Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 4 (12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 98 (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 98 Gedenkstunde für Franz Rosenzweig Das Freie Jüdische Lchrhaus veranstaltet wie alljährlich zur Jahrzeit für Franz Rosenzweig eine Lernsinnde unter der Leitung von Prof. Dr. Martin B u b e r. Gegenstand des Lernens sind in diesem Jahr zwei Bileamsprüdie (IV. B. M. Kap. 25, 18—24 und Kap. 24, 3—9). Die Lernstunde findet Dienstag den 6. Dezember abends 8.15 Uhr pünktlich im jüdischen Jugendheim, Esdiersheinier Landstraße 65. II. statt. Arnold-Lazarus-Halle Die unter dem Namen Jüdische Tuynliec ha 1 1 e im Vorjahr wieder eröffnete gemeinnützige Einrichtung begann das Winterhalbjahr in dem ihr von der Israelitischen Gemeinde zur Verfügung gestellten Raum Königswarterstrafie 24 mit einer schlichten Gedenkfeier für ihren heimgegangenen Vorsitzenden und Mitbegründer Rabbiner Dr. Arnold Lazarus, dessen Namen sie in Zukunft führen soll. Herr Julius Bloch überbrachte die Grüße des Gemeindevorsfandes, worauf Herr Rabbiner Dr. Salzberger, der vorläufig den Vorsitz übernommen hat, mit warmen Worten der Persönlichkeit und des Wirkens seines \orgängers im Amt gedachte. Für die Bne-Briss-Logen sprach der Präsident der Frankfurt-Loge. Herl J. B. Levy, für die Loge ,,Zur aufgellenden Morgenröte" Herr Dr. Rosenmeyer, für die Besucher Herr E. Tischler. Die bei aller Schlichtheit besonders stimmungsvolle und würdige Feier, um deren Gelingen sich die Herren Oberkantor Saretzki und Organist Würzburger, sowie die Pianistinnen Alice Rosenbaum und Frau Arndt mit schönen Gesängen und Klaviervorträgen verdient machten, hinterließ bei den zahlreichen Zuhörern einen starken und nachhaltigen Eindruck. Den anwesenden Angehörigen des heimgegangenen Rabbiners mag diese Weihestunde ein Beweis dafür gewesen sein, wie stark auf einem heute besonders wichtigen Gebiet die Persönlichkeil von Arnold Lazarus s. A. fortwirkt. Franz Werfel spricht Noch verlockender als über diesen Vortrag zu berichten wäre es, den Ursachen nachzugehen, die am Nachmittag des 27. November den großen Raum der Westendsynagoge mit annähernd 2000 Menschen bis unters Dach füllten. Welcher Prediger, nicht nur bei den Juden, könnte sich solcher Anziehungskraft rühmen? Dabei ist der Zweifel gestattet, ob eine ebenso große Menge gekommen wäre, wenn Werfel etwa aus seinen schönen Dichtungen vorgelesen hätte. Also führt wohl eine im Zeitgeschehen (früher hätte man „Zeitgeist" gesagt) wurzelnde Querverbindung von der Problematik der modernen Kanzelrede und dem ewig menschlichen Bedürfnis nach Ansprache zu dem berühmten Dichter und seinem Thema ,,K ö n n e n wir ohne Gottesglauben lebe n''? Der erste Teil der mit größter Spannung angehörien Rede war eine Abrechnung mit den Götzen unserer Zeit, die ihre Wunden hinter dicken Verbänden von Weltanschauungen und Ideologien verbirgt. Nach einem kurzen Seitenhieb auf die Gottlosenbewegung mit ihren Muckern und Pfaffen wandte sieh Werfel zu der entscheidenden, wahrhaft weltbewegenden Frage, warum die europäische Menschheit zu einem großen Teil dem Materialismus verfallen ist, und unternahm es, sie auf eine sehr greifbare Weise zu klären: er stellte mit der Kraft dichterischer Anschauung und Gestaltung, in einer auch sprachlich oft blendenden Analyse, den Lebensweg eines Durchschnittsmenschen