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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-01-01 · 5 (1.1933) · p. Seite 136

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
5 (1.1933)
Date
1933-01-01
Page
Seite 136 (sequence 26)
Language
German
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Seite 136 zu führen Tiat. Dieser Kampf geht durch den ganzen Alltag. Ob wir darauf bedacht sind, unsere staatsbürgerlichen Rechte zu wahren, ob wir um einen Arbeitsplatz kämpfen, der uns wegen unserer Zugehörigkeit zum Judentum genommen werden soll, ob wir uns gegen die Gefahren des geschäftlichen Boykotts wehren — diese Frage soll wegen ihrer außerordentlichen Bedeutung noch in einem besonderen Aufsatz behandelt werden —, immer gilt es. den Grundsatz der rechtlichen Gleichheit aller Deutschen vor dem Gesetz in der Rechtswirklichkeit durchzusetzen. Verzichten wir auf die Rechtsausübung, so verkümmert unser verbrieftes Recht. Das Recht muß sich im Alltag voll bewähren. Nur im Kampf wird aus dem formalen Recht "ein lebendiges Recht, aus der verbrieften Gleichheit eine wirkliche Gleichheit. D r. Richard M a i n z e r Worum jüdische Jugend ringt Diskussionsbeitrag zur Augustnummer von „Jugend und Gemeinde" Die Jugend soll zu Worte kommen, das ist gut. Aber die Jugend, der man ein Podium gibt, soll keine starren Parteidogmen herunterleiern, soll nicht rezitieren, sondern sagen, was sie wirklich denkt und Avas sie bedrückt. Verwirklichungen wollen wir sehen. Statt dessen hören wir in der Augustnummer dieses Blattes fast nur da capo-Uebungen, die erstens nur zu Deklarationen ad infinitum führen, zweitens nicht aufzeigen, um was jüdische Jugend w i r k 1 i c h ringt. Jüdische Jugend ist brotlos, und noch mehr; sie ist hoffnungslos. Nicht alle sind brotlos, doch hoffnungsvoll kaum einer. Und der Mensch, der fremde Not nicht wie eigene empfände, gehört nicht mehr zur Jugend, zur jüdischen erst recht nicht. Und darum kann man sagen: d i e jüdische Jugend ringt ums nackte Leben, ums tägliche Brot. Ist das zu kraß ausgedrückt? Dann lest einmal den erschütternden „Bericht an eine Fürsorgestelle" im Isr. Familienblatt vom 28. 7. 32. Herr „Freudenheim" — so heißt dieser Jude dort — hat das schlimmste Leid, das ein Mensch überhaupt haben kann, er hat keinen Weg. „Er hat nicht nur nichts zu tun, er hat auch nichts zu hoffen." Und — es muß einmal brutal herausgesagt werden •— eine jüdische Richtung oder Partei oder wie man es sonst nennen mag, die nicht imstande ist, Herrn Freudenheim eine Antwort zu geben, einen Weg zu zeigen, ihn wieder hoffen zu lassen, ist eine Unjüdischkeit, eine Unmöglichkeit. Es gibt aber Zehntausende von Freudenheims in unserer jüdischen Jugend. Und nun kommt man diesen Freudenheims mit Diskussionsabenden, Schulungsstunden und Rednerkursen. Welchem Arbeitslosen hilft eine wissenschaftliche Analyse seines Elends? Glaubt man, daß eine Diskussion ürJer die „Stellung der deutschen Juden als Deutsche" auch einem einzigen Mensehen einen Ausweg zeigt, wo doch jeder weiß, daß zwar unsere Stellungnahme, nicht aber unsere effektive Stellung von uns wesentlich abhängt. Werden die Freudenheims davon satt oder auch nur hoffnungsvoll werden? Wir wollen nicht ungerecht sein. Angestelltenheime, Speisehallen usw. können etwas bedeuten, wenn sie zum geschlossenen System einer ..Hilfe durch Aufbau" gehören und nicht nur über ein graues Heute zu einem ebenso grauen und auswegslosen Morgen helfen, an dem die Menschen wieder vor dem Nichts stehen. Hilfen, die einen Ausweg vortäuschen, in Wirklichkeit versperren, sind nicht im Motiv, aber im Effekt grausam. Jugend will endliche Hilfe, nicht dauernde Unterstützung, will arbeiten. Die Jugend, die wirklich ringt, — nicht die saturierte, sondern diejenige, die den Hunger fühlt oder mitfühlt —, lacht, wenn man als Ziel ihres Ringens „Deutschpolitischen Kampf und jüdische Vertiefung" hinstellt. Jüdische Vertiefung, o ja, wenn sie sich bewußt ist. daß im Judentum nicht das Lernen, sondern die Tat dominiert. Doch da steht ja etwas von „Umwandlung der potentiellen Energie des jüdischen Seins in eine virtuelle". Irre ich mich? Folgen diesem Satze bald die notwendigen „Ausführungsbestimmungen", so muß ich vielleicht meine Vorwürfe zurücknehmen. Bis dahin aber: Davon, was bisher gesagt wurde, wird niemand satt und darum ringt die jüdische Jugend nicht. Jüdisch-liberale Jugend ringt auch nicht um Formen und Riten. Selbst der Orthodoxie haben diese Fragen niemals Kopfzerbrechen gemacht, sondern für Liberale wie Orthodoxe ruht das Schwergewicht der jüdischen Religion eindeutig auf den Gesetzen. Das sozialste Gesetz bleibt aber wertlos, wenn es nicht seinen Ort im Leben findet. Das meint die Jugend. „Auf jenen Urtext der Bibel