Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 8 (1929-1930)
- Issue
- 9 (5.1930)
- Date
- 1930-05-01
- Page
- Seite 377 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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wir einen jüdischen Friedensbund?" Leitung: Dr. Martin Buber. Frankfurt-Loge, Eschersheimer Landstr. 27, 20 Uhr. Mittwoch, 28. Verein Montefiore E. V. Gemütliches Zusammensein. Musik. Rezitationen, Tanz, im Heim, 20K Uhr. Jüdischer Jugendbund. Vortrag über „Die Vertrustung der deutschen Wirtschaft" von H. Schleinitz vom G. d. A., im Heim, 21 Uhr. 377 J^iWWML.; teinmeb-mct Sigismund Stern. Die beste und bedeutendste Zeit des Philanthropin s ist das erste Jahrzehnt der Schule. Da erscheint ihr Dasein notwendig und selbstverständlich: sie ist erwachsen aus der grossen Freiheitsbewegung, die alle Unterdrückten aus Elend und Rechtlosigkeit heraushebt. Eine starke Berührung mit dem Geist Pestalozzis kennzeichnet die Anfänge des Philanthropins (ich verweise auf meinen Aufsatz im restalozzi-Gedenkbuch der Stadt Frankfurt a. M. 1927); eine Sozialpädagogik, die sich um die ärmsten Kinder des Ghettos bemüht, eine enge Gemeinschaft von Menschen verschiedener Glaubensbekenntnisse bei diesem Erziehungswerk gibt den ersten Jahren der Anstalt Kraft und Grösse. Etwas wie ein Abglanz dieser Zeit liegt auf der Tätigkeit Sigismund Sterns, der 1855—1867, also in den besten Jahren des deutschen Liberalismus, das Philanthropin geleitet hat. In Galliners ausgezeichnetem Buch (Sigismund Stern. Der Reformator und Pädagoge. Von Dr. Arthur Galüner. 192 S. 6 Bildtaf. Gl. M. 7.50. Verlag Englert & Schlosser, Ffm.) ist die Persönlichkeit Sterns zum ersten Mal im Zusammenhang des geschichtlichen Werdens gewürdigt und damit ein Werk geschaffen, das mehr als ein Lebensbild gibt. Wir sehen den jungen Studenten — er war am 2. Juli 1812 zu Karge in der Provinz Posen geboren — zuerst in dem literarischen Verein „Tunnel über der Spree" in Berlin, begeistert für deutsche Geschichte und Literatur, froh des Zusammenseins mit Menschen, die in heiterer Geselligkeit Dichtungen schaffen und geniessen, die keine Unterschiede des Glaubens kennen. Hier im „Tunnel" traten zu Sterns Zeit und auch in den folgenden Jahren viele bekannte Schöpfungen zuerst ans Licht: der spätere Kultusminister von Mühler, von dem Galliner hübsche Freundschaftsbriefe an Stern mitteilt, trug hier zuerst sein lustiges Lied „Grad aus dem Wirthaus komm ich heraus" vor, Fontane 1854 seine Ballade „Archibald Douglas" und Paul Heyse seine beste Novelle „L'Arrabbiata". Wir sehen Stern bei wissenschaftlicher Arbeit: er promoviert 1834 mit einer sprachphilosophischen Untersuchung. Dann bei seiner ersten pädagogischen Tätigkeit als Leiter des Jost'schen Knabeninstituts in Berlin. Von der jüdischen Schule aus findet Stern den Weg, sich mit den Aufgaben des Judentums, mit der Notwendigkeit seiner Eingliederung in den Staatsorganismus und mit einer Reform als Voraussetzung für dieses Ziel zu beschäftigen. Stern wird der Mitbegründer und Organisator der Reform-Gemeinde und wirkt als Lehrer und Prediger, als Kämpfer in Rede^ und Schrift mutig für eine Entwicklung des Judentums, die es mit dem Bedürfnis der Zeit und mit dem Gegenwartsempfmden seiner Bekenner in Einklang bringen will. Der Abschnitt über den „religiösen Reformator" Stern bringt aus den Akten der Berliner Jüdischen Reform-Gemeinde viele interessante neue Einzelheiten. Die zweite Hälfte von Galliners Buch gilt dem Frankfurter Pädagogen Stern. Hier lernt man den praktischen Schulmann kennen, der das Philanthropin schlicht und selbstverständlich in der Reihe der Frankfurter Anstalten zu Achtung und Ansehen führt. Hier spricht der fortschrittliche pädagogische Schriftsteller, hier tritt uns der Lehrer von erfreulicher Standeswürde nah, der Kompetenzüberschreitungen des Schulrates entschieden zurückweist. Hochgeachtet als Erzieher und Volksbildner, als freiheitlicher deutscher Politiker macht Stern seinem Glauben, seiner Schule und seinem Stand Ehre. Bei der Schiller-Feier der Stadt am 10. November 1859 hält Stern im Kaisersaal die Festrede, er wird Mitglied des „Gesetzgebenden Körpers" und der Städtischen Schulkommission, von der ganzen Bürgerschaft als ein Mann anerkannt, der in Wort und Werk der Allgemeinheit etwas zu geben hat. Diese Bedeutung Sigismund Sterns, der schon im Alter von 55 Jahren seinem vielseitigen Wirken entrissen wurde, hat die Historische Kommission der Stadt gewürdigt, indem sie Galliners Buch in die Reihe der Frankfurter Lebensbilder aufnahm. Der Verlag hat das aufschlussreiche Werk hervorragend ausgestattet und ihm mehrere schöne Bildertäfeln beigegeben. Dr. Siegmund Hirsch. Das einzigartige Voll kor 110 brof seit über 30 Jahren! Kizzur Schulchan Aruch von Rabbiner Schelomo Gansfried s. A. Mit Punktation versehen. Ins Deutsche übertragen von Rabbiner Dr. Selig Bamberger. Bd. I, Frankfurt a. M. (Verlag A. J. Hofmann) o. J. Preis geb. RM. 20.