unserer Zeit vor uns hin. Die verschiedensten Einflüsse formen das Weltbild dieses Kleinbürgers. Seine Welt ist identisch mit dem. wa> seine Sinne wahrnehmen, sie ist nichts als Stoffwelt, und die Aufgabe ist. das Leben möglichst von Leiden freizuhalten. Für diesen im Groftstadtmenschen verkörperten Typus des „naturalistischen Nihilismus" gibt es nur das eigne kleine, geliebte Ich, das ihm aber mit den Jahren immer mehr als eine Kette depressiver Zustände zum Bewußtsein kommt. Seine beiden Söhne haben sich — da man nun einmal einen Glauben haben muß — dem Kommunismus und Nationalsozialismus verschrieben. Beides Religionsersatz, jener von dem Dämon „Wirtschaff (Albert Schweitzer nennt das die „soziale Magie unsrer Zeit"), dieser von dem argumentlosen Taumel des Nationalismus besessen, beichfreilich im Gegensatz zum Vater bemüht, ihrem Leben einen höheren Sinn zu geben. Es kommt so weit, daß man die Welt vor Menschen nicht mehr sieht, der Raum wird zum Lokal, die Zeit zur Arbeitsstunde, die Großstadt und nicht das Kloster wird Stätte der Weltflucht. Aus diesem ewigen Nichts, das nur auf seine eigene zeitliche Sicherung bedacht ist. führt als einziger Weg die Selbstbesinnung, daß auch der Unglaube nichts als „verkehrter" Glaube ist. daß es gilt, sidi zur Gläubigkeit zurückzufinden, die übrigens auch vor der Wissenschaft — der Phvsik wie der Psychoanalyse — zu bestellen vermag. Nur hier wird das Ich nicht durch den Tod vernichtet, sondern „aufgehoben", d. h. aufgelöst, geborgen, erhöht. Der Weg ist jedem offen, denn jeder Mensch hat die Möglichkeit, aus dem Schutt seines Tagewerks für eine Stunde in die Einsamkeit zu entrinnen, zu seinem wahren Ich vorzudringen. Nur dort kann er sich vom Geschrei der Plakate freimachen, dort wird er den Widersinn erkennen, den alle moralischen und sozialen Forderungen bedeuten müßten, wenn das Leben wirklich nur den Kampf um das Nützliche zum Inhalt hätte. Nur die überzeitliche Fortwirkung kann das zeitliche Leben sinnvoll machen und eine gerechte Lebensordnung herbeiführen. Die hier nur in Andeutungen wiedergegebene, sehr weit ausgreifende Rede hatte ihre Bedeutung vor allem darin, daß sie einigen der populärsten und zugleich verhängnisvollsten Schlagwörter auf eine nicht alltägliche Weise die Maske herunterriß und viele Zuhörer, alte und junge. Juden und Nichtjuden, zum kritischen Nachdenken herausfordern mußte. An diesem Verdienst des Redners hat auch der veranstaltende „Verein Westendsynagoge" sein rühmliches Teil, ebenso Frau Annie Steiger- Ret/.ak. deren warmer Geigenton die Weihestunde verschönte. M. Josef Kastein spricht am l\ Dezember in der Ortsgruppe des Jüdischen Frauenbundes über „Die Juden in Holland zur Zeit Spinozas". Näheres durch die Tageszeitungen. Verein Hauptsynagoge. Am 20. November sprach Herr Rabbiner Dr. Salz berger in der voll besetzten Hauptsynagoge über „Die Geschichte der Frankfurter J u d c n g a s s e'". Der Vortrag war von musikalischen Darbietungen umrahmt, für die sich Frau Marianne Strauß (Geige), sowie die Herren Oberkantor Saretzi (Gesang) und Rudolf Schlicht (Orgel) zur Verfügung gestellt hatten. Die Baalsehem-Bilder von Rosy Lilienfeld Eine bemerkenswerte Veranstaltung fand am 8. November im Gemeindesaal der evangelischen Petersgemeinde statt. Vor einer zahlreichen, aus Frauen und Mädchen der Gemeinde bestehenden Zuhörerschaft sprach die bekannte Kunstmalerin