zurückgreifend neues Judentum aufbauen?" Meint eine so gewaltige Formel vielleicht die Fragen von Halsbandtallit und der Rangordnung des Aufrufens? Was ist mit „Tiefe der Urgedanken" eigentlich gemeint? Welche Gesetze sind veraltet und wie sollen die neuen heißen? Und welche Anwendung im Leben (denn Riten gestalten nicht das Leben) sollen sie finden? Jedenfalls: Jugend ringt nicht um neue Ornamente. Die Freudenheims werden jubeln, wenn sie hören von „neu zu schöpfen und aufzubauen", und enttäuscht in die alte Hoffnungslosigkeit versinken, wenn man ihnen statt Taten vielleicht einen veränderten Schmone- Essre-Text bietet. Ringt eine Jugend wirklich um solche Formfragen, dann versteht sie weder die Forderungen der Zeit, noch des Judentums. Das ist das Schibbolet einer jeden Religion, daß sie sich im Leben bewähre, daß sie die menschlichen Beziehungen gerecht ordnend jedem Menschen Lebensraum verschaffe, nicht aber sich in Aeußerlichkeiten erschöpfe. Es ist wahr, der Zionismus schafft eine neue jüdische Wirklichkeit und neuen jüdischen Lebensraum in Palästina, allerdings einen kleinen Raum nur, weil noch ein Großteil der Judenheit theoretischen Haarspaltereien nachhängt, anstatt seine menschlich-jüdische Pflicht zu tun und Juden am Leben zu erhalten. Opferbereite Jugend sieht hier einen Weg. Aber es ist eine Uebertreibung und störende Akzentverschiebung, den Methodenstreit zwischen Poalezionismus und Revisionismus als Kernstelle des Ringens der jüdischen bezw. zionistischen Jugend hinzustellen. Repräsentativ allein, trotz der temperierten Ausdrucksweise und der schildernden, nicht deklarierenden Art — ist die Aeußerung von Dr. Josef Frank. Hier wird endlich einmal eine Theorie und eine Praxis zusammengehörig sichtbar, wird sichtbar, daß jüdische Jugend um Brot und Existenz, um würdige Existenz ringt. Ja, jüdische Jugend ringt um Lebensraum und eine gerechtere Gesellschaft, die vielleicht dem Tüchtigen freie Bahn läßt, aber niemals den Schwachen in den Abgrund stößt. Ausnahmen — satte Außenseiter — bestätigen nur die Regel. Verschieden ist die Jugend nur in der theoretischen Herleitung der grundgleichen praktischen Forderungen, im Wesentlichen der Gesellschaftsgestaltung treffen sich die Orthodoxen, die Liberalen, wie die Sozialisten und Monozionisten. Aber eine jüdische Jugend, die nur um Fassadenänderungen ringt? Sie verdiente nicht die Bezeichnung Jugend, und jüdisch ist ihr Wollen erst recht nicht. Jüdisch ist eine praktische Religiosität, die sich äußert in wirtschaftlicher Solidarität. Können die „Urgedanken" der Bibel anders verstanden werden? Das bedeutet vielleicht nicht einen alljüdisehen Wirtschafts verband, aber sicher einen wirtschaftlichen Hilfsverband, der überall eingreift, wo jüdischer Lebensraum geschaffen oder verteidigt werden muß, sei er sporadisch oder geschlossen, sei es in Deutschland, Polenj Palästina, Amerika oder irgendwo. Ein oberster jüdischer Wirtschaftsrat muß erstehen. Ratschläge allein aber helfen heute ebenso wenig wie nur memorierte Moralprinzipien, wirtschaftliche Mittel sind nötig. Und so und nicht anders kann sich unser Judensein erweisen, indem diejenigen, die noch nicht mittellos sind, Geld und evtl. auch Werte anderer Form zur Verfügung stellen, schenkend und leihend, damit durch Umsiedlungen und Umschichtungen jüdischen Menschen wieder Existenzen gegeben werden, die sich selber tragen und erhalten. Issi Bayer Aus der Arbeit der Jugendkommission. Am 13. Oktober traten die Führer sämtlicher Jugendorganisationen zur Neuwahl ihrer Vertreter in der Jugendkommission zusammen. Gewählt bezw. wiedergewählt wurden: Edith Falk, Georg Gufchmann, Ernst Holzer, Helene Kahn, Josef Klibansky, Kurt Löwenstein. Die Führerversammlung besprach ausführlich die verschiedenen Arbeitsgebiete und machte z. T. Vorschläge, mit denen sich die Jugendkommission inzwischen beschäftigt hat. Insbesondere bleibt das Heim der erwerbslosen jüdischen Jugend im Mittelpunkt des Interesses: es soll weiter ausgebaut werden. Die Vorarbeiten zur Errichtung des FAD. sowie die Zurverfügungstellung des Turnsaals des Philanthropins für die Sportbünde werden denklich in Bälde erfolgreich durchgeführt werden. Als neues Arbeitsgebiet soll systematisch die Heranziehung zuziehender Jugendlicher in unsere Organisationen und die Wiedergewinnung von aus der Gemeinde ausgetretenen Jugendlichen versucht werden. Die Jugendkommission beschloß ferner, in die Zentraljugendbehörden in Stadt und Provinz offizielle Vertreter zu entsenden. — In einer Jugendversammlung sprach Rabb.-Kand. Dr. Vogelstein im Auftrage der Jugendkommission über „Rabbiner und Jugend". E. H. Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Holzer in Frankfurt a. M.

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