—. Im Jahre 1864 ist dieses weitverbreitete Buch der neueren jüdisch-religiösen Literatur erstmalig von seinem Verfasser herausgegeben worden. Noch Zeit seines Lebens Hess er 12 neue Auflagen herausgehen. Später wurde es erst recht häufig gedruckt, auch in eine Reihe neuerer Sprachen übersetzt. Die hier angezeigte Ausgabe gibt den vokalisierten hebräischen Text mit guter deutscher Uebertragung und erscheint in Lieferungen, von denen bis jetzt 23 herausgekommen sind. Die ersten 12 sind zu dem in sich abgeschlossenen Band I von 384 Seiten vereinigt worden. Der Inhalt des Werkes? Es ist, wie sein Name besagt, eine verkürzte Wiedergabe des jüdischen Gesetzeskompendiums „Schulchan Aruch", vielmehr auch nur der Teile desselben, die im wesentlichen rituelle Vorschriften darbieten. An sich ist der Kizzur Schulchan Aruch auch in der vorliegenden Gestaltung im besonderen für den traditionell-gesetzestreuen Juden bestimmt, der durch die Lektüre des Buches seine Kenntnis des jüdischen Ritus befestigen möchte. Es wird gerade dem, dessen hebräisches Wissen nicht allzu weit reicht, gute Dienste leisten. Aber die Bamberger'sche Ausgabe kann und wird_ noch einem anderen Zweck dienen. Das Interesse für jüdisches Gebrauchtum und seine vielgestaltigen Vorschriften, die zum Ritus auch die ethischen Forderungen gesellen (man vergleiche in unserem Band die Kapitel über „Die Lebensführung" und „Das Berufsleben"), ist heute auch in nichtorthodoxen Kreisen viel lebendiger und stärker als noch vor wenigen Jahren. Auch hier wird das Buch einem Bedürfnis entgegenkommen. Schliesslich darf nicht vergessen werden, dass jetzt selbst unter Nichtjuden zuweilen das Verlangen häufiger ist, sich genau und zuverlässig über das weite und nicht ganz leicht verständliche Gebiet des jüdischen Ritus zu unterrichten, wozu Ganzfried-Bambergers Kizzur Schulchan Aruch die rechte Möglichkeit bietet. Die Herausgabe des gut ausgestatteten Werkes ist also herzlich zu begrüssen und seiner Fortführung und baldigen Vollendung bester Erfolg zu wünschen. Ar n old Lazarus. S. Müller, Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst. Karlsruhe (Verlag Boitze) 1930, 86 S., RM. 2.—. Nachdem ich gerade obige Zeilen über den Kizzur Schulchan Aruch geschrieben, kam mir das neue Büchlein des bekannten Religionspädagogen S. Müller zur Hand. Sein Erscheinen bestätigt, wie sehr ein Bedürfnis für Schriften verspürt wird, die über den jüdischen Ritus, seine Art und seinen Sinn aufklären. Müller wendet sich mit seinen knappen Ausführungen, die er in 86 Seiten kleineren Formats gibt, an Interessenten, die den Dingen fernstehen oder wenigstens nicht allzu nahe sind. Ihnen wird das lebendig geschriebene Heft eine ausgezeichnete Einführung und planvolle Uebersicht bieten, um die häuslichen und svnagogalen Bräuche und Gebete des Judentums in ihren Grundzügen kennen zu lernen und in ihren Geist einzudringen. Desgleichen sind Müllers Darstellungen auch im Religionsunterricht, besonders der höheren Schulen, zu verwerten. Mit ihnen ist, wie beabsichtigt, die Möglichkeit geschaffen, unserer Jugend das so wichtige Fach der Ritualien tmd der Liturgie nahezubringen. Unser Lehrplan stellt diese Forderung auf. Ihre Erfüllung wird durch Müllers Buch ganz wesentlich erleichtert oder eigentlich erst gewährleistet. S. Müller hat sich mit seinem neuen Werkchen um unsere jüdische Sache erneut verdient gemacht. Arnold Lazarus. - S ch i r e S i m r o h. Synagogale Kompositionen zeitgenössischer Autoren. J. Kauffmann, Verlag, Ffm., 1930, 140S., M.20.—. Der Allgemeine Deutsche Kantoren- Verband veranstaltete im Jahre 1926 einen Wettbewerb zur Gewinnung neuer synagogaler Kompositionen. Der Ertrag dieses Preisausschreibens, dessen Ergebnis von den Juroren Emanuel Kirschner, Robert Müller- Hartmann und Alexander Weinbaum beurteilt worden ist. Hegt nunmehr in einem stattlichen Sammelband vor. Ein Dutzend Autoren, die wohl alle als Kantoren oder Chorleiter in unmittelbarer Beziehung zur Synagogenmusik stehen, sind in dem-Werk, mit vierzig Arbeiten vertreten. Das -Vorsehen des Kantorenverbandes ist ansich sehr zu. begrüssen. Verharren doch die Gemeinden —.von einem in liturgischen Dingen besonders stark verfochtenen Trägheitsgesetz geleitet — seit Generationen bei den Schöpfungen der bedeutendsten Tonsetzer um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in erster Linie: Sulzers und Lewandowskis, ohne zu bedenken, dass ein Stehenbleiben in künstlerischen Dis-