Mathilde Battenberg, eine Tochter des verstorbenen Pfarrers der Gemeinde, über die Baalschem-Bilder von Rosy Lilienfeld, die vor kurzem im Kunstgewerbe-Museum ausgestellt waren und berechtigte Beachtung fanden. Mt starker künstlerischer und menschlicher Finfühlungskraft verstand es die Vortragende, ein tief bewegendes Bild von der seltsamen Welt zu geben, in die sich die Künstlerin mit inbrünstiger Liebe versenkt hat. Der Vortrag wurde zu einer Weihestunde eigener Art. Konservativ Jüdischer Jugendverein Der Verein begann seine diesjährige Winterarbeit mit einem Reisebericht des Herrn Hacker aus Wien über seine Fahrt durch Spanien, Marokko und Portugal. Seine interessanten und spannenden Ausführungen fesselten die zahlreich ersdiienenen Zuhörer in größtem Maße. Den Abend eröffnete Herr Akiba Hoffmann, der die Anwesenden begrüßte; am Schlüsse dankte der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt J. Klibansky, dem Redner und forcierte die Anwesenden zur eifrigen Teilnahme und Mitarbeit an den folgenden Veranstaltungen auf. Der Verein sieht für die Wintermonate Arbeitsgemeinschaften zur Aussprache über religiöse und weltanschauliche Fragen, Arorträge, Sprachkurse und gesellige Veranstaltungen vor. Verein zur Aussteuerung hiesiger israelitischer Bürgerstöchter E. V. Der im Jahre 1790 gegründete Verein ist wohl eine der ältesten Frankfurter jüdischen Wohlfahrtseinrichtnngen. In den vielen Jahrzehnten seines Bestehens hat der Verein in zahlreichen Fällen wesentlich mitgeholfen, weniger bemittelten Bürgerstödilem ihre Verheiratung zu ermöglichen. Alljährlidi vergibt der Verein aus den Erträgnissen des vergangeneu Jahres eine Aussteuer erster Klasse und je nach seinen verfügbaren Mitteln mehrere Aussteuern zweiter Klasse. Aus den Erträgnissen von 195.1 wurden Anfang d. J. eine Aussteuer erster Klasse von RM. 400 0.— und sieben Aussteuern zweiterKlasse von je Rm. 40 0.— bedürftigen Mädchen zuerteilt. Satzungsgemäß wird die Aussteuer erster Klasse nur unter den Mitgliedern verlost: das Mitglied, dessen Beteiligungsnummer gezogen wird, gewinnt das Redit, das Mäddien zu bestimmen, dem die Aussteuer überwiesen werden soll. Zur Bewerbung um die Aussteuern zweiter Klasse ist jedes jüdische Mädchen, das den Bestimmungen der Satzung genügt, ohne irgendeine Zahlung zugelassen. Das Los entsdieidet hier unmittelbar, wer die glücklidien Gewinnerinnen sind. Deshalb sollten Eltern und alle, die für die A'erheiralung eines Mädchens Sorge tragen, nidit versäumen, dem Verein als Mitglied beizutreten. Die Verlosung der Aussteuer erster Klasse aus 1952, die voraussidit- Jidi wieder RM. 4000.— beträgt, wird im Februar 1953 stattfinden. Die Aufforderung zur Bewerbung um Aussteuern zweiter Klasse wird erst im März n. J. erfolgen. (Siehe auch Anzeige.) Freiwillige Sanitätshauptkolonne vom Roten Kreuz Am Dienstag, den 27. Dezember, findet im neuen Keglerneini, Wingertstraße 29, die diesjährige Weihnachtsfeier statt. Die Sanitätskolonne leistet seit mehr als 50 Jahren im Interesse der Gesamtbevölkerung und ohne jede politisdie oder konfessionelle Tendenz wertvollste gemeinnützige Arbeit. Karten zu der Feier sind zum Preis von RM. 0.50 bei Herrn Harry Weiß. Neue Mainzer Straße fi8. zu erhalten. Kohlen Koks Briketts Bockenheimer Landstraße 19 Spezialität: la Ruhrzechenkoks f. Zentralheizungen Maingau Sammelnummer 78141 Kohlenhandelsaesellschaft m. b. H.