Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 12 (8.1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 258 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Ludwig Fulda Zu seinem 70. V e b u r t s t a Von Dr. Julius Ment z. Ludwig Fulda, der am 15. Juli sein siebzigstes Lebensjahr vollendete, ist einer der angesehensten deutschen Schriftsteller, der besonders in der realistischen Epoche der Vorkriegszeit eine führende Rolle in der deutschen Literatur gespielt hat, und auch heute noch als einer der ersten Vertreter des deutschen Schrifttums gilt. Schon vor etlichen Wochen hat die Deutsche Dichter-Akademie den 70. Geburtstag ihres Mitgliedes gefeiert. Fulda ist der Sproß einer alten, angesehenen Frankfurter Familie. Sein Großvater mütterlicherseits, Oppenheimer, war der erste jüdische Stadtrat der damals noch freien Stadt Frankfurt am Main. Er selbst sollte zuerst Kaufmann werden, aber schon früh zeigte sich eine hohe sprachliche Begabung, die in ihm den Ehrgeiz weckte, sich auf literarischem Gebiete hervorzutun. Schon als Zehnjähriger verfaßte er Epigramme und dichtete für sein Puppentheater. Reiche Anregung fand er in Frankfurt durch seinen Lehrer, den bekannten Nibelungendichter Wilhelm Jordan. Vorerst studierte er jedoch Germanistik an der Universität Heidelberg, wo der .berühmte Philologe Karl Bartsch und der Philosoph Kuno Fischer seine Lehrer waren. Bartsch veranlaßte den erst 19jährigen, als er seine Begabung erkannt hatte, zur Mitarbeit an den historisch-kritischen Dichter-Ausgaben, die unter Leitung Kürschners erschienen, und seine Studie über die S c h 1 e s i - sehe Dichterschule 'bedeutete eine wissenschaftliehe Leistung von hohem Wert,. die heute noch von den Forschern gewürdigt wird. Nach weiterem Studium in Berlin und Leipzig bestand Fulda im Jahre 1883 sein Doktorexamen in Heidelberg summa cum laude und verlegte 1884 seinen Wohnsitz nach München, wo er im Verkehr mit Paul Heyse und seinem Kreis sein dichterisches Schaffen aufnahm. Nach kurzem Aufenthalt in Frankfurt zog er dann 1888 endgültig nach Berlin, das ihm zur zweiten Heimat wurde. Steil ging von nun an die Kurve seiner Erfolge aufwärts. Seinen ersten dramatischen Versuch „Christian Weise" hatte er schon in der Studentenzeit gemacht, es folgten die Dramen „Die Aufrichtigen", „Das Recht der Frau", „Unter vier Augen", aber sein erster großer Erfolg war das realistische Liebes- und Fabrikdrama „Das verlorene Paradies", in dem eine Agnes Sorma die Hauptrolle übernommen hatte. 1893 erschien dann sein Hauptwerk „Der T a 1 i s m a n", der ihn mit einem Schlage bekannt und populär machte. Dieses Lustspiel, mehr eine Märchendichtung, voll Anmut der Erfindung, reich an schalkhaften Einfällen und meisterhaft in Dialog und Sprachbeherrschung, Avurde im Jahre 1893 für den Schillerpreis vorgeschlagen, jedoch versagte Wilhelm IL, der als König von Preußen die letzte Entscheidung über die Vergebung dieses Preises sich vorbehalten hatte, diesem Vorschlag des Kultusministers seine Genehmigung. Es war dies wohl nur zu begreiflich, denn „Der Talisman" hat als Hauptperson einen Fürsten, dem man einredet, daß er einen Talisman besitze, der jedes Gewand in ein kostbares Kleid verwandle, das nur die Dummen und Schlechten nicht erkennen können. Die schmeichlerische Umgebung bestärkt den Fürsten in seinem Glauben an den Talisman, bis ein kleines Mädchen ihm seine Meinung offen sagt, worauf dann auch die Bürger es wagen, dem Fürsten gegenüber die Wahrheit zu sagen. Nach schweren inneren Kämpfen