seine geschichtliche Eigenart damit zu gefährden. Anders wird diese Situation in dem Augenblick, wo die Volksgrundlage in Gärung gerät und die Gewinnung einer neuen nationalen Existenzform politisch so vordringlich und ausschließlich Avird, daß auch der Staat zunächst völlig in diese Aufgabe hineingezogen wird. Geht man wesentlich von dieser völkisch politischen Situation aus, und sieht von hier die völkische Andersartigkeit und öffentliche Eintlußkraft der Judenheit in solcher Schärfe, wie es heute geschieht, so ergibt sich tatsächlich ein politisches Judenproblem, das mit den alten Methoden der Assimilation und staatsbürgerlichen Einordnung nicht ohne weiteres mehr zu lösen ist. Aber auch bei aller Vordringlichkeit des nationalen Gestaltungsprozesses und der durch seinen revolutionären Elan bedingten einschneidenden Liquidierung bisheriger Rechtslagen und Entwicklungsvorgänge, findet die Lösung des Judenproblems ihre bindende Grundlage in dem Tatbestand, daß es sich hier \im eine, wenn auch besondersartige Gliedgruppe in dem geschichtlichen Schicks aisring des deutschen Volkes und seines Staatswesens handelt, und daß gemeinsame Geschichte, gemeinsames Schicksal verpflichtet. Aber dieser aufgezeigte Gesichtspunkt darf dem Christen für seine Einstellung zur Judenfrage nicht geniigen. Für ihn steht im Vordergrund seines Blickfeldes das jüdische Volk als geschichtlicher Träger einer die Zeiten und Völker überquerenden \md sie immer wieder aufrüttelnden einzigartigen religiös-politischen Haltung. An deren Bestand und Wirkungskraft aber hat der Christ gerade aus politischer Verantwortung für Volk und Staat ein zentrales Lebensinteresse, das in den gegenwärtigen politischen Umwälzungen seine besondere Spannung und Verantwortlichkeit gewinnt. Nun sind zweifellos an das Judentum in der Neuzeit zwei gefährliche Versuchungen herangetreten, deren Einbruch es weithin seine derzeitige innere und äußere kritische Situation verdankt. Da ist einmal der Liberalismus als Weltanschauung. Er hat zwar den Juden die gesellschaftliche und politische Befreiung und Eingliederung gebracht, hat aber dafür den Preis gefordert und teilweise erhalten, daß die geschichtliche Position des Judentums als religiös g e f o r m - tes Volkstum im Leibe der Völkenvelt, als „Pfahl im Fleisch" der Völker, eingeebnet wurde durch eine eigenwillige Vorwegnahme und Verweltlichung der Messianisehen Verheißung des Reiches. Das Ergebnis war eine liberale Internationalität und ein Ersatz der Tora als Lebensgesetz durch eine allgemeine .humanitäre Ethik. Für diesen Prozeß sind die betreffenden jüdischen Kreise gewiß nicht allein haftbar zu machen. Aber er zeitigte bei den Juden, eben als Abfall vom gläubigen Volkstum, seiner geschichtlichen Berufung und Aussonderung, besonders stark wirkende negative Folgen. Diese spezifischen Formen liberaler Auflösung im Judentum, nicht das Judentum selbst, waren wohl zunächst in den Gegenaktionen der jungen antiliberalen xmd nationalen Bewegungen gemeint, wenn wir von dem hypertrophen Umschlag des völkischen Gedankens in die Rassenfrage absehen.. Nicht Rasse aber, sondern Volkstum gibt den Juden ihr Gepräge. Die zweite Gefahr, von der zu sprechen ist, schließt an die erste an und hängt mit dem Umschlag der liberalen Epoche des neunzehnten Jahrhunderts in eine zunehmende „demokratische" Politisierung der Gesellschaftsmächte zusammen. Dieser Vorgang brachte nämlich ein starkes Auftreten jüdischer Führer, insbesondere Intellektueller, an der politischen Front der gesellschaftlichen Gruppen: im Kampf um die staatliche Macht. Solange und soweit Juden im neunzehnten Jahrhundert sich führerisch in der sozialen Bewegung, als Kämpfer für eine sozial gerechtere Gesellschaftsverfassuing, einsetzten, war der Zusammenhang mit dem echten Erbe des jüdischen Volkes immerhin, wenn auch oft verweltlicht, gewahrt. Wesenhalt anders aber wurde es damit, als machtpoli tisch er Wille und Mebhode Platz griffen und in den Kampf um maßgeblichen staatlichen Einfluß eingesetzt wurden. Das ist ein Vorgang, in dem ein verhängnisvoller Abfall nicht nur von der religiös-politischen Idee des Judentums, sondern von seinem Lebensprinzip und wesenhaften Auftrag geschah: von seinem Auftrag nämlich, inmitten der natürlichen und bewußt gebildeten Nationen und Staaten als ein theo k ratisch berufenes und geprägtes Volk ein lebendiger Gewissensstachel gegen staatliche und nationale Selbstvergottung zu sein. Die Abwehrbewegung gegen das Eindringen der Juden in die staatlichen Machtpositionen wird damit, bei allem Vorbehalt gegen die angewandten Methoden und ihre Träger, innerjüdisch gesehen, zu einem sehr ernsten Gericht für das Judentum. Aber dieses Gericht geht im Juden auch den Christen an, der mit dem jüdischen Volk durch Gebot und Heilsgeschichte unlösbar verbunden ist: nur deshalb durfte hier davon gesprochen werden. Denn es ist für das religiös-politische Ethos der Christen heute mehr denn je von zentraler Bedeutung, daß Israel als einzigartiges Beispiel eines Volkes, das seine Volkheit einzig dem Bund mit Gott verdankt und nur in diesem Bund seine leibhafte Volkheit — auch in der räumlichen Zerstreuung — hat, gegenwärtig und wirklich ist. Geht es doch entscheidend darum, daß die europäische Völkerwelt im Aufbruch aus dem Zustand der Erkrankung ihrer Volkskräfte und aus dem Zustand der Künstlichkeit der modernen gesellschaftlichen Lebensformen, den Ruf zur Umkehr nicht überhöre und der nationalen Vertrotzung und staatlichen Selbstherrlichkeit entgehe. An diesem geschichtlichen Entscheidungspunkt, an dem es darauf ankommt, daß die Völker in ihrem nationalen Aufbruch Gericht und Umkehr als r e 1 i g i ö s-p o 1 i t i s c h e n Anspruch erfahren — an diesem Entseheidungspunkt ist gläubiges jüdisches Volk der unentbehrliche Zuchtmeister ehr istlich-prophetischen Wirkens in die politische Welt hinein. Denn die Christen, besonders auch die deutschen Christen, unterliegen leicht der Gefahr, einem Dualismus von schlechthin profaner Welt mit ihren eigenen Gesetzen und schlechthin jenseitiger Erlösungswolke zu verfallen. Nur ein Judentum, dessen Politik unter dem Anspruch der Herrschaft Gottes geschieht, .nur ein im biblischen

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