Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 3 (11.1932)
- Date
- 1932-11-01
- Page
- Seite 63 (sequence 9)
- Language
- German
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Seite 63 diese Behaijuden in Wirklichkeit in dem großen religiösen Chaos Persiens einfach unter. Nur in letzter Z»2it kehren manche von ihnen zum Judentum zurück und versuchen mit Hilfe ihrer behaistischen Ideale eine Art jüdische Reformbewegung zu inaugurieren, ein geistesgeschichtlich bemerkenswerter Prozeß, der jedoch noch ganz in den Anfängen steckt. In Teheran hatte ich mehrmals Gelegenheit mit jüdischen Behaianhängern zusammenzukommen. Sie veranstalteten für mich einen Diskussionsabend, wobei sie gewiß im stillen hofften, mich für ihre Ideen gewinnen zu können. Diese Begegnung war für mich insofern außergewöhnlich interessant, als ich ihr einen direkten Einblick in diese merkwürdige Welt der Behaijuden verdanke. Viele finden in dieser Bewegung ihr neues Lebensideal und sehen in ihm etwas viel Herrlicheres als jenes in Persien in der Tat erstarrte, formalistische Judentum, das sie ihre Mullas (Rabbiner) gelehrt haben und das ihnen auch die moderne Allianceerziehung nicht lebendiger zu gestalten verstand. Sie werden von der antiritualistischen Einstellung der Behailehre angezogen, streifen den positiven Glaubensinhalt ihres Judentums völlg ab und werden schließlich Freigeister, irreligiöse Rationalisten. Gewiß, hätte das persische Judentum im letzten Jahrhundert geistig hochstehende Führer gehabt, hätten die Rabbinen und Schulen ein Judentum gelehrt und betätigt, das von abergläubischen Vorstellungen, leerem Formalismus und mittelalterlichen Sehlacken frei gewesen wäre, hätte man den wahren Sinn des Judentums, seine Ethik, seine Gottesvorstellung, seine Messiasidee, seine nationalen Hoffnungen, seine Leistungen für die Weltkultur ins rechte Licht gesetzt, so hätten, wir wohl nicht von „Behaijuden" zu reden. Hier rächt sich eine falsche Erziehungsmethode aufs bitterste. Es muß gesagt werden, daß die Behaibewegung auch heute noch nicht ihre Wirkung auf die persischen Juden eingebüßt hat. Zwar haben die 60 000 Juden in Persien durch das Regims des neuen Schah Riza Khan Pehlevi staatsrechtliche Gleichberechtigung erlangt und unterliegen nicht mehr mittelalterlichen Einschränkungen, so daß viele Lehren der Behaibewegung" ihre Wirkung auf die Juden verloren haben. Die innere Not der persischen Juden ist aber so groß, daß abgesehen von der christlichen Mission auch der Behaismus noch immer Erfolge hat. Die Ursachen für diesen Tatbestand können hier nicht mehr auf gedeckt werden. Klar ist jedenfalls: der Zersetzungsprozeß innerhalb der persischen Judenheit ist zu deutlich, als daß länger gezögert werden sollte, an die Lösung des Problems, das im Grunde ein Erziehungsproblem ist, heranzugehen. Was not tut, ist kein Scheinjudentum, keine Assimilation ans Christentum und keine an irgend eine islamische Reformbewegung, sondern nur die Assimilation der persischen Juden ans Judentum. Zwölftausend Tote Von Steffen Kann Vorsitzender des Landesverbandes Südwestdeutschland des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Kein Vorwurf ist dazu angetan, die Seelen mehr zu vergiften als der, daß eine Gemeinschaft innerhalb des deutschen Volkes in der schwersten Zeit des. Vaterlandes sich geweigert habe, das größte Opfer für die Allgemeinheit zu bringen: das Opfer des Blutes. Tatsächlich ist dieser Vorwurf gegen die jüdische Gemeinschaft während des Krieges erhoben worden; er wird täglich von neuem gegen uns erhoben. Ob man durch die großen. Ebenen Flanderns geht, die ehedem Kampfgebiet waren, ob man in den Vogesen einsame halbvergessene Friedhöfe aufsucht, ob man in polnischen Wäldern dem Weg des Krieges folgt oder in den Dolomiten halbverwehten Kreuzen begegnet, immer findet man durch die Aufschrift auf den Gräbern das Zeugnis, daß ein Cohn oder ein Levy inmitten. seiner Kameraden die Treue zu seinem Lande mit seinem Leben besiegelt hat. Und wenn man den großen amerikanischen Militärfriedhof in Roinagne an der Maas besucht, dann sieht man auffallend viele Gedenksteine mit dem Schmuck des Davidsterns an Stelle des Kr.euzes, die beweisen, daß unter dem Stein ein Mann ruht, der dem jüdischen Glauben angehört hat. Niemandem wäre es wohl ohne die völkische Hetze eingefallen, auf einem solch schweren Wege zu fragen, ob wohl jedes hundertste dieser Kreuze beweist, daß der Prozentsatz der gefallenen Juden der Zahl der