zieht der Füi-st die Lehre aus dem Vorkommnis, daß er seiner unterwürfigen Umgebung nicht trauen dürfe, und bessert sich. Gewiß hat Fulda nicht gewagt, dem Fürsten die Züge Wilhelms II. zu geben, aber die Gestalt, die in der Handlung begründete Mahnung, war doch deutlich genug, um den König zu veranlassen, das Stück abzulehnen. Im Jahre 1897 erschien das Lustspiel „Die Jugendfreunde", das noch im gleichen Jahre an nicht weniger als 824 Bühnen aufgeführt wurde, und die Komödie „Die Zwillingsschwestern", die im Jahre 1901 sich 604 Bühnen eroberte. Auch im Ausland, vornehmlich in Amerika, wurden seine Stücke gern gespielt, und auch er selbst wurde im Jahre 1906 als Gast der Germanistischen Gesellschaft und Vertreter der deutschen Literatur zu einer Vortragsreise durch Amerika eingeladen, die sich außerordentlich erfolgreich gestaltete. Vor dem Kriege verfaßte er noch an bekannteren Bühnenwerken „Robinsons Eiland", ..Schlaraffenland". „Der heimliche König", „Der Dummkopf", „Herr und Diener". „Oer Seeräuber". Eine ebenso große Berühmtheit erlangte Fulda als Uebersetzer ausländischer Dramen. Ihm verdankt die deutsche Bühne die besten Uebertragungen der Dramen Molieres, Beaumarchais' und Rostands. Als der „Figaro" von Beaumarchais im Jahre 1894 in Berlin aufgeführt wurde, schrieb der bekannte Literarhistoriker Bulthaupt: „Das Stück wirkte mit fast moderner Gewalt" und der Präsident der französischen Republik verlieh ihm in Anbetracht seiner Verdienste um die französisehenDiehter das Kreuz der Ehrenlegion, eine Auszeichnung, die er 1914 bei Ausbruch des Krieges wieder zurückgab. Ludwig Fulda hat in seinem Wirken sich immer als Deutscher gefühlt, als Vertreter deutschen Denkens und deutscher Literatur, aber niemals hat er verleugnet oder nur vergessen, daß er auch J u d e ist. So schrieb er :n einem Briefe an den Berliner Börsen-Courier über „Kultur und Rasse": „Zahlreiche hervorragende deutsche Geister hätten erst weit später bei ihrem Volk Verständis gefunden, wären nicht Juden ihre Entdecker, ihre Apostel gewesen. Ein Jude hat der deutschen Dorfgeschichte neuen Aufschwung verliehen (Berthold Auerbach); Juden haben die moderne deutsche Literaturbewegung gegen den stumpfen Widerstand des deutschen Publikums durchgesetzt: Juden die moderne deutsche Bühnenkunst auf den Gipfelpunkt gehoben. Ein Jude (Georg Brandes) hat die nordgermanisehe Dichtung befruchtet, die entscheidende Wendung Henrik Ibsens nach dessen eigener Bezeugung hervorgerufen, und als der Antisemit Richard Wagner daran ging, durch den Parzival seine deutsche Musik in Bayreuth der Welt zu offenbaren, da erkor er einen Juden zu seinem Dolmetsch (Herrn. Levy), und nun mein persönliches Bekenntnis zum Schluß: Ich bin ein Deutscher jüdischer Abstammung, und wenngleich ich der jüdischen Kirche ebenso fernstehe wie jeder anderen, nenne ich mich mosaischer Konfession, weil man aus einer belagerten Festung nicht weicht. Ob ich ein Dichter bin oder nicht, darüber steht mir selbst kein Urteil zu, und jeder hat das Recht, mir die Begabung abzuerkennen, wer aber bestreitet, daß ich ein Deutscher bin, dem lache ich ins Gesicht." Ludwig Fulda war aber nicht nur ein Dichter, er. war Zeit seines Lebens ein aufrechter Kämpfer, und sein Feldzug gegen das berüchtigte Schmutz- und Schundgesetz, die sogenannte Lex Heinze. den er an der Spitze des Goethe-Bundes führte, zählt zu seinen größten Verdiensten. Als Vorstand des Verbandes der Deutschen Bühnenschriftsteller setzte er es durch, Für Körper und Füsse nur DIAI2N-PUDER