Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 10 (1931-1932)
- Issue
- 9 (5.1932)
- Date
- 1932-05-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde Das Gemeindeblatt erscheint monatlich und wird den Gemeindemitgliedern unentgeltlich durch die Post zugestellt. — Preis der Einzel nummer 50 Pfg. — Anzeigen nach Tarif. — Sohriftleitung und Anzeigenverwaltung: Gemeindehaus, Fahrgasse 146. Fernsprecher: Sammelnummer Hansa 27544. — Postscheckkonto: Frankfurt a. M. 33521. Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblatts nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis gestattet. 10. Jahrgang Frankfurt a. M., Mai 1932 Nr. 9 Die Melodien der drei Wallfahrtsfeste Von Hans Samuel Die Melodien der drei Wallfahrtsfeste bauen sich auf der Grundlage der Sabbat-Melodien auf, die einen freudigeren und festlicheren Aufschwung nehmen und dadurch z. T. wesentlich verändert werden. Dazu kommen zahlreiche Neukompositionen für einzelne Kernstücke des Gottesdienstes und die besonderen Melodien für die Einschaltungen und die auf das Fest bezüglichen Gebete. Doch kann nicht durchweg von einem einheitlichen Stimmungscharakter der Festtags-Melodik gesprochen werden. Dem Inhalt vieler Piutim entsprechend, in denen gleichermaßen idyllische und liebliche Erzählungen wie Lehr- und Heldengedichte einen breiten Raum einnehmen, wechselt auch die musikalische Ausdrucksform stetig. Anmutig pastoralarfcig klingende Weisen stehen pathetisch und heroisch wirkenden Rezitativ-Melodien gegenüber. Wenden wir uns zunächst dem Abendgottesdienst zu. Die traditionelle „Borchu"-Weise, die Sulzer in abgekürzter Form übernahm, könnte in ihrer Originalfassung als „Pastorale" am besten gekennzeichnet Averden; die Melodik hat einen lieblichen, anmutigen Charakter. Im hellen Dur erklingt die Lobpreisung Gottes. Der in der Akzent-Intonation der Thora so typisch absteigende Quartenschritt erklingt umrankt von reichen Tonverzierungen; die melodische Linie steigt im ruhigen Gleichmaß empor, einen Dreiklang in sanft auf- und abwiegenden Terz- und Quart-Intervallen umschreibend. Die Rezitation der Worte „es adonoj" wird zum zentralen Höhepunkt erhoben; die ornamentale, arabeskenartige Umspielung erfährt hier die größte Ausweitung, ist für sich genommen eine Hymne zur Verherrlichung Gottes. Die Wirkung der Dominant-Sphäre ist eine spannende, sehnsüchtige, sie wird hier zum musikalischen Sinnbild des Unendlichen, Unerforschliehen. Der ganze Gesang besteht ans drei Teilen, von denen der erste und dritte korrespondierend sind, der Mittelteil verhält sich zu ihnen schwebend, er verharrt in einer höheren Atmosphäre. Das Borchu-Rezitativ Lewandowskis weist in stark konzentrierter Form noch Teile der traditionellen Melodie auf. Während jedoch bei Sulzer trotz Ausmerzung der Koloraturen noch der anmutig-pastorale Charakter erhalten geblieben ist, ist dieser bei Lewandowskd zugunsten einer kraftvollen Monumentalität völlig zurückgedrängt. In der alten Weise wird der Grundton von langatmigen ornamentalen Perioden umspielt; Lewandowski aber geht von einem machtvollen Fundament von vier Tönen aus. Hier liegt wie .auch in der althergebrachten Weise eine klare dreiteilige Gliederung vor; sie enthält terrassenförmige Steigerungen, die unmittelbar zur Responsion durch die Gemeinde überleiten. In den folgenden Rezitativen formt eine einheitliche Stimmführung das musikalische Charakterbild des Abendgottesdienstes. Wie in der Maariw-Weise der hohen Federtage ist auch hier der ständige Einfluß der Freitag-Abend-Weise deutlich erkennbar. In den feiertäglichen Rezitativen wird das motivische Material der entsprechenden Sabbat-Maariw-Weise verwertet, doch die seelische Grundhaltung und der Rhythmus der Melodik entsprechend dem jeweiligen Festoharakter gewandelt. Macht die Vortragsweise am Freitag-Abend einen friedlich-gemütvollen, die der „jomim nauroim" einen ehrwürdig-erhabenen Eindruck, so ist die der Wallfahrtsfeste festlich bewegt und durch frischere Rhythmik ausgezeichnet. Die eigenartige Moll-Dur-Thematik dieser rezitativischen Variationen, die so vielen echt synagogalen Melodien ihr Gepräge gibt, ist aus einer ursprünglich phrygischen Motivbildung herausgewachsen. Ihr liegt eine modern erweiterte Form der alten-phrygischen Kirchentonart zugrunde. Diese wahrscheinlich aus dem Orient stammende, später von den Griechen übernommene, zuletzt in die Kirchenmusik gelangte Tonleiter setzt sich aus zwei gleichartigen Tongruppen zusammen, die weder Durnoch Molleharakter haben (e f g a h c d e): in der Aufwärtsbewegung rufen sie eine stark erregende und spannende, in der Abwärtsbewegung eine sanft melancholische Wirkung hervor. Später entstand eine Mischbildung zwischen dem alten Phrygiseh und neuartigem, harmonisch fundierten Moll-Dur. In ihr erlangen neben unibestimmten in der Schwebe bleibenden (phrygischen) Schlußwendungen klar und bestimmt wirkende Dur-Elemente gleichermaßen Ausdruckskraft. Polar entgegengesetzte Stimmungen ringen um Geltung: Erhabenheit und Würde mit Ergebenheit und Sanftmut. Die weitgespannte Kantilene des Abend-Rezitativs hat in ihrem Verlauf etwas intensiv Erregendes und Inniges, wozu vor allem die den Höhepunkt bildenden figurativen Sequenzbildungen beitragen. In mannigfachen Varianten der Rezitativ-Weise werden auch z>um größeren Teile die Piutim des Abendgebetes intoniert, während andere nach der alten Borchu-Weise gesungen werden. Besonders volkstümlich sind die für die einzelnen Festzeiten verschiedenen Weisen geworden, die gleichermaßen für „Mi chomaucho" wie für das „Haudu" im „Hallel" und für den Priestersegen gelten. Auch für einige Haggada-Lieder wie „Adir hu" finden wir die entsprechende Pessach-Melodie wenig verändert wieder. Eine seltsame Mischung von anmutiger Beschwingtheit und leichtbetonter Pathetik macht das Wesen dieser Lieder aius. Nur die für das Sukkausfeat bestimmte Weise hat einen in Moll gehaltenen herberen Charakter. Sie ist mit einem alten, nicht mehr gebräuchlichen „Waj'daber"- Rezitativ motivisch verwandt, das wie auch ein besonderes „Kaddisch" und „Jigdal" früher am Pessachabend vorgetragen wurde. Wie im Abendgebet das „Borchu", so bildet zu Beginn des festtäglichen Morgengebetes das „Hoel"-Rezitativ einen