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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1931-09-01 · 1 (9.1931) · p. Seite 15

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
10 (1931-1932)
Issue
1 (9.1931)
Date
1931-09-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
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15 Literarische Rundschau Zur Neuauflage des „Sterns der Erlösung" Von Gerhard Scholem (Jerusalem). Zehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen liegt nun der „Stern der Erlösung" von Franz Rosenzweig in zweiter Auflage vor.*) Während im Text selbst keine Veränderungen vorgenommen worden sind — betrachtete der Autor das Werk ja als ein Ganzes, das keine Teilveränderungen vertrug — so doch in der Aufmachung. Rosenzweig hatte von vornherein eine Teilung des Werkes in drei Bände, entsprechend seinem inneren Aufbau, vor Augen gehabt, und war nur sehr widerstrebend auf die Herausgabe in einem Band eingegangen. Diesmal ist seiner ursprünglichen Intention entsprochen worden. Ich glaube aber doch, vom Standpunkt des Lesers und Benutzers des Buches aus wäre die der ersten Aullage unfreiwillig gegebene Form vorzuziehen, und es scheint mir zweifelhaft, ob nicht auch Rosenzweig, wenn er beide Ausgaben nebeneinander hätte sehen können, seine Meinung zu revidieren bereit gewesen wäre. Viele der Leser, die das Werk intensiver zu studieren beabsichtigen, wenden es -wohl vorziehen, sich ihrerseits die drei schmalen Bände wieder in einen zusammenbinden zu lassen. Im Uebrigen ist die Neuauflage durch die vom Autor selbst stammenden Randtitel und die in seinem Auftrag und nach seinem Plan von Nahum Norbert Glatzer ausgearbeiteten Register und Nachweise vervollständigt. Die Randtitel lassen in. ausserordentlich scharfer Weise die Architektonik im Aufbau dieses Systems, die strenge und dabei doch fast befremdend vielfältige Linienführung, hervortreten. Die Nachweise suchen, (mindestens teilweise, die direkten oder indirekten literarischen Anspielungen zu explizieren, an denen der „Stern der Erlösung'" so reich ist. Freilich, die immerhin nicht -unbeträchtlichen Schwierigkeiten, die dem Verständnis tiefgrabender philosophischer Auseinandersetzungen Rosenzweigs aus seiner ausgesprochenen Neigung zu einem gewissen Purismus in der Terminologie nicht selten erwachsen, sind dadurch nicht zu beseitigen. Es ist auch jetzt, zehn Jahre nach Erscheinen des Werkes, nicht leicht zu sagen, von welchen seiner Positionen her es die bedeutendsten Wirkungen ausgeübt hat, und zwar vielleicht deswegen nicht, weil der „Stern der Erlösung" zu jener Gattung sonderbarer Bücher gehört, deren Bedeutung vom Moment ihres Erscheinens an zwar durchaus unumstritten war, von denen eine heilende und synthetische Macht still aber spürbar ausging, die jedoch auf eine .geheimnisvolle Weise die Auseinandersetzung mit ihren fundamentalsten Gehalten zugleich zu provozieren und unmöglich zu machen schienen. Und wer möchte bestreiten, dass die Auseinandersetzung mit einem streng theistischen System, in dem sich eine durchaus neue und aus unverbrauchten Quellen religiösen Denkens genährte Einsicht in die Welt des Judentums und seiner Theologie eröffnete, ein dringliches Anliegen war und ist? Und scheint es nicht desto erstaunlicher, dass keinerlei solche Auseinandersetzung bisher erfolgt ist? Unmöglich konnte ja den nachdenklichen Lesern dieses Buches — die schwärmerischen, an denen es ihm keineswegs gefehlt hat, durften ja von seinem Strahl geblendet sein — die herrische Agressivität entgehen, mit der vor allem grosse Partien des zweiten und dritten Teils, die Lehre von der Offenbarung, die Diskussion des Christentums und die theologia mystica der Wahrheit, des „Sterns", in die Spannungswelt der klassischen jüdischen Theologie des Mittelalters oder gar in die beruhigte Idyllik „liberaler" oder „orthodoxer" jüdischer Theologie im Zeitalter des Weltkriegs einbrachen. Gewiss, nach dem Koordinatensystem der „Richtungen" war es unmöglich, die Bahn dieses neuen Sterns festzulegen; aber hätte nicht die offensichtliche Unmöglichkeit, in der Welt Rosenzweigs die der Orthodoxie