anderen Schicksalsgenossen entspricht, so wenig wie man gemessen hat, ob jeder Hundertste ein Lehrer, jeder Fünfhundertste ein Drechsler und jeder. .Tausendste, der dort den ewigen Schlaf schläft, ein Richter - gewesen ist. Das Opfer jedes Einzelnen, der nicht heimgekehrt ist, ist zu groß, als daß man das Recht hätte, Maßstäbe anzulegen oder Prozentsätze nachzurechnen. Längst weiß man zudem aus den amtlichen Statistiken, daß der Prozentsatz der Gefallenen, verschieden war, je nachdem es sich um rein landwirtschaftliche Gebiete handelte oder nicht, daß die verschiedenen preußischen Regierungsbezirke, prozentual auf die Zahl der Einwohner umgerechnet, Blutopfer in verschiedener Höhe gebracht haben. Man weiß aus der amtlichen Statistik, daß Kreise besonders hohe Opfer gebracht haben, die einen hohen Prozentsatz an Infanterie-Offizieren zählten, und daß die Berufsstände mit prozentmäßigen Unterschieden unter dem Kriege gelitten haben; daß mehr Schmiede gefallen sind als Büroschreiber., mehr landwirtschaftliche Arbeiter als Polizeibeamte, die man in vielen Fällen in der Heimat benötigte. Niemand hat deshalb den Bewohnern des einen oder anderen Regierungsbezirkes oder den Angehörigen einer besonderen Gemeinschaft Vorwürfe gemacht. Es blieb der völkischen Gesinnung vorbehalten, über das Grab hinaus gehässige Vorwürfe zu erheben, um für einseitige politische Tendenzen die Unterlagen zu liefern. Die Zahl der deutschen Juden entsprach ungefähr der Zahl der Einwohner :der Stadt München vor dem Kriege. In der Ruhn.e?halle, die die Stadt München ihren gefallenen Söhnen gewidmet hat, stehen zwölftausend Namen verzeichnet. Wenn man also die jüdische. Gemeinschaft zwang," mit innerstem Widerstreben auf die Zahl ihrer Toten hinzuweisen, so brauchte man zur Abwehr nur darzutun,' daß wir nicht weniger Opfer gebracht haben als die Stadt München. Diesen Nachweis hat das deutsche Judentum Ziffern- und jetzt auch urkundsmäßig gebracht. Der Reiehsbund jüdischer Frontsoldaten hat nunmehr — vierzehn Jahre nach dem Kriege — das Gedenk buch der jüdischen Gefallenen veröffentlicht; es liegt vor und spricht in der kalten Aufzählung der unendlich vielen Namei: mehr als alles andere für den Opferwillen der deutschen Judenheit und gegen die Hetze der Nationalsozialisten. Wer jetzt die Wahrheit erkennen will, der kann sie erkennen, und zwar aus dem amtlichen deutschen Material. Diejenigen, die sie nicht wissen wollen und deren Parteiprogramm und Agitation auf Gesehichtsfälschung und Unwahrhaftigkeit aufgebaut ist, werden auch an diesem erschütternden Dokument deutscher Opferbereitschaft vorübergehen. Jeder Frontsoldat erinnert sich mit Beschämung der J u d e n z ä h I u n g im Heere im Oktober 1916. Wenn j?. ein Dolchstoß gegen eine fechtende Truppe oder gegen einen Teil derselben geführt wurde, dann war es diese vom Kriegv liiinisterium durchgeführte Judenstatistik. Jeder Soldat weiß, daß diese Zählung, die später abgestellt wurde, ein Hohn auf jeden statistischen Nachweis war. Je nachdem in erster Linie? der Wachtmeister oder Feldwebel und der Führer der Formation judenfreundlich oder judenfeindlich gesinnt waren, wurde die Antwort auf die gestellten Fragen erteilt. Sie hatte mnen einzigen Vorteil, daß nämlich bereits im Kriege eiß Ausschuß für jüdische Kriegsstatistik ins Leben trat, der unter der verantwortlichen Leitung bedeutender jüdischer Statistiker die Ziffern der jüdischen Gefallenen festzustellen versuchte. Diese jüdische Statistik kam auf eine Summe von ungefähr zwölftausend jüdischer Gefallenen. Sie wurde bekämpft vor* der gegnerischen Propaganda, die einen angeblich nach amtlichen Quellen festgestellten Nachweis der Juden im Heer herausgab, wonach eine außerordentlich geringe Zahl der deutschen Juden gefallen sei; diese Ziffern geben noch heuto die Unterlage für die immer und immer wiederkehrende Verleumdung von der jüdischen Drückebergerei Während de< Weltkrieges. Sicherlich hat es auch Juden gegeben, die aui irgendwelchen persönlichen oder sachlichen Motiven ihre Pflicht weniger erfüllt haben als andere. Aber jeder Kenner der Verhältnisse weiß, daß es in eben demselben Ausmaß in allen Gemeinschaften, politischen und gesellschaftlichen, religiösen und ständischen, ebensoviele Männer gegeben hat — zumal gegen Ende des Krieges —, die ihre Pflicht nicht erfüllt haben. Bisher war es sehr schwer möglich, den völkischen An würfen und Verleumdungen entgegenzutreten, da das amt- Für Körper und Füsse nur DIA12N-PUDER