oder des«Liberalismus wiederzuerkennen, den Willen zur Auseinandersetzung und schärferen Bestimmung des Problematischen, das unausweichlich auch in dieser wie in jeder Theologie gegeben ist, ebenso gut hervorrufen und anspornen können, wie sie ihn in der Tat gelähmt zu haben scheint? Und wenn das Bewusstsein, dass selten ein Stern aus solcher. Tiefe aufgeleuchtet ist und seine Bahn vollendet hat, den Zeitgenossen die kritische Rede, geschweige denn die polemische so gründlich verschlagen hat, obwohl doch Weniges seit dem Erscheinen des More Nebuchim oder des Sohar so stark bestimmt sein konnte, sie hervorzurufen, kann es doch kaum zweifelhaft sein, dass auf lange Sicht betrachtet das Leben dieses Werkes der Potenzierung in *) I. Kauffmann Verlag, Frankfurt a. M. In 5 Teilen, brosch. RM 14.—, geb. RM 16.—. der Kritik nicht wird entraten können. Vielleicht auch hat die rätselhafte Versonnenheit des Werkes, die als die Kehrseite seiner Agressivität vom ersten Geschlecht seiner Leser mit besonderer Intensität scheint wahrgenommen worden zu sein, jene magische Gewalt ausgeübt, die seine Wirkung vorerst in so weitem Umfang in die Stille verbannt hat, in der das Feuer dieses Sterns nach innen schlug. Freilich, um das Geheimnis dieser Wirkung zu ergründen, ist es auch billig, sich zu vergegenwärtigen, auf welche Situation sie traf. Man darf wohl ohne \ ermessenheit sagen, dass kaum je die jüdische Tffeologie von solcher Entleertheit und Nichtigkeit gewesen ist, wie in ■den dem Weltkrieg vorangegangenen Jahrzehnten. Die Unfähigkeit, religiöse Realität in strengen Begriffen zu durchdringen, sowie die allen Strömungen gleicherweise mangelnde Bereitschalt, die religiöse Welt des Judentums in ihrer Totalität zu npperzipieren, bedingen die konstitutionelle Schwäche der Produkte jener Jahre. Seit dem Zusammenbruch der Kabbala und der letzten Versuche, die Wirklichkeit des Judentums von ihrer Basis aus zu beschreiben — Versuche, die wie bei S. Plessner oder E. Benamozegh nur noch den vollen Verfall dieser Bewegung zeigen — litt die orthodoxe Theologie unter dein, was man „Kabbalaangst" nennen möchte, unter dem Entschluss zur Abrogation jeder tieferen Spekulation, die auf eine neue und positive Weise auf jene Welt der Kabbala hätte zurückführen können, ein Entschluss, der sich am unheilvollsten und zerstürendsten in der Theologie Samson Raphael Hirschs ausgewirkt hat, der — ein klassischer Fall eines „verhinderten Mystikers" — es vorzog, einen höchst fragwürdigen und fast brutalen Symbolismus eigener Produktion zu statuieren, um nur der Rüekbeziehung seiner Welt auf die, die er sich selbst verboten hatte: der Kabbala, ausweichen zu können. Und welche mörderischen Abstriche am Judentum nahm eine liberale Theologie vor. die die Realitäten der Sprache, des Landes und des Volkstums aus ihren Einsichten mehr oder minder zu eliminieren hatte, zu Gunsten einer Abstraktion, in der oft (wie z. B. bei Lazarus „Ethik des Judentums") ihre fruchtbarsten und schärften Intuitionen nicht mehr nach Hause fanden, sonder in dem künstlichen Vakuum, das um sie war, erloschen. Der Zionismus schliesslich mit seinen scheinbar säkularisierenden Tendenzen vermochte der Theologie noch nichts zu sagen, die bei ihrer Schwäche die religiöse Problematik, die jene Säkularisierung doch nur so unvollkommen und unwirksam verdeckt, nicht zu erkennen, geschweige denn zu ergreifen im Stande war. In dieser Situation traf uns in Rosenzweigs Werk ein Neues, das uns in unerwarteter Weise vom Zentrum unserer Hoffnungen auf Erneuerung hier ansprach, aufrief und warum sollte man es nicht sagen: bestürzte. Welch Paradox konnte uns stärker ergreifen als dies: wie der Wiederausch hiss an eine grosse, aber unbestimmbar gewordene Tradition jüdischer Wcltansicht hier nicht aus der Auseinandersetzung mit ihren früheren Gliedern, sondern unmittelbar aus einer ganz anderen Ordnung erreicht und entwickelt wurde, aus der philosophischen Versenkung in die Ordnung einer Welt, die den katastrophalen Zusammenbruch lies Idealismus als des Konstruktionspriuzips der Welt zu über-

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